Hürden - „Dafür würde ich Jahre brauchen!“

Eine intensive Beschäftigung mit den Inhalten der Briefe scheiterte zunächst auch an einem profanen, aber gravierenden Problem: Die Briefe sind in zwar sehr sauberer, für Laien aber dennoch nur mühsam lesbaren Sütterlin-Schrift verfasst. So las Dorothea Hölzer zwar immer wieder ((mal)) einzelne Passagen des Konvoluts, schreckte aufgrund von dessen Umfang wegen der für sie nur schwer lesbaren Schrift vor einer intensiven Beschäftigung zunächst aber noch zurück – bis sie eines Abends im Fernsehen zufällig eine Dokumentation sah, in der die „Sütterlinstube“ in Hamburg vorgestellt wurde, in der sich interessierte und motivierte Seniorinnen und Senioren zusammenfinden, um solch schwer lesbare Quellen zu transkribieren. Sie recherchierte und nahm umgehend Kontakt mit den dort Verantwortlichen auf, die sich nach der Schilderung ihrer Projektidee tatsächlich bereit erklärten, die gesamten Briefe ihres Vaters in Maschinenschrift zu übertragen. Dorothea Hölzer war erleichtert: „Dafür würde ich Jahre brauchen!“ Sie kopierte die Schriftstücke, schickte sie nach Hamburg und bekam die fertige Transkription zurück.

 

Als besonders bereichernd empfand sie neben aller Hilfestellung auch den persönlichen Kontakt zu den in der „Sütterlinstube“ Tätigen. Da ist einmal deren damaliger Vorsitzender Dr. Peter Hohn, mit dem sie mehrfach telefonierte und der ihrem Vorhaben, so erzählt Dorothea Hölzer, von Beginn an sehr aufgeschlossen gegenübergestanden habe. „Das war sehr angenehm.“

Besonders intensiv gestaltete sich dann aber das Verhältnis zu Heinz Demmin, der einen Teil der Briefe transkribierte und sich, dadurch angeregt, mit einem „sehr lieben, herzlichen Brief“ direkt an sie als Tochter des Briefeschreibers wandte. Er habe geschrieben, dass er „noch nie so bewegt und berührt gewesen wäre“ wie bei der Lektüre der Briefe von Hannes Ließem. Das rührte daher, dass Heinz Demmin Vergleichbares erlebt hatte. Auch er hatte als junger Vater in den Krieg ziehen müssen und ähnlich darunter gelitten. Er aber habe das Glück gehabt, wieder nach Hause zu kommen.

 

Bei der Transkription wurde auch ein Geheimnis der Briefe endgültig gelüftet, auf das Dorothea Hölzer schon durch ihre Mutter hingewiesen worden war. „Sie hat gesagt: ‚Du wirst es finden.‘“

Es handelt sich um eine Absprache zwischen Elsbeth und Hannes Ließem, in der beide festgelegt hatten, wie er seiner Frau in verschlüsselter Form seinen Einsatzort mitteilen könne, was in Feldpostbriefen verboten war. Hierzu wurden einzelne Absätze möglichst unauffällig durch winzige Striche gekennzeichnet, wodurch signalisiert wurde, dass man in ihnen genau hingucken musste. Denn hierin „versteckte“ Hannes Ließem einzelne in ihrer Form veränderte Buchstaben, die dann zusammengesetzt am Ende des Briefes seinen ansonsten geheimen Aufenthaltsort verrieten.