Die Mutter-Sohn-Beziehung – „Das Leben „in den Dienst des Sohnes gestellt“

Aufgrund der spezifischen Lebensumstände entwickelte sich zwischen Anna und Rudolf Schmitz eine recht spezifische Mutter-Sohn-Beziehung. Sie glaube, so Dorothee Schmitz-Köster, dass ihre Großmutter ihr Leben „in den Dienst des Sohnes gestellt“ habe.“ Dadurch habe sie auch wirklich alles das mit durchlebt, was Rudolf erlebte, weshalb gerade Trennungen wie jene durch Arbeitsdienst und Wehrdienst wohl von beiden als besonders schmerzlich empfunden worden seien. Das komme auch in den Briefen zum Ausdruck. „Es gibt viel Sehnsucht nacheinander.“ Manchmal dränge sich gar der Eindruck auf, als hätten Mutter und Sohn Liebesbriefe gewechselt.

Nach Kriegsende fand die enge Beziehung insofern ihre Fortsetzung, als Großmutter Anna wie selbstverständlich in der schnell wachsenden Familie Schmitz lebte und weiterhin eine wichtige Rolle einnahm. Die junge Ehefrau hatte darunter durchaus zu leiden, denn Anna Schmitz konnte ihren nun verheirateten und zum mehrfachen Vater gewordenen Sohn „einfach nicht loslassen“. Das Zusammenleben hatte aber auch pragmatische Gründe, denn ihre Oma, so Dorothee Schmitz-Köster, sei eben auch im Alter arm geblieben und habe lediglich 100 DM Rente bezogen, von denen sie nicht allein habe leben können. Als eine Art Ausgleich habe sie bei sechs Enkelkindern einen nicht unerheblichen Teil zur Haus- und Familienarbeit beigetragen.

Oma Anna wurde allerdings nicht zuletzt aufgrund innerfamiliären Drucks zum festen Bestandteil des Schmitz’schen Haushaltes und blieb so dauerhaft „emotional versorgt“. „Sie hat so viel durchgemacht mit dem Sohn, der so lange im Krieg und so lange vermisst war. Und jetzt müsst ihr auch etwas für sie tun“, habe die Argumentation von Annas Geschwistern gelautet. „Dazu hat mein Vater sich auch verpflichtet gefühlt.“

 

 

Zurück in die NS-Zeit: War die Zeit der Trennung während des Arbeitsdienstes und bei der Absolvierung des Wehrdienstes begrenzt und insbesondere weitgehend ungefährlich für Leib und Leben, änderte sich das mit Beginn des Zweiten Weltkriegs grundlegend. Während Mutter Anna weiterhin in Köln-Dellbrück lebte und nähte, war der Sohn zunächst in der Eifel (September 1939 bis Januar 1940) und in Groß-Born (Februar 1940 bis Juni 1940), dann in Norwegen (Juni 1940 bis Oktober 1942), anschließend in den Niederlanden (November 1942 bis September 1943) und seit Januar 1944 schließlich an der Ostfront (Rumänien, Baltikum, Ostpreußen) stationiert, wo er am 25. April 1945 verletzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich seine Mutter längst in Mitteldeutschland auf, wohin sie Mitte 1944 evakuiert worden war. Sie kehrte am 1. November 1945 nach Köln-Dellbrück zurück, während Sohn Rudolf einen Monat später aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde.