Mediengeschichte

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die damals modernen Medien rasant an Verbreitung und Bedeutung zuzunehmen. Rundfunk, Grammophon und Film hielten Einzug in die Freizeit der Bevölkerung, wurden aber insbesondere seitens des NS-Regimes auch für Propagandazwecke und zur ideologischen Beeinflussung genutzt. Das galt aber auch für Zeitungen und Zeitschriften sowie die Literatur überhaupt. All diese Medien werden hier sowohl hinsichtlich ihrer Entwicklung als auch ihrer Bedeutung ausführlich vorgestellt.

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Medien im Nationalsozialismus

Obwohl nur von zwölfjähriger Dauer, so habe die NS-Zeit doch ein „geschlossenes System medialer Vermittlung“ hinterlassen, heißt es in einem 2010 erschienen „Medien im Nationalsozialismus“ überschriebenen Sammelband. Dem hierzu installierten Propagandaapparat sei es gelungen, „auf raffinierte Weise direkt und frontal, aber auch mit indirekten und subtilen Formen und Stilmitteln“ ein ganzes Land ideologisch zu durchdringen.[1]

Eine solche Aussage trifft sicherlich zu, doch gilt es zu beachten, dass sie zunächst nur auf den massenhaften Charakter der propagandistisch orientierten Mediennutzung in den Jahren zwischen 1933 und 1945 gemünzt ist, jedoch noch nichts über die tatsächlichen Effekte aussagt, die deren Einsatz bei den Medienrezipienten dann tatsächlich erzielte. Neuere Forschungen zeigen nämlich, dass das NS-Regime – und hier an erster Stelle Propagandaminister Joseph Goebbels - die Wirkung der Medien wohl deutlich überschätzt hat, dass also der Kontakt mit Medien und deren Inhalten allein noch nichts darüber aussagt, wie deren Inhalt wirksam wurden. „Entscheidend für die Medienwirkungen“, so heißt es in der Einleitung desselben Bandes, sei „die Interpretation der Inhalte in ihrem internen Kontext – etwa durch Vorwissen und bestimmte Einstellungen – sowie in ihrem externen Kontext, etwa durch soziale und situative Rahmenbedingungen.“ Es muss also gerade mit Blick auf diktatorische Verhältnisse stets um eine möglichst umfassende Kontextualisierung gehen, wobei aber leider die Wirkungen von Medien für die NS-Zeit mangels zeitgenössischer empirischer Forschungen nur schwer fassbar und zu beurteilen sind.[2]

Trotz aller methodischen Probleme gehen aktuelle Untersuchungen zu Medienwirkungen davon aus, dass deren Inhalte weder eine hinreichende noch eine notwendige Ursache von direkten Effekten sind, wobei zugleich der Einfluss von Medien im kognitiven Bereich aber als größer eingeschätzt wird als jener auf Einstellungen. Daraus folgt, dass die zu Propagandazwecken eingesetzte Medien vor allem bereits existierende Prägungen oder Vorlieben verstärkt und in der Lage ist, latent vorhandene Positionen zu aktivieren, aber nur in beschränkter Weise dazu beitragen kann, Gegenpositionen aufzubrechen und zu modifizieren. Ein weiteres Hindernis für eine direkte Wirkung von Medien stellt nach Erkenntnissen der stark theoretisierten, aber unhistorisch argumentierenden Wirkungsforschung das Phänomen dar, dass es sinnvoll ist, mehrere Medien zu nutzen, um die gewünschten Effekte zu erzielen und zu verstärken, wobei die Wirkung deutlich höher ist, wenn die vermittelten Inhalte glaubhaft sind. Insgesamt bleibt eine Erforschung der Wirksamkeit von Medien mit Blick auf die NS-Zeit aber stets ein gutes Stück unsicher und spekulativ, weil es nach Erkenntnis entsprechender Forschungen einfach „zu viele unterschiedlich dimensionierte Einflussvariablen“ zu berücksichtigen gilt. [3]

So sieht man es nach ersten Untersuchungen zu einer Aneignungsgeschichte der medialen Repräsentationen im Nationalsozialismus als wahrscheinlich an, „dass zwischen medial produzierten Inhalten und ihrer Aufnahme eine systematische Differenz“ bestehe. „Bei Empfängern von Medieninhalten finden laufend Decodierungen statt, die je nach kulturellem und sozialem Bezugssystem, Vorbildung, Geschlecht, Alter, Vorerfahrungen sowie individuell voneinander abweichen.“ Innere Widerstände gegenüber Inhalten gelten als störende Faktoren für die gewünschte Rezeption von Medieninhalten, ebenso – wie schon erwähnt – fehlende Glaubwürdigkeit einzelner Medien oder des gesamten Mediensystems. Besonders störend wirkt es, wenn das soziale Umfeld der meinungsbestimmenden Primärgruppen nicht mit den Aussagen der Medien übereinstimmen, denn Einstellungen verändern sich weitaus eher im Zusammenhang interpersonaler Kommunikation als direkt durch Massenkommunikation.[4] Gerade mit Blick auf Kinder und Jugendliche ist bei allen Schwierigkeiten hinsichtlich einer empirischen Belegbarkeit zu vermuten, dass sie gerade deshalb für NS-Propaganda besonders empfänglich waren. Sie besaßen noch wenig Vorwissen mit entsprechend prägenden Einstellungen und damit höchstens eingeschränkte Möglichkeiten zur Einordnung von oder gar zur Kritik an den Propagandainhalten. Erschwerend kam hinzu, dass gerade die Heranwachsenden in bestimmten sozialen Kontexten - vor allem der Schule und in den diversen Lagerformen der NS-Zeit - qua Autorität von Lehrern und Lagerleitern nachhaltig beeinflusst werden konnten, während das NS-Regime zugleich versuchte, andere sozialen Kontakte mit den genannten „meinungsbildenden Primärgruppen“ – vor allem solche zur Kirche – zurückzudrängen.

Die Beeinflussung von Heranwachsenden durch Medien war für den NS-Propagandaapparat gerade auch deshalb naheliegend und attraktiv, weil die jüngere Generation die damaligen „Neuen Medien“, d.h. vor allem Rundfunk und Film, aber durchaus auch Zeitungen und Zeitschriften, begeistert konsumierte. Und nicht nur das: Die aktuelle Forschung kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass gerade das Medienpublikum der NS-Zeit bei der Bewertung von präsentierten Inhalten „hochaktiv“ war. [5] Umso wichtiger musste es sein, soweit eben möglich glaubwürdig zu erscheinen und das interessierte Publikum nicht zu massiv mit plumpen Propagandainhalten zu langweilen.

Das bemerkte auch Goebbels schnell und wies die ausführenden Organe der ihm unterstehenden Propagandamaschinerie an, sich solchen Erfordernissen anzupassen. Denn eins zeigte sich bald und blieb bis zum Kriegsende konstitutives Merkmal des Medienkonsums: Bei allen Einflussmöglichkeiten des NS-Regimes blieb dem Konsumenten zumindest die Option der „Negativauswahl“, indem er seine Ablehnung von Medienprodukten dadurch zum Ausdruck brachte, dass er sie schlicht nicht rezipierte. „Populärkultur unterhält, sonst ist sie keine, und die Propaganda mit und in ihr findet da ihre Grenze, wo das Produkt diese Funktion nicht mehr erfüllt und sich die Konsumenten nicht mehr unterhalten fühlen“, fasst Carsten Würmann eine zentrale Erkenntnis seiner Analyse „Zur Populärkultur im nationalsozialistischen Deutschland“ zusammen. Die die „Populärkultur“ ausmachenden Medien seien eben kein regimeseitig nach Gutdünken einzusetzendes Machtmittel gewesen, sondern – auch unter NS-Vorzeichen - stets Ergebnis eines „Aushandlungsprozesses“ über den Massengeschmack.[6]

Geschmäcker und Vorlieben wechseln und changieren, so dass es nach wie vor problematisch ist, aus den unterschiedlichen Befunden zur Mediennutzung zwischen 1933 und 1945 eine „Bedeutungshierarchie“ der verschiedenen Propagandamittel abzuleiten, in denen dann zumeist Rundfunk und Film – manchmal noch ergänzt um die Presse - um den ersten Rang konkurrieren, das Buch dagegen in aller Regel systematisch an letzter Stelle genannt wird. Gerade die Tatsache aber, dass die Forschung bislang keinen Konsens über das vermeintlich wichtigste Propagandamedium erzielen konnte, kann als aufschlussreiches Indiz dafür gelten, dass zugleich häufig ein wichtiger Aspekt der nationalsozialistischen Propaganda übersehen wird. Während der NS-Zeit wurden – oftmals in seinen Tagebüchern von Goebbels selbst – je nach Zeitpunkt und Anlass mal der Film oder die Wochenschauen, mal der Rundfunk, mal die Presse und durchaus auch das Buch als wirksamstes Propagandamittel genannt. Hieraus lässt sich bei aller gebotenen Vorsicht hinsichtlich der Bedeutung der einzelnen Medien für die Propaganda der Schluss ableiten, dass seitens der hierfür Verantwortlichen während der NS-Zeit anstatt einzelner Medien vielmehr deren differenziert genutzte Vielfalt und Kombination als Chance und Instrument für eine wirkungsvolle Meinungsbeeinflussung verstanden wurde.[7]

Wie dem auch sei: Der Populärkultur, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung Würrmanns, sei es auch zwischen 1933 und 1945 gelungen, die Menschen in Deutschland gut zu unterhalten und damit einen Beitrag zur Stabilisierung des Gesellschaftssystems zu leisten. Dabei mussten einzelne Produkte dieser Populärkultur nicht zwangsläufig auf der Linie der NS-Ideologie liegen und ließen sich in Einzelfällen sogar durchaus als oppositionell rezipieren, aber sie standen – und das ist der zentrale Punkt – nicht in fundamentalem Widerspruch zum NS-System. „Die Populärkultur war systemkonform und Teil einer Lebenswelt, die für die große Mehrzahl der deutschen ‚Volksgenossen‘ keine zwölf Jahre voller Entbehrungen und Todesfurcht bedeutete.“ Vielmehr hielt der Alltag durchaus Freunden und Vergnügungen bereit, so dass es sich – abgesehen vielleicht von der Endphase des Krieges - für die übergroße Mehrheit darin „recht kommod leben“ ließ. „Wer wollte, dem ermöglichte die Populärkultur Tagträumereien und temporäre Fluchten aus diesem NS-Alltagsraum.“ Insofern boten die Medien – und hier in erster Linie Rundfunk und Film – zwischen 1933 und 1945 zwar zu keiner Zeit eine dauerhafte Fluchtmöglichkeit, aber sie boten einen „Pausenraum“, in dem man sich vergnügen und erholen, aber auch ganz einfach die Augen vor der Realität schließen konnte.[8]

In dieser Hinsicht kommt Clemens Zimmermann zu recht eindeutigen Ergebnissen: Dem Bild einer bedingungslos dem Regime ergebenen und ihm vollständig unterworfenen deutschen Gesellschaft, wie es die Nachkriegspublikationen und Fernsehdokumentationen beherrscht habe, so stellt er fest, würden die historischen Fakten widersprechen. Vielmehr würden nach aktuellen Erkenntnissen die den Medien der NS-Zeit zugeschriebenen Funktionen der Konsensbildung, Mobilisierung für den Krieg und Herstellung einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft überall als geeignete Schlüsselbegriffe erweisen. Allerdings sei es jedoch nie allein um politische Propaganda im klassischen Sinn, sondern um subtile Verhaltensnormierung, die Verschiebung von Verhaltensstandards sowie um einen Diskurs um gesellschaftliche Werte gegangen. Angesichts der so konstatierten Vielschichtigkeit konstatiert er abschließend eine „komplizierte Gleichzeitigkeit von ‚unpolitischer Unterhaltung‘, deren ‚politischer‘ Integrationsfunktion“.[9]

 
Fußnoten

[1] Leonard, Medien, S. 14. Einen solchen Anspruch hatte Hitler bereits in seiner Regierungserklärung am 23. März 1933 in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht: „Gleichlautend mit der politischen Entgiftung unseres öffentlichen Lebens wird die Reichsregierung eine durchgreifende moralische Sanierung des Volkskörpers vornehmen. Das gesamte Erziehungswesen, Theater, Film, Literatur, Presse, Rundfunk, sie werden alle Mittel zum Zweck sein. [...] Sie haben alle der Erhaltung der im Wesen unseres Volkstums liegenden Ewigkeitswerte zu dienen.“ (Zitiert nach Dietrich Strothmann: Nationalsozialistische Literaturpolitik. Ein Beitrag zur Publizistik im Dritten Reich, Bonn 1985 (4. Auflage), S. 66). Und Joseph Goebbels sah im Nationalsozialismus kein bloßes Instrument zur Volksbeherrschung, sondern war der Überzeugung, einer Weltanschauung zur Herrschaft verholfen zu haben, die eine umfassende Erklärung der Welt geben könne: „Der Nationalsozialismus“, so Goebbels in seiner Rede auf dem 1. Jahrestagung der Reichsfilmkammer am 5. März 1937, „ist auf dem Gebiet der Haltung sowie des seelischen und geistigen Charakters der Nation ungefähr das, was die Luft für die menschlichen Atmungsorgane darstellt. Wir atmen ihn ein und wir atmen ihn aus. Wir leben in seiner Atmosphäre. Wir sehen, wie er sich nach und nach auf allen Gebieten verwirklicht, in den Dingen, in den Zuständen, in den Menschen.“ (Zitiert nach Kleinhans, Volk, S. 97f. )

[2] Heidenreich/ Neitzel, Medien, S. 7. Vgl. auch Zimmermann, Medien, S. 11.

[3] Zimmermann, Medien, S. 27f.

[4] Zimmermann, Medien, S. 31

[5] Zimmermann, Medien, S. 32. Insofern geht es im Rahmen der „medialen Mobilisierung“ während der NS-Zeit längst nicht mehr ausschließlich und vorrangig um eine „Untersuchung der ideologischen Instrumentalisierung der Medien“, sondern um die Frage des Grades der „Medialisierung des Ideologischen“, wie sie sich etwa im „Erlebniskino“ niedergeschlagen habe. (Vgl. Zimmermann, Medien, S. 35) Bei einer Beschäftigung mit den NS-Medien sollte zudem nie vergessen werden, dass es häufig Mimik und Gestik von Rednern und Akteuren waren, die auf ihre suggestive Art und Weise ihre Wirkung und die der Propaganda insgesamt ausmachten. Allerdings sind solche Effekte aus der Rückschau mit dem nun verfügbaren Wissen und geänderten Seh- und Hörgewohnheiten nur schwer reproduzier- und nachvollziehbar. Aber das, was heute vielleicht sogar manchmal lächerlich anmutet, entfaltete zwischen 1933 und 1945 oftmals erstaunliche (Überzeugungs-) Kraft. Vgl. Heidenreich/ Neitzel, Medien, S. 8.

[6] Würmann /Warner, Pausenraum, S. 7f.

[7] So Van linthout, Buch, S. 39f.

[8] Würmann /Warner, Pausenraum, S. 9

[9] Zimmermann, Medien, S. 261, 264 und 267

 

zuletzt bearbeitet am: 07.10.2016