Katholische Jugend: „Die ‚Rasselbande‘ war ein Stück meines Lebens.“
Familie Strausfeld ist Mitglied der katholischen Pfarrei St. Barbara in Neu-Ehrenfeld. Eine von ihren Schwestern gründet dort die Borromäus-Pfarrbücherei und führt später auch die 14-jährige Liesel dort ein. Das begründet deren lebenslange Liebe zu Büchern und zur Literatur. Etwa um 1942 wird Liesel dann gefragt, ob sie eine katholische Mädchengruppe leiten wolle. Sie erklärt sich dazu bereit – mit recht weitreichenden positiven Folgen: „Die ‚Rasselbande‘ war ein Stück meines Lebens. Es war eine Art von Gemeinschaft, wo wir uns mit allem auseinandersetzen konnten!“
Es gibt zu dieser Zeit aber längst keine geistliche Führung mehr durch einen Pfarrer. Die Mädchen finden ihre Themen nun selbst und beshäftigen sich etwa mit der Frage der „Mischehe“, womit in diesem Fall eine Ehe zwischen katholischen und evangelischen Partner gemeint ist, oder - nach dem Attentat auf Adolf Hitler - mit dem „Tyrannenmord“. Die zentrale und wichtigste Beschäftigung aber ist das Singen zur Gitarre. „Wir haben unendlich viel gesungen. Balladen, Heldenlieder, Kampflieder.“ Im rückblickenden Gespräch empfindet Liesel Schäfer-Strausfeld einige der damals gesungenen Texte als zu martialisch: „Schrecklich!“ Andere der in ihrer Gruppe gesungenen Lieder wiederum ähneln jenen, die auch die Edelweißpiraten singen, auf die man zuweilen im Blücherpark trifft. Der weitaus größte Teil des Liedguts setzt sich aber aus Fahrtenlieder zusammen, worin man sich auch in gewisser und wohl unbeabsichtigter Übereinstimmung mit den unangepassten Jugendlichen befindet: „Die Sehnsucht nach Weite!“ In Deutschland sei man ja eingeschlossen gewesen: „Es kam keiner raus!“
Im Gegensatz zu vielen anderen katholischen Jugendgruppen, die deutlich auf Abstand gehen, erinnert Liesel Schäfer-Strausfeld das Verhältnis zu den Edelweißpiraten positiver: „Sie waren uns sympathisch, weil sie keine HJ waren und weil sie gerne sangen! Wir haben uns nicht politisch unterhalten, wir wussten nur: Die sind dagegen!“ Auf die Bemerkung des Vaters, dass sich unter diesen Jugendlichen auch Kommunisten befänden, habe sie geantwortet: „Na und?“, sagt betont hinsichtlich der Ablehnung ihres Vaters: „Das war ja damals was ganz Schlimmes, die Kommunisten – für Katholiken.“
In den Gruppenstunden schreiben die Mädchen Berichte, in denen sie über ihre Situation als Christen reflektieren und in denen weniger ausdrücklich nur von „Katholiken“ gesprochen wird. Dennoch besteht natürlich keinerlei Zweifel darüber, dass sie sich alle als fester Bestandteil der „Katholische Jugendbewegung“ verstehen: „Keine Frage!“
Das präsentiert Liesels Mädchengruppe auch nach außen deutlich mit einer selbst genähten Fahne, auf der das Kreuz prangt. „Das war Bekennertum, kein Widerstand im eigentlichen Sinne!“ Da man sich jedoch öffentlich nicht mehr als Gruppe treffen und zeigen kann und die Kirche teilweise zerstört ist, werden Gruppentreffen zunehmend abends in den privaten Bereich verlagert. Weil wegen des Krieges alles verdunkelt ist, haben die Gruppenmitglieder ein bestimmtes Pfeifsignal verabredet, an dem sie sich auch im Dunkeln erkennen und so zusammenfinden können. An Wochenenden sind die Mädchen viel unterwegs, unternehmen Fahrten mit dem Fahrrad oder mit der Rheinuferbahn. Dabei geht es dann in aller Regel aber sehr fromm, sehr religiös zu: „Zum Teil wurden benediktinische Lieder gesungen.“
In der Nähe von Rösrath erwirbt die Jugendgruppe ihrer älteren Schwestern für wenig Geld ein kleines, primitives Häuschen ohne Wasser und Strom, das als Zufluchtsort das beliebte Ziel der Ausflüge wird. Ein weiterer fester konspirativer Treffpunkt von Liesels Gruppe ist der kleine Weiler Feienberg in der Nähe von Hennef: „Unter der Decke der Nazis waren da – allein in einem Dorf – drei Häuser von katholischen Jugendgruppen.“
Oft fahren die Gruppen aber auch nach Altenberg, dem alten Zentrum der katholischen Jugendbewegung im Rhein-Ruhr-Gebiet: „Altenberg war schon was Besonderes!“ Dort beten die Mädchen und jungen Frauen insbesondere für die immer zahlreicheren jungen Männer, die nicht bei ihnen sein können, weil sie als Soldaten an den Fronten stehen.
Ein Teil der Gruppenmitglieder gehören auch dem BDM an, und obwohl deren dortige Führerin weiß, dass sie auch in der katholischen Jugend aktiv sind, unternimmt sie nichts: „Das war so ein Arrangement. Die wusste genau, dass sie zu mir in die Gruppe kamen. Sie sagte aber nichts.“ - Im Übrigen wird diese BDM-Führerin nach dem Krieg die katholische St. Georg-Pfadfinderschaft in der Pfarrei leiten.
Die Jugendgruppen wandern, singen und beten jedoch nicht nur, sondern helfen auch nach den immer zahlreicher und schwerer werdenden Bombenangriffen auf Köln, indem sie Verwundete versorgen oder etwaige Feuer – etwa in den Kirchenstühlen - bekämpfen. Der Zusammenhalt in solchen Notsituationen, so erzählt Liesel Schäfer-Strausfeld, sei immer vorbildlich gewesen. Sie selbst ist stets „mit Herzblut“ bei der Sache, mit viel Verantwortungsbewusstsein und „mit überzogenem Idealismus“.
