Uchtspringe
Die renommierte Landesheilanstalt Uchtspringe, wo schon ab 1934 Zwangssterilisationen stattfanden, wurde ab 1940 Zwischenanstalt.
Uchtspringe liegt an der heutigen Eisenbahnlinie Hannover – Berlin und ist seit 2010 ein Ortsteil von Stendal in Sachsen-Anhalt. Ursprünglich hieß der Weiler Gut Modderkuhl und erhielt mit Bezug auf die nahe Quelle der Uchte den wohlklingenderen Namen Uchtspringe 1894, als dort eine Nervenheilanstalt eröffnet wurde.
Innerhalb von 20 Jahren erwarb sich die Landes-Heil- und Pflege-Anstalt Uchtspringe unter ihrem ersten Direktor Prof. Dr. Konrad Alt in ganz Deutschland und weit darüber hinaus einen sehr guten Ruf als Heilstätte alle Formen nervöser und psychischer Erkrankungen und als Zentrum für wissenschaftliche Forschung. Von dort gingen wichtige Impulse für die Entwicklung der deutschen Anstaltspsychiatrie aus.
Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, wurde der damalige, jüdische Direktor Dr. Heinrich Bernhard nur vier Tage nach Erlass des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit Schreiben vom 11.4.1933 fristlos entlassen und später in Auschwitz ermordet. Unter der Leitung seiner Nachfolger Dr. Tietze und später Dr. Kolb wurden in Uchtspringe zwischen 1934 und 1941 an 301 weiblichen und 464 männlichen Patienten, darunter sogar erst Elfjährige, Zwangssterilisationen vorgenommen. Konnten diese Operationen schon manchmal tödlich verlaufen, so begann mit dem Zweiten Weltkrieg vielerorts im NS-Machtbereich unter dem Decknamen „Aktion T4“ die organisierte Ermordung von Psychiatriepatienten.
Dafür mussten reichsweit zu jedem Patienten Meldebogen ausfüllen werden. Wenn daraus ersichtlich wurde, dass der oder die Betroffene nicht arbeits- oder „bildungsfähig“ war, wurde er/sie „verlegt“, und das bedeutete: abtransportiert in eine Tötungsanstalt. Um aber die Spuren vor besorgten Angehörigen zu verwischen, wurden bald Zwischenanstalten bestimmt, wie etwa ab April 1940 eben Uchtspringe. Dort wurden unter dem neuen, eifrig mitwirkenden Direktor Dr. Ernst Beese, der ebenda selbst schon einmal wegen Morphiumsucht Patient gewesen war, die Menschen aus den Einzugsgebieten und anderen Pflegeeinrichtungen gesammelt und später meist in die Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg weitergeschickt.
Auch nachdem die „Euthanasie“-Aktion auf Protest vornehmlich von Seiten der Kirchen gestoßen und am 24. August 1941 offiziell beendet, allerdings tatsächlich nur für einige Monate unterbrochen worden war, diente Uchtspringe weiterhin als Zwischenanstalt. Bis Kriegsende stiegen – abgesehen von den in Tötungsanstalten weiter Verlegten – auch innerhalb der Einrichtung die Sterblichkeitsraten dramatisch, wohl mehr durch bewusstes verhungern Lassen als durch das Spritzen von Luminal und Überdosen von Morphium. Die genaue Zahl der Opfer wird sich nie mehr ermitteln lassen. Von den 65 Patienten, die am 21.08.43 aus Essen eintrafen, kamen 13 in Uchtspringe ums Leben.