„Und da wollte aus dem Ort keiner mit.“ - Flucht?

„Verschiedene wollten die Heimat verlassen“, erinnert sich Werner Schuh an die unmittelbare Nachkriegszeit. Bevor man sich aber mit diesem Thema näher auseinandersetzen kann, sehen sich die Dorfbewohner in ganz anderer Art und Weise mit dem Phänomen von „Flucht und Vertreibung“ konfrontiert. „Zuerst kamen ja zu uns die Schlesier und teilweise auch Ostpreußen und haben Quartier gesucht.“ Sobald sich allerdings abgezeichnet habe, „dass bei uns die Tschechen reinkamen“, seien die Trecks umgehend Richtung Westen weitergezogen.

„Wir wollten eigentlich auch“, berichtet Werner Schuh über die Fluchtabsichten der Familie. Der Schlepper habe mit großem Anhänger bereits vor dem Haus gestanden und man habe mit dem Aufladen beginnen wollen. „Und da wollte aus dem Ort keiner mit. Da haben wir gesagt: ‚Dann bleiben wir auch‘!“

 

Dabei sind die Fluchtbedingungen für Familie Schuh recht gut, verfügt sie doch über enge Kontakte an den Niederrhein: Der Sohn des bis 1931 amtierenden Jüchener Bürgermeisters Ernst Meising hat den Beruf des Landwirts erlernt und eine Anstellung als Gutsverwalter in jenem Ort des Sudetenlandes gefunden, in dem Werners Großeltern leben, die mit dem Neuankömmling aus dem Westen in freundschaftlichen Beziehung treten. Als Mutter Meising ihren Sohn besucht, wird auch sie mit den Schuhs bekanntgemacht. Der Kontakt wird auch aufrechterhalten, nachdem der Sohn der Meisings gegen Kriegsende zunächst einberufen wird und dann an der Front ums Leben kommt.

Nach der Besetzung durch die Tschechen sehen Werners Großeltern nun die Möglichkeit für einen sicheren Aufenthaltsort im Westen. „Wir können ja ins Rheinland, da haben wir ja Kontakte hin.“ Der Fluchtgedanke wird aber wiederum von der Heimatverbundenheit aller anderen in den Hintergrund gedrängt. „Die wollten die Heimat einfach nicht verlassen.“ – Dieses Zögern sollte sich noch bitter rächen.