Harald Endemann an seine Frau Charlotte, 1. Juni 1944

1.6.44

Mein liebes Lottenkind!

Wie habe ich mich gestern über Deinen Anruf gefreut! Wenn es auch zum größten Teil geschäftlich war, so habe ich doch deine Stimme gehört und das ist schon viel. Bei uns war es sehr lebhaft. Vor einigen Tagen haben etwa 100 amerikanische Großbomber unseren Platz angegriffen. Es hat toll gerumbst und es sieht entsprechend aus. Etwa 1000 schwere Bomben sind gefallen. Gott sei Dank sitzen wir ja mit dem Stab genügend weit ab. Wir können gar nicht dankbar genug sein, daß wir hier rausgezogen werden. Unsere Unterkunftsbaracke hat 3 Volltreffer, trotzdem können wir in unserem Zimmer noch schlafen. Es sind zwar weder Fenster noch Türen, weder Licht noch Wasser oder Putz an den Wänden mehr da, aber es ist ja Sommer. Der Weg dorthin ist allerdings eine Bergpartie. Wie ich schon sagte wird es mit meinem Urlaub erst am 15.6.44 was. Trotz aller Vorstellungen hat man erst Frl. Canisius 3 Wochen Nachurlaub gegeben, dann Frl. Pickel, die mir an Stelle von Frl. G. helfen sollte, 14 Tage und jetzt Oberfw. Edel 16 Tage, und wenn die wieder zurück sind, dann kann ich – wenn nicht inzwischen der Teufel los ist – auch fahren. Es ist ein Skandal, aber es ist so. Entsprechend ist auch meine Stimmung. Trotzdem habe ich das Pfingstfest ganz nett – sogar sehr nett – gefeiert. Ganz gegen alle Erwartung bekam jeder einen Nachmittag frei und den habe ich benutzt um einen schönen 5stündigen Spaziergang in die wirklich schöne Umgebung zu machen. Es war sommerlich heiß und im Moor gab es zahllose Mücken, aber man hatte doch mal das Gefühl, frei zu sein. Als ich dann abends gegen 8 Uhr zum Horst kam, erfuhr ich schon an der Wache, daß ich den ganzen Nachmittag gesucht worden sei. Jeder, dem ich begegnete, sagte mir das. Ich ahnte nichts Gutes. Als ich auf mein Zimmer kam - ich war müde und verschwitzt – fand ich dort einen Zettel von Feldw. Wöllner, daß ich sofort zum Waldschlößchen kommen sollte. Was mochte das sein. Dienstlich klang das eigentlich nicht. Ich machte mich also frisch, aß schnell einen Happen und ging auf brennenden Füßen zum Waldschlößchen, wo ich gegen 9 Uhr ankam. Kaum war ich in der Türe sichtbar geworden, da ging ein Hallo! los. Da kommt er, da ist er und so weiter. Ich sah an einem langen Tisch Fbl. Wöllner und eine Reihe anderer Feldwebel mit vielen Mädels, von denen ich keine kannte. Ich wurde vorgestellt und mußte Platz nehmen bekam gleich ein Glas Sekt und einen Schnaps. Wollner sagte mir, daß er mich den ganzen Nachmittag gesucht habe, ich sollte mit ihnen Pfingsten feiern. Ich käme sonst froh nicht raus. Meine Einwände, daß ich hundemüde sei, wurden nicht gehört und so hab ich dann mitgemacht. Ich habe ja bis heute noch das Gefühl, daß es nicht nur rührende Sorge um mich war, sondern daß ihnen einfach ein Mann gefehlt habe. Auf jeden Fall habe ich meine Müdigkeit schnell

vertrunken (?) und war nach etwa einer Stunde frisch wie ein Fisch im Wasser. Ich bin gabz gut in Stimmung gekommen und habe bis 5,15 mitgemacht. Es gab reichlich zu trinken und auch etwas zu rauchen. Das allein hätte mich, der ich zu Pfingsten nicht eine Zigarette hatte, in Stimmung gebracht. Es war auf jeden Fall aber nett. Meine Tischdame war die Tochter aus einem größeren Konfektionshaus in Rotenburg etwa im Stile Gallep (= Godesberger Konfektionshaus). Sie war 31 Jahre (ich schätze 35)ganz ansehnlich und vor allem recht munter. Am 2. Pfingsttag gab es abends eine Nachfeier mit Bohnenkaffee und Kuchen. Eine von den Mädels war die Tochter aus einer Großbäckerei. Ich war aber anschließend so müde, daß ich trotz des Bohnenkaffees gut geschlafen habe. Außerdem habe ich mit Wilhelm Lichtschlag eine ganz ausgezeichnete Flasche Wein,die er von Hause mitgebracht hatte getrunken. Du siehst, daß Pfingsten etwas durchaus festliches für mich hatte. Es ist aber auch wie eine Oase in einer weiten Wüste.

Wenn Du diesen Brief bekommst, ist vielleicht schon Dein Geburtstag. Die Dinger(?) gehen ja jetzt so schaurig lange. Es soll dies nun kein Geburtstagsbrief sein, aber wenigstens sein Vorläufer und soll schon ein klein wenig Geburtstagsstimmung bringen. Ich kann ja nur in Gedanken recht lieb zu Dir sein, weil jede Möglichkeit fehlt, Dir meine Liebe zu zeigen. Ich hatte ja immer noch gehofft, daß ich wenigstens zu Deinem Geburtstag zu Hause sein könnte.Es ist aber nicht möglich, weil Frl. Pickel erst am 11. und Edel erst am 15.6. aus ihrem Urlaub wieder kommen. Ich sehe ja ein, daß nicht alle auf einmal wegkönnen. Daß ich aber als kinderreicher Familienvater, der obendrein noch wichtige Erbschaftssachen zu regeln hat zuletzt drankommt, das verstehe ich nicht. Nun bin ich schon wieder böse und sollte Dir doch etwas Liebes zum Geburtstag schreiben. Aber der Ärger sitzt eben doch sehr tief. Obwohl Du ja längst weißt,wie lieb ich Dich habe und daß Du auch bei langer Trennung der Mittelpunkt meines Lebens bist und bleibst, muß ich es Dir noch mal sagen. Ich freue mich an der Heimat, freue mich herzlich und innig an den Kindern, aber an Dir freue ich mich am allermeisten und so toll, daß es geradezu kitschig klingen würde, wenn man es hinschreiben sollte. Ich nehme Dich dehalb ganz lieb in den Arm und küsse Dich lieb und lang.

Dein Mann