Der "Totschläger"
Am 18. Juli 1936 wurde Josef Eickels in einen Streit verwickelt, durch den der Streit um seine Person immer weiter eskalierte und schließlich zu seinem Schulverweis führte.
An diesem Tag fand ein Handballspiel zwischen dem Gymnasium Erkelenz und dem Turnverein Erkelenz statt. Eickels ergriff dabei auf der Böschung zwischen den Zuschauern sitzend Partei für seine Schule und lachte auch über die Fehler der Gegner. Einer der Spieler, der Gymnasiast Fritz Heinrichs, der zudem in Erkelenz Fähnleinführer war, ärgerte sich darüber sehr und fand dabei auch Unterstützung von einigen seiner Kameraden im Publikum. So kam es vermutlich schon während des Spiels zu gewissen Wortwechseln. Dabei spielte es wohl auch eine Rolle, dass man in Eickels den „übelbekannten früheren Sturmscharführer der Katholischen Jünglingsverbände“ erkannt hatte.
Nach dem Spiel stellte Heinrichs dann Eickels zur Rede: Er könne sich „auf einem fremden Sportplatz etwas anständiger benehmen“. Eickels bezeichnete Heinrich daraufhin als „dummen Jungen“, woraufhin ein Streit entbrannte, in den sich auch einige Umstehende einmischten – wie sich später herausstellte, alles Mitglieder der HJ. Einige von ihnen, darunter der 17-jährige Wilhelm Klöters, suchten Eickels nun festzuhalten, und in dem daraufhin entstehenden Tumult versetzte Klöters Eickels einen Schlag mit einer Luftpumpe. Dann gelang es Eickels, mit dem Fahrrad zu entkommen – nicht jedoch ohne von den anderen über eine längere Strecke verfolgt zu werden.
Am folgenden Montag warnten ihn dann Mitschüler vor einem möglichen Überfall. Auf dem Rückweg von der Schule wurde er dann auch tatsächlich von Klöters und dem 18-jährigen Willy Ormanns am Stadtrand erwartet. Vermutlich kam es dann wieder zu einer tätlichen Auseinandersetzung (hier gehen die Darstellungen auseinander), weil Ormanns Eickels wegen der Angelegenheit beim Handballspiel zur Rede stellen wollte. Eickels, der mit drei Mitschülern unterwegs war, sah sich jedenfalls erneut zur Flucht veranlasst und rettete sich auf einen Bauernhof, auf dem er nicht weiter verfolgt wurde. Mit den Worten „Na, ja, der muss ja morgen früh zur Schule“ stellten die beiden Verfolger allerdings einen weiteren Überfall in Aussicht.
Um sich nun gegebenenfalls verteidigen zu können, nahm Eickels am folgenden Tag ein Stück Kabel mit, dessen Ende mit Draht umwickelt war und an das mit Isolierband zwei Halteriemen befestigt waren. Als er dann am Morgen auf dem Weg zur Schule tatsächlich erneut von Klöters und Ormanns sowie zwei weiteren Jugendlichen vom Rad gerissen wurde, verteidigte er sich durch Schlagen mit dem Draht und floh.
Diese Form der Verteidigung hatte ernste Folgen, denn Klöters und Ormanns zeigten ihn nun bei der Polizei in Erkelenz an. In der Folge wurde Eickels kurz nach dem Vorfall von der Polizei zur Wache geholt mit der Begründung, er habe mit einem „Totschläger“ Hitlerjungen „bearbeitet“. Klöters und Ormanns traten nun dezidiert als HJ-Mitglieder auf, obwohl sie bei allen Auseinandersetzungen in Zivil gewesen waren und Eickels sie auch gar nicht als HJ-Mitglieder hätte erkennen können, da er sie anfangs überhaupt nicht persönlich kannte. Doch nun erhielt der Konflikt eine politische Dimension, da Klöters und Ormanns ihn als bewusste Auseinandersetzung zwischen HJ und katholischer Jugend darstellten: Sie hätten Eickels veranlassen wollen, dass er die Beleidigungen, die er ihnen „und somit der Hitlerjugend“ angetan hätte, zurücknehme. Zu keiner Zeit hätten sie ihn tätlich angreifen wollen, vielmehr habe Eickels bei der letzten Begegnung „blindlings“ mit dem „Totschläger“ auf sie losgeschlagen. Dies sei Ausdruck seines „Hasses“ auf die HJ: „Die fortgesetzten Gehässigkeiten und Anpöbeleien sowie seine aggressive Handlung gegen uns sind der Ausdruck des Hasses, welcher Eickels blindlings zu den verwerflichsten Mitteln greifen lässt und damit seine ganze Einstellung zu der Hitlerjugend öffentlich bekundet. Er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, um immer wieder seine geistige Haltung in solchem Maße unter Beweis zu stellen.“ Sie wollten nun die Vorfälle zur Anzeige bringen „damit endlich wir und die Hitlerjugend nicht weiteren Angriffen des Eickels und Genossen solcher Art ausgesetzt sind“.
Gefolgschaftsführer Hermann Lohmann, der nun ebenfalls bei der Polizei erschien, fügte hinzu: „Zur persönlichen Charakteristik des Eickels kann ich noch sagen, dass er mir seit Jahren in sehr unliebsamer Weise bekannt ist. Er ließ sich ständig zu Äußerungen gegen den Nationalsozialismus hinreißen und versuchte durch wissentlich falsche Darstellungen die Schüler des Gymnasiums vom Studium des nationalsozialistischen Schrifttums, insbesondere Rosenberg, abzuhalten und dieselben als religionsfeindlich hinzustellen.“
Am folgenden Tag musste Eickels erneut zur Polizei. Diesmal wurde er von einem Wachtmeister direkt aus dem Unterricht geholt – damit sollte wohl die angebliche Dringlichkeit der Sache unterstrichen werden. Auf der Wache wurde ihm zur „Begrüßung“ von einem Beamten damit gedroht, er solle sich mit seiner Sturmschar in acht nehmen (Eickels war allerdings gar kein Mitglied der Sturmschar, sondern der Jungschar und Pfadfinder), eines Abends würde man ihm die „Knochen zerhauen“.
Das anschließende Gespräch mit dem Bürgermeister war nicht weniger unangenehm und zeigte deutlich, dass der Bürgermeister nun sozusagen die Gunst der Stunde nutzen wollte, endlich gegen Eickels vorgehen zu können. Ohne darauf einzugehen, dass die Hitlerjungen den Überfall verübt hatten, bezeichnete er Eickels als einen „verkommenen Menschen“, der ins Zuchthaus gehöre. Der „Totschläger“ würde ihn dort hineinbringen, und auch sein Schulbesuch sei damit beendet.
Eickels verteidigte die Mitnahme des „Totschlägers“ mit Hinweis auf die vorangegangenen Überfälle. Er sei immer einer Schlägerei aus dem Weg gegangen und habe auch keinen Anlass für die Angriffe gegeben. Um sich einer Übermacht gegenüber verteidigen zu können, habe er jedoch einen Gegenstand ausgesucht, mit dem er in Notwehr wirksame Schläge habe austeilen können. Bei dem Überfall habe er sich dann auch entsprechend gewehrt, sei jedoch bei der ersten Gelegenheit sofort geflohen. Gegen die Bezeichnung „Totschläger“ setzte er sich zur Wehr: Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass der Draht ein solcher gewesen sein solle. Andernfalls hätte er den Gegenstand nicht bei sich behalten.
Der Bürgermeister ließ diese Argumentation jedoch nicht gelten und gab vor, dass Eickels die Gefährlichkeit des Gegenstandes bewusst gewesen sei. Er drohte sogar damit, Eickels mit dem „Totschläger“ zu schlagen und behauptete, Eickels habe die Auseinandersetzung absichtlich herbeigeführt, um zuschlagen zu können. Daraufhin verweigerte Eickels jede weitere Aussage.
