Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 18. Oktober 1941

den 18.10.41

Liebster!

Jetzt muss ich erst mal ein bisschen zu Dir. Draußen stürmt es, und bei Dir wird der Wind wohl durch die Baracken gehen. Ich haben heute abend solche Sehnsucht nach Dir.

Heute, am Samstag könnte es bei dem stürmischen Wetter draußen ein richtig behaglicher Abend werden. Auf dem kleinen Tischchen unter der Lampe stehen der Tee und die Butterbrote, weil es hier oben wärmer ist als unten. Auf der Couch liegen die drei Nummern des ´Reichs´ (wofür ich Dir vielmals und wirklich herzlich danke). Sie kamen gerade in einem Augenblick, wo alles, weil Anneliese nicht da war, reichlich zusammenkam und machten mich froh, einesteils, weil Du an mich gedacht hast und anderenteils, weil für den Tag dann noch ein schöner Abschluss winkte. Und heute noch lese ich darin.

Zum Kaffee heute nachmittag kam Dein Geburtstagsbrief für Heidi. Heidi hatte natürlich einen Kinderkaffee, wie es sich gehört: Zwei Steinchen, zwei Krugs, zwei Schwingers. Klaus hat bei dem Mädchenkaffee nur in sich reingefressen. Dann habe ich mich den Nachmittag über mit den Kindern beschäftigt und Spiele aus meinen Geburtstagsvisiten hervorgekramt: Die Reise nach Jerusalem usw., und vor dem Pudding wurde eine Polonäse durch das ganze Haus gemacht. Ich spielte einen Marsch auf dem Klavier, und Anneliese führte an. Diese Polonäse hat den größten Eindruck gemacht und sollte nach dem Abendessen wiederholt werden. Sie ging durchs ganze Haus und ums Haus herum.

Heidi war keine sehr gute Gastgeberin. Sie hatte ein großes Malbuch von Schwingers bekommen und wollte nun nur malen und hätte am liebsten ihre Gäste zum Haus rausgefeuert.

Anneliese war an dem Tag doch noch an Land gekommen, aber erst abends, weil sie angeblich, nachdem sie sich verspätet hatte, zu bang war zu kommen, und hatte sich nun einen Freund mitgebracht, der für sie reden sollte. Sie hatte sich angeblich in der Nacht so furchtbar erschreckt, weil die Bombe direkt übers Haus zischte, das Haus steht auf der rechten Rheinseite am Ufer, und die Bombe war in der Plittersdorfer Aue eingeschlagen und eine andere in der Kanalstraße. Das sei ihr so an die Nerven gegangen, dass sie nicht aufstehen konnte. Ob das wahr ist, kann ich ja nicht nachprüfen. Sonst ist sie ja. nicht so empfindlich. Und wir hatten uns ja auch schließlich sofort von dem Schrecken erholt.

Der gute Hüllen ist noch nicht mit seinen Kartoffeln erschienen. Ich muss infolgedessen immer Kartoffeln leihen und habe jetzt einen ganzen Schwung zurückzugeben.

Keiner will sie bezahlt haben, jeder will sie in natura zurückbekommen. Wann Hüllen nicht bald kommt, kann ich eine ordentliche Portion zurückgeben

(Was geschäftliches: Finette hat 98.- Mk. für den Splitterschutz in der Quellenstrasse genommen. Du kennst doch die Kellerfenster. Ich halte das etwas hoch.. Unserer hat 32.- Mk. gekostet, als Vergleich. Kann ichwas machen? Aber wieder reklamieren bei Finette ist auch so dumm. Was soll ich tun? [Unsere alten 10.- Mk)]

Und nun spring ich zu Heidis Geburtstag über. Heute vor sieben Jahren brachtest Du mir zum Kaffee einen wunderschönen Baiser mit Schlagsahne, den ich noch malen könnte und dann kam Helga, die gerade laufen konnte, an die Couch, und ich habe, als ich mit Dir allein war, doll geweint, weil ich dachte, ich sähe sie und Euch alle nicht wieder. Bekomme ich bald Post, Pappi?

Din Lött