Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 19. September 1944

den 19.9.44

Mein lieber Mann!

Langsam haben sich bei allen Leuten die Wogen der Übererregung gelegt, und man kommt wieder ins alte Gleis. D.h., so richtig doch nicht, dazu ist die Front zu nahe und die Zeit mit ihren vielen Fragen zu quälend. Aber, wie gesagt, die Übererregung ist geschwunden, und von der war keiner ausgenommen. Stattdessen kommen so viele Fragen und Gedanken, die einem das Herz schwer machen, so dass ich abends kaum einschlafen kann. Der Gedanke allein, dass in unseren Gaugebiet 'erbitterte Kämpfe' stattfinden, ist so absurd. Wir sitzen nachmittags auf unserem sonnigen Balkon und trinken da Kaffee und schauen auf die stille, sonnige Lessingstraße, auf der die Kinder spielen und 50, 60 km weiter wird auf Tod und Leben gerungen. Der Gedanke kann einem die Freude an der ruhigen Kaffeestunde verderben, er kann nicht nur, er tut es, und es würgt einem im Hals. Auch der Gedanke, in Kürze besetzt zu werden, den merkwürdigerweise die meisten gar nicht so schlimm finden, weil sie fürs Erste sehen, dass damit Krieg und Bombenangriffe zuerst mal vorbei sind, ist würgend. Vielleicht belaste ich mich damit zu sehr und setze mich mit Dingen auseinander, die ich allein doch nicht ändern kann, aber ich kann nun mal nicht dagegen an. Dann ist der Gedanke, dass wir vielleicht länger auseinander sein werden und ob wir uns überhaupt wiedersehen, quälend. Aber vielleicht male ich damit wieder zu viel Schatten an die Wände, man kann Euch doch nicht für ewig die Rückkehr in Euren Ort verbieten.

Kurz gesagt, es ist eine belastende Zeit, und ich will von anderem reden, übrigens, so idyllisch war das Kaffeetrinken nun auch wieder nicht, denn erstens kam Jürgen und fraß uns sozusagen die halbe Portion weg, trotzdem er seinen Teil innehatte, und zweitens kam ein Tiefflieger und machte, dass wir unseren Tisch beinahe umrissen, denn das Biest schoss. Herr Siefken, der gerade wegradeln wollte, sprang wie ein Floh ins Haus zurück, wir aber auch.

Hat eigentlich Frau Lichtschlag etwas von sich hören lassen? Sie ist dort oben doch viel gefährdeter augenblicklich als wir, denn der Hauptdruck geht doch in dieser Richtung. Außerdem droht doch dem ganzen Gebiet einschließlich Ruhrgebiet die Einkesselung, und Frau Lichtschlag sitzt in einer ganz bösen Ecke, denn auch von Maastricht her drückt der Feind stark, und ich kann mir denken, dass in diesem ganzen Gebiet sehr heftig gekämpft werden wird. Dirk Stein schippt bei Erkelenz und morgen geht ein ganzer Transport, wozu auch Lisbeths vierzehnjähriger Bruder gehört, dorthin. .Und gerade diese Ecke macht den Müttern soviel Sorge und Kummer, denn wenn es gelingt, dass die Amerikaner bis Köln durchdrücken, sind die Kinder abgeschnitten.

Hier geht die Rede davon, dass Bonn und das Gebiet bis Rolandseck zur offenen Stadt erklärt wird. Die Lazarette auf der Godeshöhe mit Dr. Monar, in denen Malariakranke lagen, sind alle weggeschafft worden, und sie sind nun Feldlazarette geworden. Und Bonn soll auch Lazarettstadt werden.

Die Kinder spielen unbehelligt um alles, leben in ihrer Welt und sind albern wie nie zuvor. Ursel malt unmögliche Mäuse, Maltalent hat sie keins, und Klaus und Jürgen kümmern sich um jedes Soldatenauto. Jürgen erzählt jedem, dass in kurzer Zeit unser Haus kaputtgeschossen würde, und "dann gehen wir mit dem Rucksack los“. Er kann es nicht erwarten. Wollte Gott, dass das nicht Wirklichkeit wird. Ich sehe doch jetzt die Flüchtlingskolonnen. Gestern kamen 700 durch Ließem, die meisten zu Fuß, viele mit Bauernwagen mit Ochsen davor, mit Kinderwagen. So ein Treck ist etwas Furchtbares. Viele sind 8, 10 oder 14 Tage schon unterwegs. In den Orten, wo sie übernachten, wird ihnen Stroh in Lokale und Scheunen gelegt, denn so viel Betten gibt es nicht, und alle Landstraßen sind überfüllt. Es sind Bilder wie aus dem Dreißigjährigen Krieg, und so weit ist es trotz aller Technik wieder gekommen, dass die Menschheit wie in früheren Jahrhunderten durchs Land zu Fuß wandern muss, denn ganze Dörfer und Städte können eben nicht mit Autobussen weggeschafft werden, und Züge fallen ja sowieso aus.

Gestern war ich mit der Mu in Ließem bei Hüllen. Er oder vielmehr sie liefert die Kartoffeln und außer den 16 Zentnern, die mir vorerst bewilligt sind, noch ein paar Zentner Futterkartoffeln, die aber trotzdem schön sein sollen. Und im sechsten Kriegsjahr nimmt man auch die. Außerdem Möhren und Weißkohl für Sauerkraut. Wir sind die ersten, die die Einkellerscheine zu ihr gebracht haben. Die anderen Leute warten erst ab, was die Zeit bringt und ob sie die Scheine nicht mit auf die Wanderschaft nehmen müssen.

Ich lege Dir einen kleinen Auszug bei, wie die Front im Westen am vorigen Freitag aussah. Genaueres hört Ihr ja nicht, und der Wehrmachtbericht ist ausgerechnet über unsere Ecke sehr schweigsam, aber hier in den Zeitungen kann man ja nicht so schweigsam sein.

Viele liebe Küsse
Deine Lotti

abends

Ich habe mich nach Tisch mit den Kleinen auf den Weg gemacht und bin spazieren gegangen. Es war wunderschön, leider Herbst, in den Gärten unten nach dem Rhein zu rieten die Kinder, was das war, Wirsing oder rote Rüben, und dann gingen wir am Rhein entlang in Richtung Mondorf. Es war so sonntäglich, mit leiser Herbststimmung, dass ich die Zeit ganz vergaß und in einer glücklichen und schönen Stimmung war. Alles war, wie wir es seit zwanzig Jahren kennen, der Rhein, die Promenade, und ich erinnerte mich an vieles in früherer Zeit, angefangen mit unseren Spaziergängen in der Schulzeit und an unsere Heimkehr von der Pütz und an die Frühschoppen im Schaumburger Hof und an vieles andere. Dann, als ich an die Pütz kam, bin ich zu Liebe Lenni rein, die Dich herzlich grüßen lässt und sich sehr freute, mich zu sehen. Im übrigen saß sie und nähte Rucksäcke. Was wir sprachen, war natürlich nur dasselbe.

Dann rief Dr. Gesler an, als ich wieder nach Hause kam, um auch nur dasselbe Thema durchzukauen. Eben kam Gudrun, um mit mir über dasselbe Thema zu sprechen. Sie schleppt alles für die nächsten Tage in den Pädakeller. Otzels wollen in den Wald. Gesler rückt morgen aus seiner Kaserne aus, Richtung Deutschland. Den hättest Du übrigens hören sollen. Im übrigen will er Dir schreiben.

Ich bin jetzt ziemlich ruhig und lasse alles kommen, wie es will. Wir richten uns gründlich für die Keller ein, damit wir acht bis vierzehn Tage darin aushalten können, auch mit abgekochtem Wasser, falls die Leitungen versagen, und mit Kerzen, falls das Licht ausfällt, und hinterher muss man dann sehen, wie's weitergeht.

Gesler fällt der Abschied von Frau und Kind furchtbar schwer. Er sagte, es sei widersinnig, Frau und Kind hier zurücklassen zu müssen ohne Ahnung über ihr weiteres Schicksal, und er geht zurück in Sicherheit. Denn es ist für uns alle das Schwerste, in Kürze bis zum Kriegsende ohne Nachricht von Euch zu sein, und erst dann gegenseitig zu erfahren, ob man noch lebt und ob das Heim noch da ist.

Dirk Stein ist auch zum Schippen weg, in der Gegend von Erkelenz. Gesler sagte aber, dass dort ein Teil schon abgeschnitten sei, und das fürchtete ich auch, denn die Verbindung über Köln wird ja wohl in Kürze aufhören. Ich befürchte auch, dass Dein Paket nicht ankommt, denn in Köln sollen sich die Pakete zu ungeahnten Türmen stapeln, weil so viele Leute noch Sachen wegschicken. Das kann ich nun auch nicht mehr erfahren. Es sind überhaupt schon Hitlerjungens abgeschnitten in der Eifel.

Was die Bevölkerung ärgert, ist, dass die führenden Parteileute mit Autos abziehen, in denen sie ihre Sachen mitnehmen, statt mit dem Treck zu gehen. Auch die Tochter von Herrn Rehborn ist mit dem eigenen Wagen, gestapelt mit Koffern gekommen. Dass sie weggehen, kann ich ja nicht übelnehmen, denn hier würden sie ja verurteilt, aber was man so im einzelnen hört, ist dann wenig erfreulich. Genau wie Gesler am Telefon sagte, als ich meinte, dass dort an der Front hoffentlich genug Menschen seien: Aber keine Patronen. Die Leute von der Front kommen doch täglich

zu uns und holen sich ihre Verpflegung. Die sagen, sie haben nichts zum Kämpfen. - Übrigens sind sie schon bei Düren.

Heute brachte der Nachrichtendienst ja wieder die Meldung, dass V1 wieder schießt. Hoffentlich stehen woanders auch noch Geschütze, denn pro Tag zwei ist doch man wenig. Ich hätte nie gedacht, dass ich V1 je aus eigener Anschauung kennen lernte. Aber Du kannst Dir auch den Schrecken denken, als das Teufelsgeschoss über uns völlig ahnungslose Wesen das erste Mal hinsauste.

Mein lieber, lieber Harald, ich nehme in jedem Brief Abschied von Dir, denn einer von diesen wird ja der letzte sein, der Dich erreicht, ehe die große Pause zwischen uns eintritt. Und deshalb möchte ich Dich liebhalten und umarmen und küssen, immer wieder.

Wie schön ist es, dass wir die Zeit in Dortmund zusammen hatten, Ich denke auch genau wie Du gern an die schöne Hessenreise zurück. Das kann uns nicht geraubt werden, und wenn uns alles Äußere genommen wird. Ich freue mich auch, dass Dr. Gesler mir versprochen hat. Dir von seinem neuen Standort aus gleich zu schreiben und Dir über alles genaue Nachricht zu geben. Gebe das Geschick, dass wir lebendig und gesund durch alles durchkommen.

In den Häusern (auch bei Geslers) wird schon alles verbrannt, was an Aktenkram der SA, an Parteizeichen und Uniformstücken und Büchern vorhanden ist. Von Dir ist ja bloß die Uniformbluse der HJ-Kapelle da. Ich werde sie auch verbrennen, denn wenn den leitenden PG.s das Fortgehen anbefohlen wird, wenn die Gestapo in Köln und die Parteibüros auch schon verbrennen, was an Aktenkram da ist, muss es ja wohl sein. Trotzdem werde ich, bei wem es auch sein möge, mein Inneres nicht umkrempeln und werde in Zukunft mein Deutschtum genau so verteidigen, wie ich Herrn Rehborn gegenüber einige Meinungen geäußert habe, wobei mir einige zuplinkten, ich solle das nicht tun, weil er doch Parteigenosse ist. Und eben das kann ich nicht leiden. Ich war keine Parteigenossin, werde aber in Zukunft alles, was gut an der Partei war, verteidigen, auch einem Amerikaner gegenüber, und ich möchte den sehen, der mich deswegen belangen kann. Herr Rehborn hatte meinen Äusserungen übrigens zustimmen müssen, weil sie wahr waren. Überhaupt scheiden sich jetzt, schon die wirklich anständig Denkenden von der Spreu, auch wenn diese Spreu Abzeichen trug. Es kommt eben doch mal wieder auf das innere Deutschland an.

Spielen sich also in einigen Tagen die Kämpfe im Raum Köln ab, so denke an uns. Ich will auch noch an Nanna und Tante Lina schreiben, an Thea und Hansi habe ich geschrieben. Ich sehe morgen nach, ob auf der Post Geldanweisungen angenommen werden und schicke Dir dann 30.- Mk. Sollte das nicht der Fall sein, so musst Du Dich an Schultzens oder Meyers wenden mit dem Hinweis, dass Du an unser Konto ja nicht mehr rankommst. Ist es zweifelhaft, ob das Geld ankommt, behalte ich es, denn ich kann es in der Zukunft besser brauchen, denn was ich am 1. Oktober beziehen werde, hängt im Dunklen.

Ich küsse Dich viele Male. Jedes solcher Worte schreibe ich mit Bedacht und nicht als Phrase

Deine Lotti