ND und NS-Regime: „Wir fühlten uns als Widerstandskämpfer“
ND und NS-Regime: „Wir fühlten uns als Widerstandskämpfer“
Die positive Grundstimmung, die den Jung-NDer Willi erfüllt, erfährt mit der NS-Machtübernahme und deren Folgen dann ab 1933 allerdings tiefe Einschnitte und wird auch am Apostelgymnasium durch zunehmende Einschränkungen geprägt. Ein besonders wichtiges Ritual für die jungen „Neudeutschen“, die „Ritterweihe“, wird Ende Januar 1934 massiv von der Hitlerjugend gestört. Anschließend kommt es zu Schlägereien, obwohl die Neudeutschen von ihren Führern zuvor angehalten werden, sich defensiv zu verhalten. Sie befolgen diese Anweisung auch, werden von der HJ aber massiv provoziert: „Schlägertrupps versuchten, uns die Banner zu entreißen.“ Einschüchtern lassen sich NDer hiervon zunächst nicht. Dieses Ereignis, so Willi Strunck im Rückblick, habe sie eher zum Widerstehen aufgemuntert. „Wir fühlten uns als Widerstandskämpfer!“
Auch am Apostelgymnasium zeigt man sich gegen die Angebote und die anschließenden Drohungen des NS-Regimes durchaus gefeit, so dass an seiner Schule nach einer Schätzung von Willi Strunck auch nach der Machtübernahme immer noch mehr als 50 Jungen dem ND die Treue halten – und damit nicht Mitglied in der Hitlerjugend werden. Teilweise geraten deren Eltern deswegen in Bedrängnis. Dennoch finden die regelmäßigen ND-Treffen weiterhin regelmäßig statt und dienen unter anderem der Diskussion der aktuellen Ereignisse. Dem dann einsetzenden steten Mitgliederrückgang versucht man durch erhöhten Idealismus zu trotzen: „Der Bund war eigentlich nicht mehr da, unsere Idee war da und da lebten wir von.“
Man fühlt sich auch in Willis Fähnlein „Langemarck“ zunehmend als verschworene Gruppe, die sich gegenüber der HJ abschottet, in der die NDler als „PX-Jüngelchen“ verspottet werden. Das eingeschränkte Gruppenleben hält durchaus positive Erlebnisse bereit. So werden die NDler einmal von einem Admiral mit Freikarten für den Stapellauf der „Prinz Eugen“ ausgestattet. Andererseits sehen sie sich stetig wachsenden Einschränkungen gegenüber und sind daher zu immer stärkerer Tarnung gezwungen. Kluft und Banner sind bald dauerhaft im Kleiderschrank verstaut, und auch gemeinsame Wanderungen werden immer schwieriger.
Dennoch ist Willis Fähnlein auch 1935 weiterhin fast jedes Wochenende – allerdings ohne erkennbare äußere Zeichen des Zusammenhalts – unterwegs „auf Fahrt“. Der Zusammenhalt der verbliebenen Jungen ist derart stark ausgeprägt, dass sie selbst nach offizieller Auflösung des ND im Sommer 1939 beschließen, eine „Großfahrt“ nach Süddeutschland zu unternehmen. In seinen schriftlichen Erinnerungen schildert Willi Strunck die damaligen Bedingungen so: „Die Jugendherbergen waren für uns tabu, weil wir als Nichtmitglieder der HJ keine Jugendherbergsausweise mehr erhielten, unsere Burgen alle verloren gegangen waren, die Klöster und kirchlichen Einrichtungen immer mehr unter Beschuss gerieten und überwacht wurden. Schließlich brachten wir unsere Eltern in Schwierigkeiten, wenn unser Tun irgendwo einmal ruchbar wurde.“ Außerdem hält er die Erlebnisse der Fahrt in seinem Tagebuch fest, das hier einsehbar ist.
Als der ND dann Mitte 1939 endgültig reichsweit aufgelöst wird, sorgt nicht zuletzt Willi dafür, dass Material und Adressen der Mitglieder nicht der Gestapo in die Hände fallen. Er reist mit dem Auto seines Vaters zu den rheinischen Gruppenführern und organisiert so die Vernichtung von Adressen. Andere Materialien werden in sicheren Verstecken untergebracht. Nun sieht er sich zumindest partiell als ausgesprochener Regimegegner.
