Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 28. August 1941

den 28.8.41

Liebster!

Heute nachmittag bekam ich Dein kleines Zettelchen. Ich dachte zuerst, es sei überhaupt nichts im Briefumschlag, so dünn fühlte er sich an. Und nun beginnt die Angst, ob es bis zum 15. mit dem Urlaub klappt. Das ist sehr aufregend. Du m u s s t einfach Urlaub haben.

Hier ist Hochbetrieb. Ich habe heute 20 Pfund Gurken zum Einmachen bekommen und dazu 20 Pfund Rhabarber. Ich werde nochmal 20 Pfund einmachen (Ohne Zucker, denn den gibt's nicht, aber man kann ihn jeweils im Winter dran tun oder Sacharin). Dann habe ich wenigstens Obst für die Kinder in Winter. Wir arbeiten mit Hochdruck und wissen oft nicht, wo wir zuerst anfangen sollen. Aber es ist herrlich, so für alles zu sorgen, damit es recht schön wird.

Die Mu reist nun morgen früh um sechs Uhr. Sie würde uns ja sicher etwas leihen, aber ich konnte nicht so schnell damit herausrücken. Kannst Du es nicht, vielleicht schirftlich? Sie täte es bestimmt. Ich weiss aber darin icht die richtigen Worte, weil ich nicht sagen kann, wofür Du das Geld brauchst. Du kannst es bestimmt besser. Tätest Du es? Würdest Du mich vielleicht auch mal anrufen? Ich bin ja jetzt, wenn ich ganz allein bin, immer abends zu Hause. Dann werde ich allein soviel Arbeit haben, dass ich froh bin, wenn ich in den Abendstunden nacharbeiten kann. Und dann will ich wegen der Kinder abends nicht aus dem Haus.

Als ich heute nachmittag meinen Rhabarber einkochte, erhob sich vor dem Haus ein tolles Geschrei. Helga und Heidi hatten mit Rosi Lippert die Luftschutzbetten geholt, und Klaus und Ursel empfingen sie. Dass Du nicht hier warst und die Freude und die Wichtigkeit gesehen hast. Jeder schleppte unter Indianergeheul ein Bettstück, sogar Ursel zog eine Latte mit. Klaus hatte feuerrote Backen und konnte vor Wichtigkeit die Worte nicht schnell genug rauskriegen. Unter demselben Geschrei wurde das Ganze dann im Keller aufgebaut, und dann musste jeder probieren, und sie stellten fest, dass sie alle vier in das Doppelbett gingen, zwei oben und zwei unten.

Frau Wolff aus der Karl-Finkelnburg-Straße brachte mir eine reizende Bluse für Klaus. Sie war für ihren Jungen bestimmt, dem sie aber zu klein war. So gibt es immer neue Freuden.

In Kessenich sind vorgestern Nacht, in der auch die kleinen Krugs obdachlos wurden, 20 Häuser zerstört worden, aber es gab keine Toten. Die kleinen Krugs gehen jetzt in Helgas und Heidis Klasse. Frau Hillenbrand tut mir leid. Sie ist

so erschöpft nach der Geburt, weil sie keinen Schlaf findet. Du weißt ja, wie es mir nach Jürgen ging, nachts Alarm und um sechs wieder raus. Am Tage kann sie auch nicht schlafen, weil Frau Klausen acht Jungens ins Haus bekommen hat, die den ganzen Tag auf den Treppen poltern, dazu hat sie die vier kleinen Nichten und hat durch den Schreck, den sie im Krankenhaus durch die Bomben in der Goebenstraße bekommen hat, eine wahnsinnige Angst. Sie sieht sehr schlecht aus.

Pappi, ich wollte Dir einen Kuchen backen, aber es gab erst Ende dieser Woche Eier. Nun muss ich am Montag Kuchen für Helgas Geburtstag backen. (Leider wissen es alle Spielkameraden und ich sehe schon den Heuschreckenschwarm, der sich ergiessen wird!) Denn wenn ich auch den strikten Befehl gebe, nur zwei oder drei einzuladen, sehe ich die anderen schon uneingeladen kommen. Da ich aber in derselben Woche unmöglich nochmal backen kann, aus Fettmangel, musst Du Dich gedulden. –

Nächste Woche soll es endlich Kartoffelscheine geben. (Gottseidank. Aber ob wir dann Kartoffeln bekommen, ist noch die Frage.) Die kleinen Krugs erzählten, dass es heute im Päda Gemüse gegeben habe und dazu für jeden eine Apfeltasche. Frau Klausen hätte direkt nach Tisch Teilchen geholt, weil sie so Hunger hätte.

Ach Pappi, ich vertraue Dir ja so, dass du einen richtigen Weg findest und aus em Gefühl heraus bin ich wieder glücklich und habe deshalb auch die Arbeitslust. Frau Wolff hat vielleicht einen Wollanzug für Klaus, und in der Truhe habe ich drei alte Nachthemden von der Urgroßmutter Endemann gefunden, die mindestens 5 Kindernachthemden geben. Erstens habe ich Geld gespart und zweitens würde ich sowieso keine kriegen. Es ist alles wunderschön. Bloß, dass die Mu weggeht, passt mir noch nicht richtig. Sie hat doch viel mitgeholfen und ist immer so fidel. Nun habe ich das Gefühl, als wenn ich alleine an der Front zurückbleibe. Thea hat oben nochmal angerufen, sie wartet toll auf die Mu. Wenn Du nun keinen Urlaub bekämst, wie machten wir es dann mit der Mu? Sollen wir sie dann brieflich fragen?

Heute hast Du nun vier Briefe bekommen. Du siehst aber auch daran, dass Du in Liebe und Not mein Angelpunkt geworden bist. Darum nimm diesen Briefüberfall nicht übel. Deine Lotti