Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 21. Mai 1944

den 21.5.44

Mein lieber Mann!

Heute, am Muttertag, der für mich trotz aller guten Vorsätze der Kinder wieder leicht aufregend ist, bekommst Du diesen Brief, der unter Assistenz von Jürgen und Ursel, die sich furchtbar um einen kaputten Kasten geschlagen haben, geschrieben wird. Der Vorgarten ist ratzekahl geplündert, weder ein Tausendschönchen noch eine Fliederdolde ist mehr da, und ich musste mich furchtbar freuen!

Ich glaube, die Anlagen am Rhein sehen entsprechend aus, denn scharenweise zogen gestern Jungens mit Flieder-und Goldregensträußen größten Formates vorbei. Ich fragte Günther Pöll, der auch vorbeikam, ob er seinen schönen Strauß gekauft hätte. "Nee, geklaut“, war die Antwort. Alles zu Ehren der Mütter!

Das, was ich mir zum Muttertag gewünscht hatte, ein Brief und warme Sonne,

ist beides nicht gekommen. Im Gegenteil ist es lausig kalt heute. Nun liegt der Tag etwas lang und frierend vor mir.

Ich glaube, aus Deinem Urlaub wird nun nicht mehr viel. Es wird hier von einer Beamten-sperre gemunkelt, die schon sein soll. Aber irgend etwas muss bald geschehen. Alle Welt ist nervös und wartet auf irgendeine Änderung der Lage. Die Luft ist förmlich geladen.

Am 5.Juni melde ich nun Ursel zur Schulaufnahme an. Dann ist nur noch unser Nesthäkchen zu Hause, und Du bist immer noch bei den Soldaten. Und wie Du gingst, war unsere Ursel zwei Jahre. Es ist doch jammerschade um das Leben. Aber vielleicht haben wir in der Beziehung die längste Zeit hinter uns, wenn ich auch an die Zukunft allerlei Gedanken knüpfe, die nicht sehr hoffnungsvoll und vielversprechend sind.

Wie mag die Kriegslage werden?

Die Versicherungen fangen an zu zahlen, die Karlsruher, die Barmenia, die Deutsche Krankenversicherung.

Mitte der Woche besucht mit Silbermann. Ich hatte ihn angerufen, weil ich mit der Abrechnung nicht mehr zurecht kam. Ich glaube, der ist ganz froh,, einen Grund zu haben, aus dem Trümmerfeld Köln herauszukommen. Onkel Arthur hatte ich auch angerufen und ihn gebeten, mir den Rest dessen, was er mit den Seinen zu bekommen hat, zu sagen, damit ich das erledigen kann. Er bat mich dringend, sie nächste Woche zu besuchen, weil Tante Luise nun völlig zu Bett liegt und sich so sehr freuen würde, wieder mal etwas

Von uns zu sehen. Ich sollte auf ihren besonderen Wunsch auch Heidi mitbringen. Mir fehlt aber etwas der Mut. Zumindest fahre ich nicht in die Altstadt. Und dann die ewigen Alarme. Wenn ich es wirklich tue, mache ich es gleich Anfang der Woche.

Die Woche über bin ich sehr fleißig gewesen. Ich habe bis manchmal 11 Uhr abends gearbeitet. Mutter hätte wohl Ihre Freude dran. Diese Woche werden nun Höschen genäht. Dann will ich Salvien in den Vorgarten pflanzen. Und so kommt dann Pfingsten. -

Eben setzt im Radio das Tack-Tack ein mitten in die Musik für die Mütter. Aber es wird wohl nicht viel werden. Ich habe so das Gefühl.

Ach, mein lieber Mann, ich hätte Dir gerne auch einen schönen Brief geschrieben. Aber man ist so außer einem, man lebt in der Erwartung auf das Kommende, es ist wie im neunten Monat.

Schreibe recht bald, und solltest Du keinen Urlaub kriegen, müssen wir beide es desto öfter tun. Nach Möglichkeit dann wieder täglich.

Deine Lotti