Zum Beispiel: Goetheschule Essen

Von der Goetheschule in Essen-Rüttenscheid, einem Realgymnasium für Jungen, haben sich die Jahresberichte der Schuljahre 1932/33 und 1933/34 erhalten, deren Analyse für einige Bereiche einen guten Einblick in die direkten und indirekten Auswirkungen der Machtübernahme auf den schulischen Alltag ermöglicht.[1]

Ob es sich um generelle Äußerungen des Direktors, die offiziellen Abschiedsreden der Abiturienten, die Präsentation des schulischen „Feierkalenders" oder die Berichte über und von den Schülerorganisationen unter dem Dach der Goetheschule handelt: Sie alle geben - mal deutlicher, mal versteckt - Hinweise auf Veränderungen, die oft durchaus exemplarisch, aber nicht immer leicht zu entdecken und zu interpretieren sind.

Die Goetheschule ist natürlich weder für das Essener noch das Schulwesen allgemein repräsentativ. Abgesehen davon, dass sie lediglich für den Bereich des Höheren Schulwesens und hier wiederum nur für Jungenschulen stehen könnte, gilt es auch die Lage im gutbürgerlichen Stadtteil Rüttenscheid und die daraus resultierende Zusammensetzung der Schülerschaft zu berücksichtigen.

Schule und Macht√ľbernahme

Zudem wurden und werden Schulen nicht zuletzt durch ihre Leiterpersönlichkeiten bestimmt. Im Falle der Goetheschule war das seit April 1932 der 1885 geborene Dr. Karl Röhrscheidt.[2] Er galt aus „Autorität mit hohem Anspruch" und prinzipientreu, was auch in seinem Verhalten nach 1933 zum Ausdruck kam. Er zeigte dabei - jenseits aller für einen Schulleiter wohl unverzichtbaren äußerlichen Anpassungsbereitschaft - durchaus den Mut, seine abweichende politische und weltanschauliche Position zum Ausdruck zu bringen. Augrund seiner humanistischen Bildung - Röhrscheidt hatte Deutsch, Latein und Griechisch studiert - und seiner Sprachgewandtheit wusste er solche Stellungnahmen allerdings recht kunstvoll und geschickt zu „verpacken". So stellte er seine Rede zur Verabschiedung der Abiturienten des Jahrgangs 1933/34 unter das Schiller-Motto „Jede revolutionäre Bewegung mobilisiert die Massen und trägt in sich die Gefahr, geistfeindlich zu werden", was ihn - wie noch zu sehen sein wird - jedoch nicht davon abhielt, das neue NS-Erziehungsideal im Jahresbericht durchaus positiv darzustellen. Auch die Siege der Wehrmacht in den Jahren 1939 und 1940 ließ er in der Aula offiziell feiern.

Andererseits verzichtete Röhrscheidt seit 1934/35 auf die Abschlussrede bei der Abiturfeier, da er sie zuvor zur Begutachtung vorlegen sollte und so wohl gezwungen gewesen wäre, das NS-Regime zu feiern. Auch die Tatsache, dass der Jahresbericht 1933/34 der letzte bleiben sollte, könnte auf diesen Umstand zurückzuführen sein, denn für ihn als Direktor wäre es wohl unmöglich gewesen, in solch einer offiziellen Publikation zurückhaltende oder gar ablehnende Äußerungen zur aktuellen politischen und erzieherischen Realität zu tun. Dass er in Essener NS-Kreisen - wie etwa auch sein Bredeneyer Kollege Fischer oder der Leiter des Gymnasiums in Borbeck, Vollmann - argwöhnisch beobachtet und als politisch unzuverlässig abgelehnt wurde, zeigte sich beispielsweise im Herbst 1943, als ihn die NSDAP-Kreisleitung als Hauptlagerleiter in der Kinderlandverschickung ablehnte. Röhrscheidt galt ihr als Repräsentant der evangelischen Gemeinde Rüttenscheid, die der Bekennenden Kirche zuzurechnen war. Außerdem gebe es „ewigen Zwist zwischen ihm und der HJ", und er habe bislang erst 25 Prozent seiner Schülerschaft zur Teilnahme an der KLV ermuntern können.[3]

All diese Aspekte gilt es bei der folgenden Präsentation und Betrachtung von Auszügen aus den Jahresberichten zu berücksichtigern. Die damit verbundene Interpretation ist natürlich nicht verbindlich, sondern stellt lediglich Vorschläge dar, wie man die Texte auch lesen könnte. Eine endgültige Aufklärung steht jedoch nicht mehr zu erwarten.

Ergänzt wird die Analyse der Jahresberichte 1932/33 und 1933/34 noch um längere Auszüge aus der Festschrift, die Direktor Röhrscheidt 1949 zum 50. Jubiläum der Goetheschule verfasste und in der er intensiv und differenziert auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 einging.


[1] Die beiden Hefte mit einem Umfang von 64 (1932/33) bzw. 80 Seiten wurden von Klaus Lindemann zur Verfügung gestellt. Sie sind künftig im Stadtarchiv Essen einzusehen.
[2] Zu Röhrscheidt ausführlicher Vera Bittner: Führungsstile und Personen. Schulleitung im Wandel der Jahrzehnte; ; in: 100 Jahre Goetheschule Essen 1899-1999. Erfahrungen - Begegnungen - Herausforderungen, Essen 1999, S. 49ff.
[3] StAE, 4035, o.P.: Schreiben vom 25.9.1943

zuletzt bearbeitet am: 01.08.2015