Anneliese Hastenplug an Andreas van Kann, 2. Juli 1943

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Köln, den 2.7.43.

Mein herzliebster Peps!

Nun habe ich schon seit meinem Geburtstage keine Post mehr von Dir bekommen. Bis heute ging noch garkeine durch. Meine einzige Hoffnung setze ich auf morgen. Sicher finde ich welche vor, wenn ich morgen nach Hause komme. - Zu meiner allergrößten Erschütterung mußte ich gestern von Deinen Eltern vernehmen, daß das Telegram nicht durchgegangen ist, nur noch für Totalfliegergeschädigte und dabei hatte ich schon fest damit gerechnet, Dich heute oder morgen bei mir zu haben. Du kannst Dir garnicht vorstellen, welchen Schlag mir das gestern abend versetzt hat. Ich war so traurig und niedergeschlagen, daß ich überhaupt nichts mehr sagen konnte.

Gibt Dein Chef Dir denn nicht so ein paar Tage Urlaub wo Du doch und auch er ein Kölner Junge seid. Ich meine dauernd, Du müßtest da doch kommen. Man weiß doch garnicht, ob man sich überhaupt nochmal wieder sieht. Peps, lieber Peps, komme doch für ein paar Tage. Der Fritz hat jetzt schon das dritte Mal Nachurlaub bekommen. Er kann noch bis Montag bleiben. Gerade war er hier. Wir haben nochmal Jugenderinnerungen aufgefrischt, von der Tour nach Herchen, von Frank u.s.w. Er hat mir nur alles bezw. Frank etwas anders geschildert als Du. Du sagst doch immer, und hast es im letzten

Urlaub noch felsenfest behauptet, alles was mit Frank zusammenhing wäre abgekartetes Spiel gewesen. Ich hab’ das nicht zum Fritz gesagt, aber wie der Fritz erzählt, schien es doch ein bißchen anders gewesen zu sein. Sag’ mal, gönnst Du mir den billigen „Triumpf“ eigentlich nicht, daß sich auch mal ein anderer für mich interessiert hat, oder hast Du heute noch Angst, ich würde ins feindliche Lager hinüberschwenken? Na, ich meine, diese Sorge dürfte ich Dir doch mittlerweile abgenommen haben. Du bist doch ein dummer Kerl, Du, Du Labbes. Überhaupt finde ich, Du willst nie eingestehen, daß ich bei anderen schon mal Chancen habe und ich das gleiche auch bei Dir. Ist Dir das noch nicht aufgefallen. Mir schon! Wir haben uns einmal deswegen beinahe in die Wolle gekriegt. Ich glaube, das ist nur Eifersucht! Drollig was?!

Jetzt mal was anderes, ich möchte gerne raus aus Köln. Ich komme aber bestimmt nicht vom Betrieb aus frei, vielleicht wenn meine Eltern mitzögen und wir die Wohnung zur Verfügung stellten, sonst ganz bestimmt nicht. Die halbe Betriebsgemeinschaft ist sowieso schon weg weil sie totalgeschädigt sind. Aber wir müssen ausharren wie die Soldaten: dienstverpflichtet.

Adele kommt frei, weil sie noch in der Lehre ist. Sie muß nur RM 50.- als Entschädigung zahlen. Wie gerne täte ich das. Ich würde mich sogar auf dem Lande wieder hinter die Theke stellen, wenn ich nur hier aus Köln raus könnte. Du kannst Dir denken, wenn ich schon so spreche, dann muß es schon entsetzlich sein, wo ich jetzt die

schöne, gutbezahlte Stelle habe. Weißt Du, jetzt wo ich ans weggehen denke, kommt es mir erst recht zum Bewußtsein, welch’ schöne Stelle ich doch eigentlich habe. Ich glaube es fiele mir recht schwer und trotzdem täte ich jede andere Arbeit, nur aus Köln raus. Aber der Chef sagte schon zu mir und Frl. Welter, die auch weg will, was wir uns dächten, ob er ausgerechnet seine beiden besten Kräfte hergäbe. Ich glaube nicht, das daraus was wird. Gestern haben wir uns auf der Ortsgruppe erkundigt. Zuerst müssen wir vom Betrieb eine Bescheinigung haben, daß er uns freigibt, damit müssen wir dann zum Arbeitsamt um von diesem „die Freiheit“ zu erlangen. Da kannst Du schon sehen wie aussichtslos die Angelegenheit ist, andernfalls werden wir polizeilich zurückgeholt. Na, da heißt es eben ausharren und alles über sich ergehen lassen. Gehts gut, hat man Glück

gehabt, geht’s schief, ist halt Pech! -

Von Frl. Frickel haben wir immer noch nichts gehört. Ich kann aber noch immer nicht in die Stadt, weil noch überall die Leichen herumliegen, heute nach fünf Tagen noch, sonst wäre ich schon längst mal ins Severinsviertel gucken gegangen, Frl. Frickel wohnt nämlich in der Jakobstr. Na, vielleicht lebt sie doch noch und ist, weil sie totalgeschädigt ist, schon weggefahren. -

Hoffentlich habe ich morgen Post. Außer Dir ist sie momentan mein größte Sehnsucht.

Liebster, gute Nacht!

Grüße + Küsse

Deine Annelie.