Krieg: „Der Dom steht noch!“

Liesels früheste Erinnerung hinsichtlich eines drohenden Krieg rühren daher, dass ihr ältester Bruder Peter mit einer Engländerin verheiratet ist, die sich aufgrund ihrer Herkunft in Köln vielfältigen Diffamierungen ausgesetzt sieht. 1938 aber, nach dem Abschluss des „Münchener Abkommens“ mit dem britischen Premierminister Chamberlaine werden – wohl aus Dankbarkeit - Blumen vor ihrer Tür abgelegt: „So sind die Deutschen!“

Als der Krieg dann am 1. September 1939 beginnt, empfindet Familie Strausfeld natürlich die umgehende Einberufung von Sohn bzw. Bruder Ferdinand und einem Schwager als tiefen Einschnitt. Der Alltag wird durch vielfältige Veränderungen und damit verbundene Arbeiten bestimmt. So müssen wegen der Verdunklungsvorschrift beispielsweise alle Fenster des großen Wohnhauses abgedunkelt werden.

Wichtig ist und bleibt für die Strausfelds wie für alle Kölner immer die Frage, ob der Dom bei einem der Angriffe beschädigt oder gar zerstört worden ist, und es macht sich stets große Erleichterung breit, wenn ein Kind nach der Entwarnung zum Dachfenster läuft, hinausschaute und ruft: „Der Dom steht noch!“

In der Familie habe, so Liesel Schäfer-Strausfeld rückblickend, stets eine kritische Haltung dem Krieg gegenüber vorgeherrscht. Selbst die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht in Polen und insbesondere dann ab Mai 1940 im Westen hätten keine Begeisterung hervorgerufen. „Als es mit Frankreich losging, hieß es: Das ist das Ende! An zwei Fronten, wer soll das schaffen?!“ Dieses Gefühl und damit auch die Angst wächst dann mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Und seit der Niederlage von Stalingrad „wusste man auch, dass das nicht mehr gutgehen konnte!“

Die Gefühlswelt ändert sich angesichts der zunehmenden Niederlagen an den Fronten und dem eskalierenden Bombenkrieg an der „Heimatfront“ massiv: „Erst mal Angst. Und dann hat man gebetet. Aber auch die, die gebetet haben, sind getroffen worden! Man lebte in diesen Jahren mit dem Tod auf Augenhöhe!“ Aber das Leben geht weiter, und der Druck auf alle wächst und wird auch seitens des NS-Regimes erhöht: „Man muss! Man muss jeden Tag wieder weiter! Irgendwo im Hinterkopf hatte man also: Du lebst noch, also mach weiter!“

Das gilt auch für Liesels Arbeitsplatz. Die Krankenhäuser sind personell und von der Ausstattung her überhaupt nicht auf einen Bombenkrieg vorbereitet. Das Pflegepersonal schläft zunehmend vor Ort und sorgt dafür, dass die Säuglinge bei Bombenalarm schnellstmöglich in den Keller gebracht werden. Tagsüber werden immer wieder traumatisierte Kinder zu den Schwestern in die Klinik gebracht, die während der Angriffe verschüttet oder verwundet worden sind. Bereits im Alter von 19 Jahren muss Liesel unter solchen Umständen in alleiniger Verantwortung Nachtdienst leisten. Einmal stirbt in einer solchen Situation ein Kind, was sie zutiefst trifft und grübeln lässt, ob sie alles richtig gemacht hat.

Liesel belasten diese Ereignisse und Erlebnisse schwer. Sie, die Kinder so liebt, erlebt, wie entsetzt und zugleich hilflos sie auf die unmittelbaren traumatischen Kriegserfahrungen reagieren: „Schock! Die haben zunächst mal nur geschrien!“ Der Umgang mit den verschreckten Kindern überfordert sie oft: „Wir hatten ja keine Psychologie studiert!“ Sie erlebt, dass andere Schwestern - selbst mit ihren Nerven am Ende - mit diesen Kindern eher unsensibel umgehen, aber: „Das ist auch menschlich!“

Es wird für Liesel unter solchen Umständen immer wichtiger, so etwas wie Normalität zu leben, um ihre Ausbildung auch unter den erschwerten Bedingungen zu Ende führen zu können. Aber auch das wird mit Fortgang des Krieges immer schwerer. Angesichts der Verhältnisse und Angriffe leben immer weniger Menschen in Köln „Im letzten Jahr des Krieges war die Straße fast leer.“ Auch Liesels Familie flieht nach den großen Herbstangriffen 1944 auf Köln schließlich nach Linz am Rhein zu Verwandten.