Christliche Werte und Feste: „Sie ließ nie einen gehen ohne was.“

Bis 1933 erscheinen regelmäßig viele Bettler an der Haustür von Familie Strausfeld. Mutter Selma zeigt ihnen gegenüber zumeist ihr großes Herz, während der praxiserfahrene Vater sie mit Ratschlägen versorgt. Er kennt einige der Bittenden aus seiner Arbeit im Gefängnis und sagt: „Demm jiiste kai Jeld, der versüff datt an d’r nächste Eck!“ [Dem gibst du kein Geld, der vertrinkt das an der nächsten Ecke.] „Und dann gab meine Mutter ihm ein Butterbrot. Sie ließ nie einen gehen ohne was.“

Weihnachten trifft sich stets die gesamte Großfamilie. Überhaupt heben die zahlreichen religiösen Familienfeste und Feiertage die kleine Liesel aus ihrem Alltag heraus; auch Kindtaufen und Prozessionen sind für sie etwas ganz Besonderes. Die Familie versteht sich als Teil der Liturgischen Bewegung und die dabei praktizierten verschiedenen Rituale beeindrucken Liesel tief. Hinzu kommt, dass verschiedene religiöse Bräuche nach 1933 dazu dienen, eine oppositionelle Haltung gegenüber dem NS-Regime zum Ausdruck zu bringen. Als Liesel beispielsweise gemeinsam mit einer ihrer Schwestern im Rahmen einer Fronleichnamsprozession nach 1933 für einen der zahlreichen Prozessionsaltäre ein Schmuckbild aus Blüten legt, auf dem unter dem PX zu lesen ist: „Christus regnat“ [„Christus regiert!“] kann auch das – vor allem von den in der Straße lebenden NS-affinen Nachbarn durchaus als Provokation interpretiert werden.

Die starke und einseitige Orientierung an den Vorgaben der katholischen Kirche hat auch ihre Schattenseiten: Dass Liesels ältester Bruder Peter Künstler wird, kann der Vater nicht akzeptieren, weil er unterstellt, dass Künstler per se „unmoralisch“ wären. Aus dem gleichen Grunde verbietet er Liesel auch bestimmte Bücher, z. B. den „Schimmelreiter“ von Theodor Storm, weil darin gegen „die katholischen Werte“ Stellung bezogen werde. Dass seine Tochter das Buch als Schullektüre lesen muss, beeinträchtigt ihn in seinem negativen Urteil und dem daraus folgenden Verbot nicht.

Die folgen solch rigiden Katholizismus‘ bleiben nicht aus. Als Liesel Kommunionsunterricht etwas über die „Todsünden“ erfährt, entwickelt sich daraus die große Angst, vielleicht selbst eine solche begangen zu haben. Würde sie nun plötzlich sterben, da ist sich die Zehnjährige sicher, gebe es vor der „Hölle“ kein Entrinnen mehr. Erst ein verständnisvoller Pfarrer klärt sie über ihren Irrtum auf und weist sie darauf hin, dass zu einer „Todsünde“ auch ein der Vorsatz gehöre. „Das waren so Lernprozesse.“