Hannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 16. April 1944

16. April 1944

Meine liebe, liebe Elsbeth!

Recht herzlichen Dank für Deine ersten beiden Briefe aus dem Sanatorium.

Mir ist ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Sehe ich doch, daß nunmehr etwas Ernstes unternommen wird, um Dich wieder gesund zu machen. Die Gesellschaft ist auch anscheinend angenehm, sodaß etwas für Dein leibliches und geistiges Wohl getan wird. Daß die Behandlung mit manchem Unangenehmen verbunden ist, ist ja schade, aber besser so wie garnichts. Was ist Dr. Zett für ein Mann? Ist das Haus nett? Kannst Du nicht mal eine Ansicht schicken? Sind die Kurgäste älter oder jung? Daß Du mir nicht von schöngeistigen jungen Dichtern und Musikern den Kopf verdrehen läßt ! ! ! Umgekehrt ist nicht schlimm. Oder liegt kein Grund zur Eifersucht vor? Du weißt ja und kennst meine rasende Eifersucht ! ! ! Du kannst die Leute ja

darauf aufmerksam machen, daß ich stets eine geladene Pistole mit mir führe, und daß ich imstande wäre, sämtliche Sanatorium-Insassen der Reihe nach umzulegen. Um einen mehr oder weniger kommt es einem alten Landser bekanntlich ja nicht an. Vermeide also dieses grausige Blutbad und die daraus entstehende Moritat. Ballade.

Wir hatten hier vergangene Woche einen Uffz.-Abend mit Batl.-Kommandeur, Chef und unserem Uffz.-Körper. Es war ganz feierlich, nachher nett und lustig. Wir hatten ein Kalb organisiert, dazu gabs Kartoffeln und Blumenkohl. Tadellosen Wein hatten wir auch, sodaß eine fröhliche und nicht ausgelassene Stimmung aufkam, denn Schnaps gabs Gottseidank keinen. Tische waren mit geklautem Leinen weiß gedeckt. Blumen standen auf dem Tisch. Der techn. Zeichner aus meinem Komp.-Trupp fertigte hatte Tischkarten angefertigt. Meine anbei. Mit dem Batl.-Kommandeur war auch der Adjutant gekommen. Er eröffnete mir, daß ich nun zur 3. Kompanie versetzt bin. Ich habe nun somit sämtliche Kompanien des Batl. und die Brüko

durch. Lt. Just verabschiedete sich an dem Abend. Er ist nun zu einem Lehrgang und in Heirats-Urlaub. Ich weine ihm bestimmt keine Träne nach. Als neuen Chef haben wir einen Oberleutnant Kleinschmidt. Ein ganz einfacher Mann, 13 Jahre akt. Soldat und seit dem 1. 1. 44 Hauptmann. Kann aber den 2. Stern noch nicht tragen, da die Papiere dazu noch in Rußland schweben. Ein Mann ohne große, komplizierte Gedanken – wie mein Vater, nur soldatischer. Ein Gedanke beherrscht ihn mit aller Macht: Seine Frau, sein Kind. Stundenlang erzählt er von ihr, wenn wir beide abends zu Bett gehen wollen. (Wir schlafen zusammen im Zimmer, mein ständiges Los als Komp.-Truppführer.) Ich weiß, wann, wo, bei welcher Gelegenheit er seine Frau kennengelernt hat usw. Sie müssen sich heftig lieben, er ist 32 Jahre alt, verliebt wie ich. Ich habe ihm natürlich auch von uns schon verschiedenes erzählt. Er hält große Stücke auf mich. Ich habe also, wie man sagt, dienstlich und außerdienstlich „so ‘ne Nummer“.

Auf unserem Speiseplan hier bei den Verwaltersleuten stehen seit einigen Tagen „Artischocken“. Roh, gebraten, gekocht. Ganz wunderbar schmecken sie mit Eiern in die Pfanne geschlagen als Pfannkuchen. Ganz herrlich schmeckt das.

Auf dem Feldküchenplan steht noch immer „Blumenkohl“ an erster Stelle. Kartoffeln gibt’s schon lange keine mehr. Vorgestern lagen noch 800 Köpfe feinsten Blumenkohls vor der Küche. Die Leute werden noch zu Blumenkohl. Ich habe schon mal gedacht: „Wenn Elsbeth das sieht, zählt sie im Geiste ihre leeren Einmachgläser.

So, und nun grüße ich Dich ganz herzlich und küsse Dich innig auf Deinen lieben, guten Mund. Ich wünsche Dir baldige gute Besserung und bin immer
Dein Hannes.