Nachkriegszeit: „Ich hab immer nach dem Sinn gesucht! “
Sehr lange hegt Liesel noch eine heimliche Siegeszuversicht, wofür sie sich im Nachhinein noch lange schämt. Als aber die Franzosen in Konstanz einmarschiert sind, wo sie am Ende des Krieges bei einer Familie arbeitet, empfindet sie keine Freude, sondern denkt: „Das kann doch nicht sein, dass das alles umsonst war! Ich hatte alle die Toten im Kopf! Wofür sind die jetzt gefallen?! Ich hab immer nach dem Sinn gesucht! “ Nachdem sie dann den Film „Nacht und Nebel“ über die Konzentrationslager gesehen hat, wird ihr klar, dass es tatsächlich keinen Sinn gab, sondern dass der Krieg schlicht ein Verbrechen war, „ein Riesenverbrechen!“
Liesel bemerkt, dass sich das Verhältnis der Geschlechter nach dem Krieg verändert hat: „Wie viele der Frauen total verändert waren, wenn die Männer wiederkamen – wenn sie wiederkamen -, dass die Ehen dann kaputtgingen, weil die Frauen selbstständig waren und die Männer das nicht ertragen konnten!“ Aber es gibt auch Konstanten, wie etwa die unverrückbare Heimatlieber der Kölner Bevölkerung. Über ihre Rückkehr nach Köln im Juni 1945 berichtet sie: „Ich habe diese Stadt nie so geliebt wie in diesem geschändeten Zustand!“
Hier versammeln sich nun auch nahezu alle Geschwister mit ihren Ehegatten wieder im elterlichen Haus. Der Krieg und der Hunger der Nachkriegszeit setzen insbesondere dem Vater schwer zu. Er, der immer zwei Zentner gewogen hat, verliert 45 Kilogramm Körpergewicht. Der jüngere Bruder Paul trägt aufgrund seines Kriegseinsatz in jungen Jahren psychische Schäden davon: „Der kam auch nicht zurecht mit der Situation. War ja auch kein Wunder: Mit 16 an die Kanonen gestellt!“ Er findet in der alten Heimat keine Orientierung mehr und meldet sich zur Fremdenlegion, in der er anschließend 15 Jahre aktiv ist. „Er war auch einer von denen, die eigentlich keine Jugend hatten.“
Nachdem Liesel 1946 nach einigen Wochen als Leiterin einer katholischen Jugendgruppe von einer Fahrt aus England ins Rheinland zurückkehrt, wird sie offiziell zur katholischen Jugendstadtführerin in Köln, eine Aufgabe, für die sie bereits in der letzten Kriegsphase ausgewählt worden war und die sie innehat, bis sie 1948 heiratet. Sie wird – wie stets von ihr gewünscht - mehrfache Mutter, arbeitet in der Familienfürsorge und hält Sprechstunden in der Mütterberatung ab. Sehr viel später nimmt sie auch teil am „Politischen Nachtgebet“ und engagiert sich in der Friedensbewegung.
