Vater Schmitt an Sohn Horst, 19. Juli 1943

Bocholt, den 19. Juli 1943.

Lieber Horst!

Drei Wochen lang haben wir keine Post von Dir erhalten, und heute morgen bekamen wir innerhalb zwei Tagen schon den zweiten Brief von Dir. Am Samstagnachmittag kam Dein Brief an, den Du am 2. Juli geschrieben und am 8. Juli (!!!!) in den Briefkasten geworfen hattest. Er war also vom 8. bis zum 17. Juli unterwegs. Daran kannst Du sehen, wie lange heute Briefe laufen. Der zweite Brief vom 13. Juli kam also heute morgen (Montag) hier an, er war am 15. Juli abgestempelt, hat also nicht so lange gebraucht wie der erste Brief.

Nun, die Hauptsache ist, dass es Dir noch gut geht, wie wir das auch von uns allen behaupten können. Auch haben uns die Engländer bisher verschont, was ja nicht alle Städte hier im Nordwesten und Westes des Reiches behaupten können. Dieser Tage erhielten wir einen Brief von Oma aus Hersel, der nähere Einzelheiten von den schweren Angriffen auf Köln enthielt. Einfach furchtbar! Hoffentlich wird den Schuften jenseits des Kanals alles bald heimgezahlt.

Auf dem Kreistag in Traunstein hast Du ja gebührend geglänzt. Wie wird da unser Sohn gestrahlt haben, als er so vor allem Volke herausgestrichen wurde! Nun, der Ruhm ist mittlerweile schon bis Bocholt gedrungen, und allenthalben spricht man davon. Frl. Johnen wusste schon davon, ehe wir Deinen Brief hatten. Wem hattest Du das denn mitgeteilt? Und Herr Moenche, der aus Bochum stammt, hatte es in der Bochumer Zeitung gelesen, und er meinte, der Erfolg der Bochumer Jungen sei für die Bochumer Bevölkerung, die von den Luftangriffen auch so schwer getroffen wurde, ein Trost in dieser schweren Zeit.

Den Lohn für Eure Leistung werdet Ihr ja demnächst auf der Fahrt nach Innsbruck geniessen. Damit Du auf der Reise nicht allzu sehr zu hungern brauchst und Dir gelegentlich ein Stammgericht mehr in den Bauch schlagen kannst, schicke ich Dir mit gleicher Post einige Märker, die Du gewisse gebrauchen kannst bei Deinem spärlichen Einkommen. Ich hatte Dir die 5 M so stekum zuschieben wollen, ohne dass Mutter etwas davon wusste, und nun deckst Du in Deinem Brief den ganzen „Schwindel“ so schonungslos auf. Na, Du bist mir der Richtige! Und ich war der Gelackmeierte.

Übrigens war ich Samstagmorgen bei Raps. Er händigte mir Dein Zeugnis aus, auf dem feierlich vermerkt ist, dass Du nach Anhören der Konferenz vom ... in die Klasse 8 versetzt bist. Lilie war Dir gnädig und hat Dir in Biologie eine 3 gegeben, dagegen meinte Heini, 4 sei in Geschichte genug für Dich. Du siehst, bei dem kannst Du nichts erben. Im übrigen gab mir der Herr Direktor bekannt, dass Du nach Schluss der Ferien, also am 12. August (!!), wieder zurückkommen müsstest. Und wenn man Dich nicht freilasse, werde er sich an das Gebiet wenden, dann würden sie Dich sofort freigeben. Also sieh zu, dass Du bis zum 12. August hier bist, sonst hat man schliesslich noch unnötige Scherereien. Ich kann mir ja denken, dass Du gern noch länger dort bleibst, aber es geht auf das Abitur zu, und da ist es doch besser, wenn man gelegentlich noch mal was für die Schule tut.

Wie ich Dir in meinem Brief vom vergangenen Montag schrieb, solltest Du gelegentlich meinen Onkel Georg Preusser in Rosenheim besuchen. Seine genaue Adresse kenne ich nicht, er hat früher ein ansehnliches Photogeschäft gehabt. Ob er es heute noch hat, weiss ich nicht, jedenfalls wird er sich sehr freuen, wenn Du mal bei ihm landest. Das muss Dir doch möglich sein, etwa auf der Fahrt nach Innsbruck, bei der Ihr doch in Rosenheim umsteigen müsst. Bestelle Onkel, also Deinem Grossonkel, herzliche Grüsse von uns allen.

Jochen Kraatz ist wahrscheinlich in der vergangenen Woche ausgerückt, vermutlich nach Italien. Seine Mutter war, von innerer Unruhe geplagt, nochmals nach Frankfurt gefahren. Aber sie hat ihn nicht mehr getroffen. Wie man ihr sagte, ist er ungefähr zur gleichen Zeit

Bahnhof abgefahren, wie sie angekommen ist. Das nennt man Tragik. Vielleicht aber war es auch gut so, jedenfalls war es für Jochen besser, daß er seine Mutter unter diesen Umständen nicht mehr getroffen hat.

Rudolf wird als Funker ausgebildet und bleibt darum noch einige Wochen in der Garnison. Seine Eltern waren vergangene Woche wieder zu ihm gefahren. Während der Vater nur einige Tage dort blieb, ist seine Mutter, so viel ich weiss, bis heute noch nicht zurück. Sie kann sich anscheinend schlecht von ihrem Einzigen trennen. Man kann das in etwa verstehen.

Heinz trafen wir am Samstagabend auf der Nordallee. Er erzählte uns, daß er schon bald die Reiterprüfung ablegt. Auf L. Schmitz ist er nicht gut zu sprechen, da dieser sich immer am Pferdeputzen vorbeidrückt, weil er angeblich Dienst hat und dann Heinz bittet, das Putzen für ihn zu übernehmen. Heinz ist aber nicht so dumm, und wird ihm das das nächste Mal zu verstehen geben.

Dass Helmut kürzlich beim Bannsportfest 2. im Hochsprung geworden ist, genau wie Du vor zwei Jahren (1,55 m), wird Dich gewiss auch interessieren. Sein Name hat auch in der Zeitung auf der Siegerliste geglänzt, worauf er natürlich nicht wenig stolz ist.

Der grösseren Sicherheit halber, haben wir vor 14 Tagen die beiden hohen Bücherschränke nach unten in den Flur geschafft, Es hat verhältnismässig schnell und leicht gegangen, vor allem da Hans Seegewiss und Theo Kondring (unser Stift) tapfer mitgeholfen haben. Dadurch ist das Herrenzimmer erheblich geräumiger geworden, und wir fühlen uns da jetzt viel wohler. Wir haben überhaupt vor, die Schränke nicht mehr im Herrenzimmer aufzubauen, sondern, falls wir nicht nach unten ziehen (wenn Frau Altenkemper mal ausziehen sollte), sie oben in unserm Flur aufzustellen (wo jetzt die Korbmöbel stehen).

Das wären so ziemlich die Neuigkeiten der letzten Zeit. Indem wir Dir alles Gute wünschen und vor allem viel Spass auf Deinen bevorstehenden Fahrten, grüssen wir alle Dich recht herzlich, besonders

Dein Vater.