Gedanken im Krieg
Am 15. November 1939 wurde Josef Eickels zur Wehrmacht eingezogen und war dann bis Kriegsende Soldat. Am 31. Mai 1945 wurde er offiziell aus dem Heeresdienst entlassen. Zu dem Zeitpunkt besaß er den Dienstgrad eines Obergefreiten und gehörte der Sanitäts-Ersatz-Abteilung 8 an, die in Eilenburg stationiert war.
Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, wo Eickels im Einzelnen im Einsatz war, da sein Wehrpass nicht überliefert ist und es nur noch wenige diesbezügliche Unterlagen gibt. Bekannt ist jedoch, dass er 1942 in Russland war und im Juni des Jahres mit seiner Division zur Auffrischung nach Frankreich verlegt wurde. Hier erfuhr er von der Verhaftung seines Vaters, woraufhin er Urlaub beantragte und es zum Streit mit der Aachener Gestapo und der Beschwerde bei der Wehrmacht kam (s. die Darstellung bei Mathias Eickels Verhaftung).
Spätestens im April 1944 gehörte er dann der Heeres-Flakartillerie-Abteilung 298 an, die zu dem Zeitpunkt im Reich stationiert war, denn am 20. April 1944 erhielt er als Mitglied dieser Abteilung das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern. Im Juli 1944 wurde die Abteilung wieder im Osten eingesetzt, und in diesem Rahmen wurde ihm am 17. August 1944 das Allgemeine Sturmabzeichen verliehen. Zum Ende des Krieges machte Eickels dann noch im Rahmen der 11. Panzer-Division vom 1. bis 5. Mai den Westfeldzug mit.
In den Jahren 1943 und 1944 schrieb Eickels ab und zu einige Gedanken und Gedichte in ein kleines Heft. Es sind Auseinandersetzungen mit Texten, die er gelesen hat (darunter Wiechert und Stefan George), Erinnerungen an glückliche Stunden in der Heimat und Reflexionen zum Kriegsgeschehen. Vieles davon ist durchzogen von religiösen Fragestellungen. So schrieb er rückblickend auf die vergangenen Kriegsmonate am 28. Oktober 1943:
„Es war […] eine lange Dürre, diese Zeit, so wie Land im regenlosen Sommer dürre wird. Mit zu großer Gewalt fällt uns das endlose Kriegsgeschehen an. Zeit findet man kaum für sich. Man ist nur noch Maschine. Nur die Stunde, da man betet oder einen Brief schreibt, gilt noch unserem Menschsein. Auch das andere Gewaltsame hinterlässt tiefe Spuren, doch meist die der Verwüstung. Ist es nicht tragisch? Die besten, gesündesten Menschen werden ausgesucht, damit sie auf dem ‚Felde der Ehre‘ zerschlagen werden.“
Und am 29. Oktober 1943 folgte eine Auseinandersetzung über seine Todesfurcht, in der er in besonderem Maße um Stärke im Glauben rang:
„Das immerwährende Fragen nach dem Sinn des Geschehens und des Leidens ist stets das Gleiche und die Antwort meist ebenso. Nur dass wir sie immer tiefer verstehen, immer mehr ihrer innig werden … und damit tiefer bereiter. Aber das ist alles, so tief bereit sein! ‚Herr, Dein Wille geschehe‘, ‚Stell mich in Blüte oder Blut‘, ‚Schick ein Liebes oder Leides‘. Doch auch Christi Ölbergstunde müssen wir durchstehen.: ‚Herr, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.‘ Vielleicht genügt dem Herrn jetzt unsere restlose Bereitschaft, vielleicht will er die Besiegelung mit der Hingabe des Lebens …
Wenn man im Bombenhagel oder Geschossregen fragt zuweilen: ‚Herr, muss ich jetzt den Kelch zur Neige trinken? Ich weiß, Dein Wille muss geschehen. Gib uns nur die Gnade, die Kraft.‘
Wie könnten wir erwarten oder für uns ‚beanspruchen‘, dass es uns besser geht als Ihm, dem Reinsten. Verkannt und beschielt zu sein, verleumdet und bespien, keine Stätte zu haben für das müde Haupt, verhöhnt sterben zu müssen … das alles um Gottes Willen … das ist Erwählung zu besonderer Nachfolge Christi. Und dazu sind wir auf seinen Namen getauft.
Eigentlich ist es ja ganz gleich, was aus uns wird, wenn wir nur in allen Stunden Gottes Willen erfüllen und erleiden.“
Und im letzten Eintrag vom 20. November 1944 wurde deutlich, dass er der zunehmenden Hoffnungslosigkeit und der Zukunftsangst mit einem nochmals gestärkten Glauben begegnete:
„Mannigfaches Erleben erfüllte immer wieder die Aufgabe, mich näher zu Gott hin zu bringen. Stark sein im Leid, mäßig und klar in der Freude, immer eifriger zu werden im Gebet, immer vertrauensvoller auf Gottes Güte. Meine Seele verlangt immer mehr nach dem Gebet wie eine durstige Kehle nach dem Trunk, wie das Auge nach dem Licht, wie der abgehetzte Körper nach der Ruhe. Noch sind nicht lahm die Flügel meiner Seele, noch sinket nicht die Hoffnung. Doch in der schwächsten Stunde bete ich bereits: Herr, Dein Wille geschehe. Herr unsere Zuflucht und Stärke. Wir brauchen die Kraft von oben, unsere eigene reicht nicht weit.
Sähe ich nicht die Geschichte als das Werden des Reiches Gottes im Ringen mit dem Widersacher, ich würde an der Welt verzweifeln. […]
Das gesamte religiöse Leben – will es wahr und echt sein – hat nur einen Punkt der Betrachtung: Die Liebe. […] Das ist das Gesetz des Lebens! Liebe! Immer wahrer, immer glühender! Die Liebe muss von allen Kanzeln und in allen Beichtstühlen als oberstes Gesetz verkündet werden! Wenn die Christen davon wieder ergriffen werden, dann wird ein neuer Frühling über die Erde gehen und sie freundlich wandeln.“
