Mediengeschichte

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die damals modernen Medien rasant an Verbreitung und Bedeutung zuzunehmen. Rundfunk, Grammophon und Film hielten Einzug in die Freizeit der Bevölkerung, wurden aber insbesondere seitens des NS-Regimes auch für Propagandazwecke und zur ideologischen Beeinflussung genutzt. Das galt aber auch für Zeitungen und Zeitschriften sowie die Literatur überhaupt. All diese Medien werden hier sowohl hinsichtlich ihrer Entwicklung als auch ihrer Bedeutung ausführlich vorgestellt.

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Film und Kino

Kino und Rundfunk waren im Laufe der Weimarer Republik in eine zusehends erfolgreiche Konkurrenz zu den tradierten sozialmoralischen Milieus getreten, indem sie Zeit, Geld und Phantasie interessierter Kreise absorbierten, die sonst in Vereine, Gewerkschaften, Parteien oder andere Freizeitaktivitäten geflossen wären.[1] Das Potential dieser damals neuen Medien erkannten die Nationalsozialisten - an ihrer Spitze Joseph Goebbels – schnell und versuchten es durch eine Mischung von Förderung und Kontrolle für ihre politischen und ideologischen Ziele nutzbar zu machen. Stimmungen bis hin zum Hass und bedingungsloser Verehrung ließen sich mittels Film und Kino nämlich weitaus weit besser erzeugen und verbreiten als allein durch Printmedien.[2]

So wie die NS-Akteure damals glaubten, den Film als effektivstes Mittel der Steuerung der „Massen“ einsetzen zu können, folgte ihnen nach 1945 eine großer Teil der wissenschaftlich Forschenden, indem er von einer vollständigen ideologischen Durchdringung der Inhalte der zwischen 1933 und 1945 produzierten Filme und deren propagandistischen Wirksamkeit gegenüber den - passiv gedachten - „Massen“ ausging. Dabei hing die Triftigkeit eines solchen Ansatzes naturgemäß stark davon ab, wie man die grundsätzliche Fähigkeit des Kinopublikums beurteilte, die es umgebenden Realitäten wahrzunehmen und von Filminhalten zu differenzieren. Der jeweilige Grad kritischer Distanz bzw. unkritischer Nähe wiederum war dann entscheidend dafür, wie anhaltend Kinoerlebnisse im Alltag und in der Psyche des Zuschauers nachzuwirken vermochten.

Eine kleinere zweite Gruppe von Filmwissenschaftlern ging und geht dagegen eher davon aus, dass die Hunderten von Komödien oder Abenteuerfilmen unpolitischer Natur waren, wobei einige von ihnen in ihnen gar eine Basis für Widerstand sehen, weil Stars wie Hans Albers keinen Hehl aus ihrer oppositionellen Einstellung gegenüber dem NS-Regime gemacht hätten. Eine dritte Gruppe unterstreicht, dass der unterhaltende Film zwar nicht unbedingt „ideologischen“ Gehalt gehabt habe, aber insofern „politisch“ gewesen sei, als er die Bevölkerung durch die Schaffung einer entspannenden Kinosphäre abseits der massiven Alltagszwänge „abgelenkt“ und letztlich so eine Regimenähe unterstützt und dann insbesondere die Kriegsbereitschaft unterstützt hätte. Eine vierte Gruppe neuerer Forschungen schließlich widmet sich hoch differenzierten Mikroanalysen des Bedeutungsgehalts einzelner Filme oder Genres. Filmkomödien haben demnach trotz aller Komik und Lustigkeit unerwünschte Verhaltensweisen karikiert, die gerade, weil sie überspitzt waren, im Gedächtnis der Zuschauer hängen geblieben wären. Außerdem hätten Filmkomödien eine Welt der Schönheit vorgeführt und kommendes Glück verheißen.[3]

In dieser Hinsicht eröffnete Stephen Lowry 1991 neue Wege, indem er nicht mehr nach der explizit „politische“ Funktion der Spielfilmproduktion im Nationalsozialismus fragte, sondern serine Analyse darauf fokussierte, ob Filme grundsätzlich zur „ideologischen Stabilität der Gesellschaft beitragen, indem sie erwünschte Werte und Verhaltensweisen fördern“. Politische und unpolitische Filme wurden Lowry zufolge bis dahin unzulässig scharf voneinander abgetrennt und die Wirkung von Propaganda eher vorausgesetzt als erklärt, womit eine Manipulation der Zuschauer als automatische Folge des politischen Inhalts erscheine. Eine solche eher oberflächliche Betrachtung rührte laut Lowry daher, dass lediglich Dialoge und nacherzählte Filmhandlung untersucht würden, statt den filmischen Formelementen intensiver auf den Grund zu gehen.[4]

Erst allmählich, so konstatiert Clemens Zimmermann, setze sich in der Forschung die Erkenntnis durch, dass auch während der NS-Zeit entstandene Filme niemals nur „propagandistisch“ sein und aus purer „Ideologie“ bestehen konnten. Vielmehr hätten sie, um für das Kinopublikum attraktiv und glaubhaft zu sein, immer auch realistisch sein und vorhandene Werthaltungen wiedererkennbar spiegeln müssen. „Publikumsgeschmack und Einstellungen des Publikums konnten in der NS-Filmpolitik offensichtlich nicht ignoriert werden; aber wie ist es möglich, diese zu erforschen?“[5]

Hier hilft, wie Zimmermann an anderer Stelle betont, wohl nur ein um vieles umfassenderer Ansatz weiter, denn: „Das Kino war ein Erfahrungsort, ein Erlebnisort, es geht keineswegs nur um den einzelnen Film und seine prinzipiellen Lesarten.“[6] Letztlich, hierin ist Karsten Witte ohne Abstriche zuzustimmen, geht es nicht in erster Linie um die Frage, was ein faschistischer oder nationalsozialistischer Film war, sondern es „sollte gefragt werden, wie Filme im Faschismus oder, besser, im Kontext von Faschismus“ funktioniert haben.[7]

In diesem Sinne soll im Folgenden den verschiedensten Aspekten der Film- und Kinogeschichte der Jahre zwischen 1933 und 1945 nachgegangen werden.

 
Fußnoten

[1] Vgl. Stahr, Volksgemeinschaft, S. 65

[2] Vgl. Kleinhans, Volk, S. 158

[3] Diese Klassifizierung nach Zimmermann, Medien, S. 171f.

[4] Darstellung nach Zimmermann, Medien, S. 163

[5] Zimmermann, Medien, S. 163f.

[6] Zimmermann, Film, S. 123

[7] Witte, Film, S. 119

 

zuletzt bearbeitet am: 17.04.2016