Harald Endemann an seine Frau Charlotte, 9. März 1944

9.3.44

Mein liebes Lottenkind,

hab vielen Dank für Deine beiden letzten Briefe, der Feldpostbrief hat 6, der postlagernde 3 Tage gebraucht.Möglich, daß er bereits in 2 Tagen hier war, denn ich habe einen Tag nicht nachgefragt. Lotting, so ein Brief von Dir ist immer eine richtige Herzstärkung, deren ich besonders jetzt dringend bedarf. Frl. Canisius ist krank in Jever zurückgeblieben, so daß ich alle Arbeit allein am Halse habe, aber das ist nicht der Grund für Deprimiertheit, sondern das ganze Chaos und die ganze Atmosphäre von Gespreiztheit u. Günstlingswirtschaft drückt. Trösten muß mich im Frühjahr der Wald, der sehr schön zu sein scheint, auch Heide ist in der Nähe. Da es nach Rotenburg über eine 1 Stunde zu Fuß ist und Omnibusse nicht oder wenigstens abends, nicht fahren, werde ich vorerst wohl kaum hinkommen.

Die Sache mit Schrims (?)ist ja fatal und,wie mir scheint, denkbar unglücklich gelöst. In das Zimmer gehören 1 bis 2 ältere Leute ohne Möbel hinein. Der einzige Rat, den ich geben kann, ist der, mit Arenz, der doch ein vernünftiger und umgänglicher Mann ist, persönlich zu verhandeln. Es gibt doch sicherlich genug Leute, die keine Möbel haben und sich über ein eingerichtetes Zimmer freuen würden (= Godesberger Hausverwaltungsgeschichte) . Sprich doch mal mit Arenz (aber nicht telefonisch, sondern persönlich).

Ich habe mir vor ein paar Tagen 3 Ginsterzweige in mein Büro geholt, die fangen an zu knospen und

machen mir viel Freude. Hier ist es draußen noch rauh und kalt, nur wenn die Sonne scheint, kommt ein frühlingsmäßiger Ton hinein. Heute Mittag sang ein Distelfink sein Lied schon ganz durch. Mit dem Urlaub wird es wohl vorerst nichts werden, weil die Canisius nicht da ist und sonst keiner, der mich vertreten könnte. Ich käme ganz schrecklich gerne und wenn es nur auf Stunden wäre. Wir liegen hier ja ganz schön an der Strecke. Die Züge, die ich nachts rollen höre, fahren z.T,. nach Köln. In Jever spielte ich immer noch mit dem Plan, daß Du mich im Sommer besuchen könntest, obgleich das aus geldlichen und sonstigen Gründen kaum gegangen wäre. Hier ist es so gut wie ausgeschlossen, denn wohin mit Dir und wann könnten wir uns sehen. Es wäre immer erst spät am Abend. Es ist doch schade, daß wir von Jever weg sind. Auch das Fehlen von Milch macht sich recht bemerkbar. Ich habe hier nun einmal Hunger, und das den ganzen Tag. Das Essen ist gut,aber sehr knapp (nur ein Schlag).

Wir haben gemeutert, aber es wurde uns vorgerechnet, daß uns nicht mehr zustünde.

Da ist dann wohl nichts zu machen.

Also liebe, liebe Grüße und Küsse  
Dein Harald