Gymnasium (1931-1939) - „Ich ging gern zur Penne“
In den ersten drei Jahren auf dem Gymnasium ist der Nationalsozialist Johannes Weber Gisberts Klassenlehrer und unterrichtet ihn in Deutsch und Latein. Von Haus aus Protestant ist er schon vor 1933 der NSDAP beigetreten. Weber stammt aus dem Elsass und organisiert in der Schule den nationalistischen „Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA), der sich nach dem Ersten Weltkrieg vor allem der Wahrung deutscher Kultur und Sprache in den „abgetretenen" Gebieten verschrieben hat. "Natürlich mussten wir alle Mitglied werden."
Gisbert ist ein durchschnittlich guter Schüler, hat jedoch eine Begabung, Aufsätze zu schreiben. So sieht er eines Tages, dass ein Lehrer einen von ihm verfassten Beitrag über das Schulfest des Gymnasiums an eine Zeitung weitergegeben hat. „Zum ersten Mal sah ich etwas von mir Verfasstes gedruckt." Allerdings hat der Lehrer kleine Korrekturen vorgenommen. „Mit gemischten Empfindungen schlich ich nach Hause, erstmals Glanz und Elend der Autorenschaft verspürend." Der „Glanz" überwiegt aber eindeutig, und schon bald gelingt es Gisbert, einen weiteren Artikel bei der Zeitung unterzubringen, den er selbst eingeschickt hat. „Ich sonnte mich in meinem ersten literarischen Erfolg." Fortan hat das Hobby „Schriftsteller" Vorrang vor anderen, und eine Kladde nach der anderen wird mit „Berichten, Tagebüchern, fiktionalen Texten und Versen" gefüllt.
In besonders guter Erinnerung behält Gisbert Kranz seinen Zeichenlehrer August Böhmer, der den Unterricht sehr anregend gestaltet: „Diese dynamische Persönlichkeit brachte sofort frischen Wind in unser Gymnasium." Mit der Note „sehr gut" fühlt sich Gisbert von diesem Lehrer anerkannt. Umso mehr verwundert es ihn, als er hört, dass Böhmer im Kollegium sehr unbeliebt ist. „Aus allen Wolken fiel ich, als ich hörte, wie jemand meiner Mutter gegenüber äußerte, August Böhmer sei im Lehrerkollegium der bestgehasste Mann."
Die Persönlichkeit, die ihn in der Schule aber am meisten prägt, ist Dr. Nikolaus Ehlen. „Er wurde eine der markantesten Führergestalten der katholischen Jugendbewegung." Ehlen stammt aus der Jugendbewegung, was sich deutlich an der auffälligen Art, sich zu kleiden, widerspiegelt: „Den 46-jährigen Dr. Ehlen sah ich nie anders als in kurzer Hose und Schillerkragen, und diese jugendbewegte Kluft trug er, wie erzählt wurde, immer, auch bei Abiturfeiern und anderen Festen." Von ihm erfährt Gisbert über die Ziele der liturgischen Reformbewegung, in die er später, nicht zuletzt durch die Schriften Romano Guardinis, noch tiefer eindringen wird.
In positiver Erinnerung hat Gisbert Kranz noch zwei weitere Lehrer: zum einen Ferdinand Gaillert, seinen Griechisch- und Lateinlehrer, „ein Kölner mit viel Humor, gläubiger Katholik, uns väterlich gewogen", und zum anderen Dr. Heinrich Steinbrink, einen alten Sozialdemokraten. „Seine antinazistische Gesinnung trat im Unterricht in manch bissig-ironischer Bemerkung hervor. Er verabscheute Germanentümelei umso mehr, als sie seiner fachlichen Meinung nach weithin auf unhistorischen Annahmen beruhte." Von diesen beiden Lehrern hätten die Schüler in der NS-Zeit „noch etwas Gescheites" gelernt.
Auf dem Gymnasium gehören sowohl die Lehrer als auch die Schüler unterschiedlichen Konfessionen an. So sind in Gisberts Klasse ein Drittel der Mitschüler evangelisch, fast der gesamte Rest katholisch. Daher wird die Klasse für die zwei Wochenstunden Religionsunterricht geteilt. Ab Frühjahr 1938 darf dann kein Religionsunterricht mehr erteilt werden, und es wird den Schülern überdies untersagt, an Prozessionen teilzunehmen. Ein Verbot, das Gisbert geschickt umgeht: „Daraufhin nahm ich selbst die Sache in die Hand und verständigte alle Klassen durch Jungen meiner ND-Gruppe über Treffpunkt und Uhrzeit. So schritten die Gymnasiasten wie immer als geschlossene Gruppe in der Fronleichnamsprozession, wenn auch dieses Mal ohne den geistlichen Schulrat, ohne ihre katholischen Lehrer und ohne die Standarte der Schule."
Sein Abitur legt Gisbert durch die Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs ein Jahr früher ab: „Da jeder gesunde Junge zwei Jahre Wehrpflicht und ein halbes Jahr Arbeitspflicht abzuleisten hatte, wurde uns das neunte Jahr auf dem Gymnasium geschenkt."
