Mediengeschichte

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die damals modernen Medien rasant an Verbreitung und Bedeutung zuzunehmen. Rundfunk, Grammophon und Film hielten Einzug in die Freizeit der Bevölkerung, wurden aber insbesondere seitens des NS-Regimes auch für Propagandazwecke und zur ideologischen Beeinflussung genutzt. Das galt aber auch für Zeitungen und Zeitschriften sowie die Literatur überhaupt. All diese Medien werden hier sowohl hinsichtlich ihrer Entwicklung als auch ihrer Bedeutung ausführlich vorgestellt.

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Literatur und Lesen

Gelesen wurde immer und – zumal in fernsehlosen Zeiten – sehr viel. Das galt auch für die Jahre zwischen 1933 und 1945, wobei jedoch bis heute viele Fragen hinsichtlich der Lesegewohnheiten und der Wirkung von Literatur auf die während der NS-Zeit Lesenden offen geblieben sind. So weiß man zwar recht genau, welche Autoren und Bücher nach 1933 mit Sicherheit nicht erwünscht waren, über das massenhaft gelesene Schrifttum während der zwölf Jahre des Dritten Reichs liegen hingegen keine differenzierten Überblicksdarstellungen vor. Dabei ist sich die Forschung zugleich sicher, dass die Frage, „welche Bücher unterm Hakenkreuz tatsächlich in großen Stückzahlen produziert, vertrieben und gelesen wurden, in einen Kernbereich deutscher Mentalitätsgeschichte“ vorstoßen würde.[1]

Auch Jan-Pieter Barbian, der sich bislang wohl am intensivsten mit Literaturpolitik und Buchmarkt der NS-Zeit auseinandergesetzt hat, musste sichtlich überrascht feststellen, dass beide Aspekte des Literaturbetriebs von der Forschung bislang eher stiefmütterlich behandelt wurden. Das gilt umso mehr angesichts folgender beeindruckender Zahlen: In der Reichsschrifttumskammer waren anfangs rund 12.000 haupt- und nebenberufliche Schriftsteller erfasst, während man im Reichsgebiet etwa 3.500 Verlage zählte, die jährlich Bücher im Verkaufswert von 650 Millionen RM produzierten – nach Steinkohle und Weizen der dritthöchste Wert der deutschen Volkswirtschaft! Die rund 10.000 Sortimentsbuchhandlungen verkauften jährlich Bücher für 483 Millionen RM – auch dies hinsichtlich der Verkaufssumme nach Zigaretten sowie Frauen- und Mädchenkleidung der dritthöchste Wert im Deutschen Reich. Eine weitere imponierende Zahl: Ohne die ungezählten kommerziellen Leihbüchereien gab es im Deutschland der NS-Zeit rund 9.500 Stadt- und Volksbüchereien in kommunaler Trägerschaft; hinzu kamen Staats-, Landes- und Hochschulbibliotheken – und wohl auch die von Barbian nicht eigens genannten Büchereien in kirchlicher Trägerschaft.[2] Nach offiziellen Angaben wurden 1941 im Reichsgebiet 341 Millionen Büchern produziert, und damit fast 100 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Allerdings lassen auch solche – zudem kaum überprüfbaren – Auflagezahlen keine Aussage darüber zu, ob bzw. welche Bücher auch und von wie viel Menschen gelesen wurden.[3]

Das Missverhältnis zwischen – zumindest zahlenmäßiger – Bedeutung und Forschungsinteresse hat Gründe, denn bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lieferte die Forschung zumeist ein sehr verengtes Bild zum Thema „Literatur im Dritten Reich“, suggerierten ihre Erkenntnisse doch, dass damals überwiegend Propaganda-, Kriegs- sowie Blut-und- Boden-Literatur und darüber hinaus vielleicht noch einige Werke der „Inneren Emigration“ geschrieben, publiziert und gelesen worden seien. Damit verhalf insbesondere die Literaturwissenschaft der NS-Propaganda selbst mehr als 50 Jahre nach Kriegsende noch zu einem späten Sieg, indem sie ein Bild konstruierte, dessen Umsetzung der NS-Propagandamaschinerie trotz aller gegenteiligen Bemühungen niemals gelang: die Etablierung von „NS-Literatur“ als „der“ Literatur des Dritten Reiches. Die Wirklichkeit sah nämlich anders aus, denn es gab durchaus eine nicht von NS-Inhalten durchtränkte Literatur, und diese war zwischen 1933 und 1945 wohl zudem weitaus erfolgreicher als gemeinhin angenommen.[4]

Dennoch gab es in diesem Zeitraum natürlich auch in der Buch-und Literaturproduktion seitens des NS-Regime einen umfassenden Führungsanspruch, der durch in erster Linie durch Kontrolle und kulturpolitisches Sendungsbewusstsein zum Ausdruck kam. Diese institutionellen Strukturen der „Literatursteuerung“ sind untersucht, wurden von der Forschung zwar längst bearbeitet, doch darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass damals weder ein systematisch geschlossener kulturpolitischer Verwaltungsapparat noch eine einheitliche Kulturideologie existierte.[5]

Bei den folgenden skizzenhaften Erwägungen zu „Literatur und Lesen“ während der NS-Zeit soll versucht werden, stets jene beiden Perspektiven zu berücksichtigen, die Jan-Pieter Barbian für eine fundierte Betrachtung und Beurteilung des damaligen Literaturbetriebs für unerlässlich hält: jene der Herrschenden, die bestrebt waren, Literatur, Buchmarkt und Bibliotheken zu einem leistungswilligen und leistungsfähigen Instrument im Dienst des NS-Staates zu entwickeln sowie jene der tatsächlich oder vermeintlich Beherrschten: der Schriftsteller, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare und natürlich der Leser.[6]

 
Fußnoten

[1] Adam, Lesen, S. 10

[2] Vgl. Barbian, Literaturpolitik, S. 18ff.

[3] Vgl. Adam, Lesen, S. 55

[4] Vgl. Schneider, Bestseller, S. 77f.

[5] Vgl. – in Anlehnung an Barbian - Zimmermann, Medien, S. 51f.

[6] Barbian, Literaturpolitik, S. 22

 

zuletzt bearbeitet am: 17.04.2016