Horst Schmitt an seine Familie, 2. Juli 1943

Unterwössen, den 2.7.43.

Meine Lieben!

Das ist ja eigentlich ein dummer, alltäglicher Anfang, aber da mir kein besserer einfällt, fang ich eben so an. Also meine Lieben. Jetzt bin ich schon eine ganze Zeit von Euch fort und habe erst einen Brief geschrieben. Das kommt davon, dass ich hier ziemlich viel zutun habe; denn in der letzten Zeit war im KLV-Lager allerhand los. Wie ich Euch schon mitteilte, sagte mir mein Vorgänger, als er wegging, so ganz nebenbei, dass am nächsten Sonntag, d. h. am 20.6., in Traunstein ein Kreistag stattfindet und unser Lager nach dorthin fahren soll und dabei am Gauleiter Giesler aus Bochum vorbeimarschieren soll. Na, ich glaube, der hatte noch garnicht ganz begriffen, was das heissen soll. Das war 5 Tage vor dem Kreistag. Ich glaube, wenn der mir nichts gesagt hätte, wären wir am Sonntag ohne jede Vorbereitung nach Traunstein gesegelt; denn der HJ-Führer war für die Sache voll und ganz verantwortlich. Als ich dann bestimmte, dass sofort im Nachmittagsdienst marschiert u. nochmals marschiert werden sollte, da guckte man mich zuerst an. Als ich es ihnen dann klar gemacht hatte, gings mit Feuereifer an die Arbeit. Ich kann Euch sagen: da wurde marschiert. Ich habe mir das von ferne angesehen, da zugweise marschiert und ich als LMF natürlich bloss anstandshalber dabeisein muss; denn die Zugführer arbeiten vollkommen alleine. In den letzten drei Tagen habe ich dann die ganze Mannschaft exerziert. Da war ich so richtig in meinem Element! Wie das klappte! Es war ja wichtig, dass die Jungen mit einer gewissen Sicherheit in den „Kampf“ zogen, und für die habe ich gesorgt! Obwohl es regnete, sind wir mit einer Begeisterung marschiert, dass kaum ein Ende zu finden war. Ja und dann kam der Tag, auf den solange gewartet war. Wie er gelaufen ist, könnt ihr aus dem beiliegenden Bericht lesen, den ich für die „Rote Erde“, Bochum, geschrieben hatte als „Fachmann“ auf diesem Gebiete. Der Lagerleiter war ganz begeistert von dem Artikel. Ich muss nun einiges ergänzen, was in dem Artikel nicht steht und mich persönlich anbetrifft. Als wir auf dem Bahnhof in Traunstein ankamen, da marschierte das KLV-Lager Ho 211, das sind nämlich wir, in Sechserreihen zum Aufstellplatz für die auswärtigen Einheiten. Eine Seitenrichtung und Vordermann, die anderen Einheitsführer haben sich gleich

„hingesetzt“. Von hier aus marschierten alle Einheiten zusammen zum Versammlungsplatz. Meine drei Zugführer gingen währenddessen zu einem Hotel und brachten die Koffer mit Verpflegung dorthin. So marschierte die Einheit ganz allein; denn ich musste als Einheitenführer mit an der Spitze des ganzen Zuges marschieren. Und wie marschierten die Kerle! Es war die beste Einheit im ganzen Zug gewesen. Das konnte man immer wieder feststellen, wenn es einmal um die Ecke ging. Auf dem Versammlungsplatz sollte unsere Einheit in zwei Marschblöcke aufgeteilt werden (weil wir 90 Jg. waren, und in einem Marschblock nicht mehr wie 60 Jg. sein durften). Ich habe mich dagegen gewehrt und habe dann auch die Erlaubnis erhalten. Und wie war ich beim näheren Hinsehen empört! Da sah ich nämlich mehr Marschblöcke mit 100 Jg. als mit 60! Aber nur weil wir so gut marschierten und deshalb beim Vorbeimarsch uns zusehr von den anderen abheben würden, sollten wir getrennt werden. Aber, wer anderen eine Grube gräbt, fällt bekanntlich selber hinein. So war es auch hier. Als wir zum Vorbeimarsch gingen, natürlich in Sechserreihen, fuhr der Bannführer vom Bann Traunstein mit dem Wagen an uns vorbei und gab mir den dienstlichen Befehl, in Dreierreihen zu marschieren. Das musste ich natürlich auf jeden Fall ausführen. Da hättet Ihr mal Jungen fluchen hören können! Die Wut war sehr gross. Aber zusammengenommen haben sie sich doch. Und das war die Hauptsache; denn der Vorbeimarsch klappte wie am Schnürchen. Der Gauleiter war ganz begeistert. Er liess uns nach dem Vorbeimarsch noch einmal zurückmarschieren. Dann sollten wir das Bochumer-Jungen-Lied singen. „Wie das hingehauen hat!“ Ein Beifallssturm ohne gleichen belohnte das gute Singen und Marschieren. Als wir zum Bahnhof marschierten trafen wir den Gauleiter noch einmal. Da wir gerade in Sechserreihen marschierten, haben wir einen Vorbeimarsch mit Paradeschritten gemacht, der ja eigentlich wegen seiner Schwierigkeit in der Hitler-Jugend verboten ist. Aber er hat so gut geklappt, dass erstens der Gauleiter mich zurückrief und sich bei mir wegen des Geistes, der in der Mannschaft herrsche, bedankte und uns dann eine Reise nach Innsbruck sowie 5 Akkordeons und jedem eine Mundharmonika schenkte. Die Jungen waren bald aus Rand und Band.

Die Fahrt nach Innsbruck werden wir am Ende dieses Monats antreten. Ich werde vorher die ganze Strecke schon einmal abfahren und alles „organisieren“, d. h. für Ess- und Schlafgelegenheiten sorgen. Dabei werde ich mir natürlich nach meiner Art alles genau ansehen! In Innsbruck werde ich mit der Nordkettenbahn, einer Seilbahn, hinauffahren und den herrlichen Blick ins Inntal geniessen. Die Fahrt geht weiter über Garmisch-Partenkirchen, wo ich natürlich die Zugspitze befahren werde! Da bin ich auch auf Deutschlands ehemalig höchstem Berg gewesen. Auch hier habe ich dienstlich zu tun; denn mit der ganzen Lagermannschaft, die ich als Reiseführer anführe, bleiben wir auch im berühmtesten Schiort Deutschlands. Dann fahre ich, aber nur für mich persönlich, nach Oberammergau und von hier aus zu den Königsschlössern! Das wird ja ein Genuss, auf den sich meiner Mutter Sohn königlich freut! Dann fahren die Jungen nach München, das ich wie meine Westentasche bald kenne! Hier werden wir uns die nationalsozialistischen Denkmäler ansehen. Die ganze Fahrt dauert für die Jungen drei Tage. Ich bin ja sehr gespannt, wie die Sache ablaufen wird. Aber wir haben schon verschiedene Tagestouren gemacht, bei denen sich die Jungen tadellos benommen haben. So sind wir zum Chiemsee gefahren. Dort haben wir das schöne Königsschloss Herrenchiemsee besucht. Sowas an Pracht gibt es bestimmt nicht mehr in der Welt! Die Aufseher sprachen vom am prächtigsten ausgestatteten Schloss der ganzen Erde. Und das kann ich mir ja denken. Es war einfach garnicht zu fassen, was hier an Schönheiten und Gold und Silber aufgestapelt war. Ich habe eine ganze Reihe schönster Ansichtskarten mitgebracht, die ich Euch zeige, wenn ich wieder zu Hause bin. Dann sind wir mit der ganzen Mannschaft nach Salzburg gefahren und haben uns Mozarts Geburtsstadt sehr eingehend angesehen. Ein berühmter Schauspieler von einem Bauerntheater, wie sie hier viele geben und deren künstlerische Leistungen teilweise ganz hervorragend sind, hat uns diese schönste Stadt an der Salzach gezeigt. Er hat mir auch ein Bild mit seiner Unterschrift gegeben.

Dann will ich Euch noch kurz mitteilen, dass ich am Ende meines KLV-Einsatzes zum Gross-Glockner fahre und mir Berchtesgarden sowie den Obersalzberg ansehen werde.

Anbei schicke ich das Schreiben vom Wehrbezirkskommando zurück, das Ihr ja wohl weiterleitet. Mit der Versicherung, dass es mir blendend geht, will ich meinen kurzen Brief schliessen. Es grüsst Euch alle Drei herzlich

Horst

Wenden!

NS. Was hat das für eine Bewandnis mit den RM 5.- ????????

Ich nehme natürlich jeder Zeit gerne Geld an, da ich für meine grossen Reisen mehr Geld gebrauche, als ich hier „verdiene“, obwohl ich in nächster Zeit mit einer Gehaltszulage zu rechnen habe, da das Lager bald mehr Jungen als 120 haben wird, und dann stehen mir RM 1.80 pro Tag zu. D.O.

(Augenblicklich bekomme ich RM 1.50 p. T.)

Durch Fleiss zum Erfolg

Ein Tag der Bochumer Jungen mit Gauleiter Giesler

„Regentropfen, Regentropfen, die an mein Fenster klopfen“, das können auch die 90 Bochumer Jungen singen, die im KLV-Lager Unterwössen in der Nähe des Chiemsees abwechslungsreiche Monate verleben. Schon Wochen regnet es ununterbrochen und die 90 Jungen sind auf die Räumlichkeiten im KLV-Lager angewiesen. Da kommt plötzlich der Befehl, der die Jungen aus dem täglichen Einerlei herausreisst: das Lager soll nämlich am nächsten Sonntag an dem Kreistag in Traunstein teilnehmen und dabei am Gauleiter Giesler aus Bochum vorbeimarschieren. Wie das die Jungen aufhören lässt! Zwar sind es nur noch 5 Tage bis zum Kreistag, aber trotzdem gehen die Jungen mit grosser Zuversicht ans Exerzieren. „Den Laden werden wir schon schmeissen!“ hörte man alleweil. Es regnet und regnet, aber trotzdem wird fleissig marschiert. Und wie sind die Jungen dabei, die schwierigen Ordnungsübungen zu erlernen! Immerwieder schallen die lauten Kommandos der HJ-Führer über den Exerzierplatz. So vergeht die Woche sehr schnell. Aber immer regnet es noch. Mit den letzten Appellen sind die Vorbereitungen beendet, und die Jungen sehen voller Erwartung dem Sonntag entgegen, an dem der Kreistag stattfindet. Endlich bricht der Morgen an. Schon früh weckt die Trillerpfeife des „Führers vom Dienst“ die Jungen. Das Waschen, Anziehen, Bettenbauen, Stubenreinigen und Frühstücken ist schnell getan. Dann gehts zum nächsten Bahnhof, und mit 500 Kameraden aus der Umgebung des Lagers fahren die Bochumer Jungen nach Traunstein. Dort angekommen gehts im zackigen Marsch zum Sportplatz, wo der Morgenappell der Hitler-Jugend stattfindet. Daran schliesst sich der Höhepunkt des Tages, der Vorbeimarsch am Gauleiter und am Gebietsführer, an. Nach langem Warten in der heissen Sonne marschieren die Jungen zum Marktplatz, wo der Gauleiter und der Gebietsführer zur Abnahme des Vorbeimarsches stehen. Und jetzt zeigt sich der Erfolg des vielen und ausdauernden Übens. Als beste Mannschaft der Hitler-Jugend marschieren die Bochumer Jungen vor „ihrem“ Gauleiter vorbei. Er lässt die Mannschaft noch einmal zurückkommen und das Bochumer Jungenlied singen. Der reichliche Beifall des Gauleiters und der nach vielen Hunderten zählenden Zuhörerschaft bekundet, dass der Vortrag des Liedes sehr gefallen hat. Der Gauleiter dankt den Jungen für ihre tadellose Haltung und das grosse Können und schenkt ihnen eine Reise nach Innsbruck sowie Akkordeons und Mundharmonikas. Ausserdem verspricht er noch, einige Stunden im Lager verleben zu wollen. Dieses Versprechen löst natürlich besondere Freude bei den Jungen aus. So führte ausdauernder Fleiss, mit dem trotz des Regens marschiert worden war, zu vollem Erfolg und bereicherte die Jungen um ein schönes Erlebnis.

-tt.