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Erinnerungen an meine KLV-Zeit vom 11. Februar bis 9.August 1943

Dieses aufwändig gestaltete Fotoalbum mit eingefügten tagebuchartigen Textseiten wurde von einem 1926 geborenen Lagermannschaftsführer angelegt.

Schon mit 8 Jahren wurde er Mitglied des Jungvolkes in Köln und wechselte mit 14 Jahren zur HJ, wo er sich als Jungenschaftsführer und Fähnleinführer engagierte. Im Februar 1943 ging er dann als Lagermannschaftsführer in die Kinderlandverschickung und verlebte hier angesichts des Bombenkrieges im Rhein-Ruhrgebiet - die elterliche Wohnung war beim „1.000-Bomber-Angriff" auf Köln Ende Mai 1942 von einer Bombe getroffen worden - „ruhigere" Monate. Gleichzeitig fühlt er sich von den Aufgaben, die er in seiner Funktion als Lagermannschaftsführer meistern muss, herausgefordert.

Wieder zurück in Köln blieb der Jugendliche weiterhin in der HJ sehr aktiv und wurde im Unterbann für Büroarbeiten eingesetzt. Mitte 1944 legt er sein „Notabitur" ab und wird als Offiziersanwärter zur Wehrmacht eingezogen.

Über seine Zeit als Lagermannschaftsführer verfasste er im August 1943 folgenden Bericht:

„Im KLV-Lager Neuenweg wurden die 48 Pimpfe, die vom Beginn bis zum Lagerschluß an dem Gemeinschaftsleben teilnahmen, HJ-mäßig und fast vormilitärisch geschult und ausgebildet. Sie wurden, aus verschiedenen Ortschaften und Berufsklassen kommend, völlig vereinigt und schnell zusammengeschweißt, also zu Pimpfen erzogen, wie sie der Führer haben will. Auf die Schwertworte des Deutschen Jungvolkes bereiteten wir unseren Dienst vor und führten ihn danach durch. Schon von Anfang an ließ der abwechslungsreiche Dienst kein Heimweh aufkommen. In Dienstunterricht, Heimnachmittag, Zeichen-, Sing- und Feldscherunterricht wurden die Jungen geschult, in Sport und Geländedienst zäh und ausdauernd gemacht, in Sauberkeitsappellen stündlich zu Ordnung und Gesundheit erzogen, Ausmärsche und Fahrten ließen uns den schönen Schwarzwald erkennen und schätzen, Lese- + Erzählstunden, Schreib- + Singstunde, Putz- und Flickstunde und Revierreinigen füllten die noch bleibende Zeit voll aus. Sinnreiche Morgenfeiern wurden jeden zweiten Sonntag durchgeführt.
Den Dorfbewohnern standen wir in der Heuernte sehr hilfsbereit zur Seite. Auch die Beeren- und Heilkräutersammlung wurden keineswegs vernachlässigt. Das Lager kann insgesamt 5874 Arbeitsstunden vom 20.2.-30.7.1943 aufweisen. Eingeschlossen sind die Arbeiten wie Eis hacken, Asche fahren, Kartoffeln setzen, Holz holen und hacken usw.
Das Lager war von der ersten bis zur letzten Stunde in Ordnung, was der Unterführer und ich für unsere Pflicht hielten, gegenüber den ungeheuren Anstrengungen der Soldaten an der Front und unserem Führer.
H.F.O.-Kamf.

Zugleich wurde er von Lagerleiter Schümmer folgendermaßen beurteilt:

„Der O.-Kamf. H.F. war vom 11.2.43 bis zum 9.8.43 in dem KLV-Lager, Kinderheim, Neuenweg/Baden als Lagermannschaftsführer eingesetzt. F. versah seinen Dienst in vorbildlicher Weise und war maßgeblich an dem Aufbau des Lagers und der Bildung der Lagergemeinschaft beteiligt. F. ist ein guter Kamerade und charakterlich einwandfrei. F. hat Führereigenschaften und hat die für ihn anfallenden Dienste stets zu meiner Zufriedenheit ausgeführt. Außerdem führte er den Gesundheitsdienst im Lager zur vollsten Zufriedenheit des Lagerarztes durch. F. eignet sich zum Führer einer Gefolgschaft. Ich befürworte seine Beförderung zum Scharführer.
Der Lagerleiter   gez. Schümmer   Obergefolgschaftsführer"

Insgesamt bietet das hier vorgelegte Album einen tiefen und vielsagenden Einblick in Strukturen und Abläufe eines weitgehend nach Vorstellungen der Reichsjugendführung aufgezogenen KLV-Lagers. Nachträglich fügte F. dem Album zudem Zeitungsartikel und weitere Fotos von späteren Treffen der damals Verschickten und somit ein Stück Erinnerungskultur hinzu.

Das Album wurde dem NS-Dokumentationszentrum Köln neben weiteren Materialien zur Reproduktion zur Verfügung gestellt.

Erinnerungen an meine KLV-Zeit vom 11. Februar bis 9.August 1943 im Kinderheim Neuenweg ü. Schopfheim im badischen Schwarzwald

Nachdem ich die 14-tägige Reichsführerschule KLV in Steinau/Oder vom 12.-26.1.1943 hinter mir hatte, bekam ich für den 11. Febr. 43 meine Einberufung in das KLV-Lager Neuenweg als Lagermannschaftsführer zusammen mit Lagerleiter O.-Geff. Josef Schümmer, Würselen b. Aachen, Klosterstraße 93 und Unterführer Hermann-Jos. Becker, Köln-Vingst, Homarstr. 56. - von 48 Pimpfen aus dem Bann 386 (Aachen-Land). Ich fuhr mit dem KLV-Sonderzug, in dem ich die Jungen kennenlernte, am Rhein entlang über Lörrach an der Schweizer Grenze bis Schopfheim, das wir gegen 21.30 Uhr erreichten. Im Dunkeln luden wir unser Gepäck auf zwei Omnibusse und fuhren in ihnen ungefähr 2 1/2 Stunden über eine kurvenreiche Bergstraße bis zum Ziel, das wir um Mitternacht erreichten. Wir waren erstaunt, als wir in tiefem Schnee standen, als wir ausstiegen. Wir aßen nun zu Abend, jedoch auch im Zuge wurden wir reichlich verpflegt. Nachdem dann jeder sein Bett zugeteilt bekam, schliefen wir gut in unserem neuen Heim.

Den nächsten und ersten Tag verbrachten wir mit dem Einleben im Lager. Der Dienst renkte sich dann ganz von selber ein.

Neuenweg liegt mit seinen ca. 45 Bauernhöfen und 450 Einwohnern am Anfang der kl. Wiese im Wiesetal am Südhang des zweithöchsten Berges des Schwarzwaldes, des Belchens, 750 m.ü.M. Das Dörfchen wird umgrenzt von Spitzkopf, Zinken, Dachseck, Belchen, Blutacker und Holderkopf, fast ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Nur das Postauto fährt morgens zum 32 km entfernten Schopfheim, von wo man leicht die nächste Stadt, Lörrach, erreichen kann. Um 2 Uhr ist die Post wieder zurück. Dann kann man noch zu Fuß Schönau erreichen, die Geburtstadt Albert Leo Schlageters (11 km).

Morgens um 7 Uhr schrillt im oberen Flur die Pfeife des Lmf. und im unteren Flur die des Uf. durch das Lager, und es folgt der Ruf: "Alles aufstehen und raustreten!" Die Türen der Stuben öffnen sich und, zum Teil frisch und zum Teil verschlafen, treten die Pimpfe auf den Flur und ordnen sich in Reih' und Glied. Sie richten sich aus und zählen ab. Nur selten steckt dann noch einer im Bette. Dann müssen sich je drei Stuben nacheinander im Waschraum waschen, während die anderen Stuben Stubendienst machen. Die HJ-Führer mußten schon vor dem Wecken fertig sein und den Tagesdienstplan mit Parole und UvD. ans schwarzen Brett hängen.

Von 15 min. vor bis 15 min. nach 8 Uhr ist dann Stubendurchsicht. Meistens sind die Stuben sauber - Boden gekehrt, prima Staub gewischt, Betten tadellos gebaut, sowie die Wäsche und Gegenstände in Spinden und Nachtschränken kantig gestapelt, und es ist alles vor den Betten angetreten. Ist etwas nicht nach der Vorschrift, so fliegen Betten und Wäsche durcheinander. In schlimmen Fällen wird die ganze Stube gejagt - vom Spind "ins Spind, unters Bett, Achtung, Hinlegen, ins Bett, auf die Spinde!" usw. Doch auch das geht vorbei, und wieder müssen die Pimpfe heraustreten; dieses Mal mit ihren Schulsachen, die sie in den Regalen auf den beiden Fluren aufbewahrt halten. Sie rücken runter und der UvD.I läßt im Appellraum antreten. - Ordentliche Pimpfe wurden eine Woche UvD.II und die darauffolgende Woche UvD.I, die so als Unterführer vom Dienst kleinere Dienste leiten. Sie tragen die rot-weiße Stellungsschnur. - Der Unterführer läßt auf dem Dorfplatz vor das Lager treten, ausrichten und abzählen. Nach einem Feierlied meldet er dem Lagermannschaftsführer. Der grüßt mit "Heil Kameraden!", gibt die Tagesparole bekannt und kommandiert: "Stillgestanden! - -Zur Flaggenparade - - die Augen - links! - - Heißt Flagge!"

während der UvD.II die Fahne hißt, spricht der UvD.I einen Fahnenspruch. Nach einem zweiten Lied werden eine Stube für Küchendienst, je eine Stube für Flurdienst, zwei Mann, die sich schlecht benommen haben, für Klosettdienst und für jeden Tisch einen für Tischdienst bestimmt, die dann für die Sauberkeit und Ordnung ihrer Dienste verantwortlich sind. Am Schalter vorbei empfangen die Jungen ihr Brot und verzehren es mit Kaffee im Speisesaal. Sie sitzen an vier Tischen, klassenweise geteilt; davor steht der Führertisch. Nach dem Kaffeetrinken ist, wenn kein größerer Ausmarsch dazwischenkommt, Schulunterricht beim Lagerleiter. Während dieser Zeit von 9.15 - 12.30 Uhr bereiten sich die HJ.-Führer auf den Dienst vor oder haben Freizeit.

Als noch Schnee lag, liehen wir uns ein paar Mal die Schischuhe des Lagers aus und versuchten unser Glück am Schneehang. Die Hälfte der Lagermannschaft hatte sich ein paar Schier gekauft und übte in der Freizeit und zweimal als Dienst ihre "ersten Schritte", was ihnen und auch den Zuschauern viel Spaß machte. - - Oder wir bereiteten eine Morgenfeier vor, die wir dann jeden dritten Sonntag in feierlicher Weise auf dem Blutacker oder im Speisesaal abhielten, indem vier bis fünf Mann Gedichte, Lesestücke, Reden usw. vortrugen, und indem die Zuhörer die Feier durch Lieder verschönerten. Sie dauerten durchschnittlich 20 - 30 Minuten. - - Oder wir schnitten, als die Maschine noch ganz war, den Pimpfen selbst die Haare. Doch bald ging die Haarschneidemaschine kaputt und sie mußten allmonatlich zum Friseur nach Schönau.

Unseren ersten Aufstieg auf den Belchen machten wir am 14. März 43. Wir nahmen den Gemeindehirten als unseren "Führer". Er wollte uns den schnellsten Weg zeigen und führte uns steil am Dachseck hoch an der Viehhütte vorbei zum Hotel. Hier kamen wir - "bergfremd" - ans Kochen und Keuchen, aber desto besser war der erste Eindruck, den wir vom zweithöchsten Berg des Schwarzwaldes (1415 Mtr.) hatten. Leider war die Sicht nicht gut, und wir konnten weder die Alpen noch den Feldberg sehen. Wir nahmen denselben Weg zurück und hatten den Ausmarsch in 6 Stdn. hinter uns.

Zehn Tage später, am 24.3., machten wir einen Morgenausmarsch zum nahen Berg Zeiger. Wir marschierten um 1/2 10 Uhr über die Landstraße nach Bürchau und von dort auf den Zeiger, dessen Kuppe noch ganz unter Schnee lag. Trotzdem aber war es sehr heiß. Zurück gingen wir über den Holderkopf und erreichten das Lager gegen Mittag.

Nach dem Schulunterricht müssen die Pimpfe zum Mittagessen am Schalter vorbeirücken, gespannt darauf, was Frau Bugglin heute gekocht hat. Sind es wieder Pellkartoffeln mit Tomatensoße und roten Steckrüben oder sind diese heute weiß? Nein, halt! Gestern brachte der Bürgermeister mit seinem Auto eine Ladung Spinat ran, - also: sehr wahrscheinlich gibt's Spinatsuppe, Spinatgemüse, oder was? Gäb's doch einmal wieder Dampfnudel mit Kirschen oder Apfelstrudel, doch das hätte der Küchendienst schon verraten. Vielleicht hat die Alte heute geschnittene Weinbergschnecken, nachdem wir ja schon dreimal Froschschenkel vertilgt haben. Aber auch damit ist es nichts, denn es gibt das bekannte Gericht: Pellkartoffeln mit Butter und Käse. Und auf dem Führertisch wegen der Hitze 3 Glas Bier.

Nach dem Mittagessen ist Bettruhe, in der sich die Pimpfe 1 Std. lang ausruhen und mit Musizieren, Lernen, Lesen und Schreiben auf den Stuben beschäftigen können. Während dieser Bettruhe ist im Krankenzimmer die Verbandstunde. Der Lagerfeldscherführer hat hier alle Wunden und Krankheiten auszukurieren. Medikamente stehen ihm genug zur Verfügung, und jeden Donnerstag kommt der Lagerleiter mit dem Lagerarzt zur Visite. Dr. Gemmecker aus Schönau sieht die schlimmeren Krankheiten und Wunden nach und gibt Verhaltungsmaßregeln. Über jeden Kranken wird genau Buch geführt und Art und Dauer seiner Krankheit notiert. Unter den schlimmsten Fällen sind Blinddarmentzündung, eitrige Angina, eitriges Ohrlaufen, starkes Furunkulose, leichte Gehirnerschütterung, Gelbsucht und Impetigo zu erwähnen. In der Verbandstube stehen zwei Betten für Bettkranke, der Verbandschrank voll Medikamente und Verbandzeug, der Operationstisch mit zwei Stühlen und die Personenwaage. Hier befinden sich Waschbecken mit Spiegel und der Verbandseimer. Nach der Sprechstunde fährt ein Pimpf mit dem Arzt nach Schönau, um die neuverschriebenen Medikamente dort zu holen. Allerdings muß er die 9 km zurück zu Fuß gehen. Jedoch das macht bei schönem Wetter in der fabelhaften Gegend sehr viel Spaß und Freude. Als ich z.B. zum ersten Mal von Schönau zurückkam, habe ich den ganzen Weg laut gesungen.

Am 14.4.43 waren wir zum ersten Male auf der Kälbelescheuer und zwar mit dem gerade neu angekommenen GD-Mädel Bärbel Dormbaum, die wir schon nach 3 Wochen abgeschoben hatten. Man gelangt über einen schmalen, 1,5 Std. langen Bergpfad nur durch Nadelwald zur Kälb.sch. Hier lernten wir einen anderen Teil des schönen Schwarzwaldes kennen.

Am 16.5. machten Fr. Bugglin, Irma Wenning mit ihrer Schwester Hanni Leisinger und der Hermann und ich einen Mai-Nachtbummel zur Kälbelescheuer, und zwar von 21.00 Uhr bis 3.00 Uhr. Zu der Zeit konnte man hier richtiges Schenkenleben beobachten: Schwarzwälder Bauerntänze, Bauernmusik usw. Da war es allerdings nachher schwer im Dunkeln nach Hause zu finden, wo es doch am Abend Wein genug gab.

Nach der Bettruhe fängt der eigentliche Dienst erst an. Da machen wir Zeichenunterricht, in dem die Pimpfe heimatliche Häuser, Tore, Burgen und Denkmäler o.a. zeichnen sollen, um zeichnen und ihre Bauwerke zu Hause kennenzulernen. Oder wir machen Geländekunde, in der die Jungen mit Kompaß, Karten und Kartenzeichen und anderem mehr vormilitärisch geschult werden. Hat das Lager etwas auf dem Kerbholz, so werden sie mit Singunterricht bestraft und müssen neue Lieder lernen. Im Dienstunterricht werden die Themen wie Dienstränge und -stellungen, Uniformen, Disziplinarverfahren usw. der HJ. behandelt.

Einmal ließen wir einige Jungen ein Märchen lesen - "Der Wunderdoktor" - und kleideten jeden nach einer Person des Märchens. Im Appellraum, in dem die Schuhspinde stehen und die Mäntel und Mützen aufbewahrt werden, wurde schnell aus Tischen eine Bühne aufgebaut, und nach der Bettruhe mußten die Jungen das Märchen aus dem Stegreif spielen, was sehr gut ausgefallen ist. Ein anderes Mal führten der Lmf. und Uf. einige Schattenspiele auf, die ebenfalls gut gelangen. Zahnarzt, Operation, Degenschlucker. Dazu spannten wir eine Bettdecke in die Tür zwischen Appell- u. Speiseraum, setzten die Jungen in den dunklen Appellraum und wir ließen unsere Spielschatten von sehr viel Licht auf die Leinwand fallen.

Häufig führten wir gerade nach der Bettruhe unsere Appelle durch: Schuhappell, Kleiderappell, Sauberkeitsappell, Flohappell, Hände-, Kulturappell oder Gesundheitsappell. Die Schuhe müssen geputzt, schmutzfrei und eingefettet sein, die Kleider bebürstet, gereinigt und staubfrei, Haare gewaschen und gekämmt, Hände sauber, Fingernägel gereinigt und geschnitten, der Körper sauber gebadet und der Kulturbeutel mit Inhalt muß in Ordnung sein: Seife, Seifendose, Zahnbürste und -creme, Kleiderbürste und Kamm. Für die Sauberkeit (Hygiene) steht der Waschraum mit den zwei Badewannen und zwölf Waschbecken zur Verfügung. In ihm werden auch die 48 Handtücher aufbewahrt.

Dann rückt so langsam 1/2 4 Uhr heran, die Zeit zum Kaffeetrinken. Der Tischdienst trägt die Tassen auf die Tische und füllt den Tee (Belchen-Mischung) ein. Die Lagermannschaft empfängt am Schalter ihre eingetrockneten Marmeladeschnitten und jeder stellt sich hinter seinem Platz auf. Nach einem Tischspruch, wie vielleicht:

Allah ist groß, Allah ist mächtig.
Er hat einen Bauch von 3.60 Mtr.
Dies' zu erreichen ist unser Ziel,
Drum essen wir auch so viel:

oder

Der Ofen platzt vor Überheizung;
Wer zuviel ißt, kriegt Blinddarmreizung.
Nicht immer zahlt die Krankenkasse,
Drum hütet euch vor jeder Masse:

Es iß ein jeder, was er kann,
alle Mann --- ran!!!

haut alles rein. Der Lagermannschaftsführer hebt den Kaffeetisch mit: "Achtung! - Wir sind alle gut" - - - "Satt!" - wieder auf. Der Tischdienst deckt die 4 Mannschafts- und den Führertisch ab, und der neue Dienst beginnt.

Das Osterfest und das Pfingstfest konnte man nicht nur am Dienstfrei, sondern auch an den Vorbereitungen, wie Lagersäubern, Bettenausklopfen und Saalausschmücken, - und am Essen erkennen. Ostern war der Speisesaal mit Maigrün, Fahnen und dem Führerbild geschmückt und die Tische mit Tischtüchern, dieses Mal weiß, bedeckt. An diesen Tagen war wirklich Kuchen und gutes Essen im Überfluß da.

Für beide Feste wurde je eins unserer drei Lagerschweine [geschlachtet]. Eins davon schlachtete der Uf. und ein zweites der Lmf. mit. Bis das Schwein völlig zerlegt war, war ein ganzer Tag vorbei.

Wenn es hieß, das Lager müsse gereinigt werden, dann wurde das aufs Genaueste durchgeführt. Nicht nur sämtliche 15 Stuben, sondern auch die beiden Flure, Verbandstube, Waschraum, die 3 Aufenthaltsräume, die Klosetts und sogar der Lagervorplatz waren dann sauber. Dieses geschah immer für Sonntage, Feiertage und wenn Inspektion zu erwarten war. So zum Beispiel beim Bannführer R. Frey (Stabsleiter und Inspekteur des Gebietes Köln-Aachen), beim Inspekteur des NSLB Karlsruhe Meder und beim Inspekteur des Gebietes Baden (Straßburg) 21 Stammführer Nikolai. Von allen dreien erhielt das Lager einen tadellosen Beurteilungsentscheid.

Außerdem besuchte uns das KLV-Lager Schönenberg einmal, woraufhin wir diesem Aachener Lager zweimal einen Gegenbesuch abstatteten. Ebenfalls besuchten wir das KLV-Mädellager Rabenfels zweimal; zuerst, um unsere Mädeluniformen des Gebietes gegen deren HJ-eigene Jungenuniformen umzutauschen.

Oft hatten wir in einem der beiden Neuenwegener Gasthäusern "Sonne" und "Krone" eine Filmvorführung der NSDAP mit bekannten Tonfilmen und der Wochenschau. Ebenfalls im Lager machten wir Filmstunden, und zwar mit Unterrichtsfilmen der Lörracher Schullehrbildstellen.

Am 24.4.43 bestiegen wir an einem Vormittag den Belchen. Es kam eine Sauhitze auf, und dieser Auf- und Abstieg wurde, genau wie der am 10.5., zu einer Qual; nur daß im Mai bei mir eine Zehnagelbetteiterung dazukam.

Dagegen war der Belchen-Ausmarsch am 1. April 43 das direkte Gegenteil. An einem diesigen, regnerischen Tage beschlossen wir, die Wolken, in die der Belchen gehüllt war, zu durchwandern. Wir gingen über den Höhenweg westl. des Zinken und waren enttäuscht, als wir lange nicht in die Wolken stießen - bis wir am Hochkelchfelsen waren. Je mehr wir auf die Belchenspitze kamen, desto lichter wurden die Wolken um uns und desto kälter und schärfer wurde der Wind, daß uns die Ohren steif und leblos wurden. Als wir, den matschigen Grund der Wiesequelle nachgehend, nach vier Stunden in Neuenweg ankamen, waren wir bis auf die Haut durchnäßt. Doch dieser war einer unserer schönsten Ausmärsche.

Bei schlechtem Wetter folgt dann Feldscherunterricht für diejenigen, die dafür Interesse haben: es sind 17 Pimpfe. Diese haben alle die Bescheinigung für "Erste Hilfe", und jetzt bildet der Lagerfeldscher sie weiter zu Feldschern aus. Nach ungefähr 24 Stunden war dieses harte Werk - Körperbau, Wundbehandlung, Verbandlehre, Krankenbehandlung, Heilmittel usw. - vollbracht, und alle bestanden die Prüfung beim Lagerarzt mit einem Lob.

Für die übrige Lagermannschaft ist in dieser Zeit eine Sportstunde, in der sportliche Spiele im Feiersaal getrieben werden. Dazu werden die Tische, Stühle und Bänke zur Seite geschoben und für Bodenturnen von Stube X, der Rumpelkammer und Arreststube, einige Matratzen heruntergeholt. Jetzt wird jeder versuchen, in Hechtrolle über die meisten Jungen zu springen oder die anderen Übungen zackig und gewandt auszuführen. Die beliebtesten Spiele sind: Tag und Nacht, Völkerball und bei schönem Wetter draußen auf dem Sportplatz neben diesen noch Schnurball, Schiebeball, Wandbock und Sauhauen.

Für schlechtes Wetter sind Heimnachmittage im umgebauten Speisesaal. Es werden Themen wie: Der Führer, der Alte Fritz, die HJ. von 1933-1943, Deutsche in aller Welt, Judenplage, der Weltkrieg 1914-18 und sonstige behandelt. Oder wir machen im lustigen Heimnachmittag Scherzspiele, erzählen lustige Geschichten oder singen lustige Lieder. Da freut sich jeder, der mitmacht und jeder, der zuhört.

Jedoch die meiste Zeit wird bei schönem Wetter zu Ausmärschen benützt. Wir besuchten bereits Schönau, Bürchau, Heubronn und fast alle Stellen in 4 km Radius um das Lager des öfteren. Hierzu sind uns unsere Lieder gut zum besseren Marschieren und unser Ordnungsdienst gut zur Marschdisziplin. Oft waren diese Ausmärsche mit Geländespielen verbunden. Es wurden zwei Parteien mit je einem Führer bestimmt, die wiederum je einen Auftrag erhielten. So wurden sehr viele Geländespiele ausgefochten und aus deren Kritiken gelernt.

Wenn der Ausmarsch in Richtung Blutacker ging, war ein Geländedienst m.a.K. (mit allem Komfort) zu erwarten. Hierzu wurde die Lagermannschaft erst weich gemacht, was oft auf dem Hinweg schon geschah; sonst wurde es oben nachgeholt, indem die Pimpfe laufen mußten, hinlegen, robben und aufstehen mußten. Dann erhielt jeder ein Streichholz; d.h. einen ein Meter langen, 20 Zentimeter dicken Baumstamm. Hiermit gingen die Übungen dann weiter mit "Stemmen - vooor - halten - ab" usw. bis der letzte "gesund" war. Dann ein tadelloser Marsch zurück ins Lager und die Mannschaft war für ein bis zwei Wochen in Ordnung. Derselbe Sport wurde auch, wenn die Zeit etwas kurz war, auf der Blutbahn durchgeführt.

Die Lagerfahne.

Schon von Anfang der Lagerzeit an wollten wir als Symbol eine Lagerfahne haben. Aus einem alten JM-Wimpel entstand dann die Fahne, die von dem Fahnenträger auf jedem Ausmarsch mitgetragen wurde. Der Träger, ein zackiger Pimpf während der ganzen KLV-Zeit, schnitzte auf die Fahnenstange jeden größeren Ausmarsch mit Datum ein, so daß der einstige Besenstiel zu hohem Wert gelangte. Als Fahnenspitze diente ein aus einer Konservenbüchse geschmiedeter Dolch. Auf dem schwarzen Wimpeltuch war auf der einen Seite ein weißer Blitz aufgenäht und auf der anderen ein weißer Totenkopf. Am Lagerschluß wurde der Wimpel versteigert, und der Ertrag von 7.56 RM floß in die Lager-WHW-Kasse.

Ausmarsch nach Badenweiler. - 54 km.

Für den Tagesausmarsch nach Badenweiler, der für den 30.4.43 vorgesehen war, war bereits alles ausgerüstet und vorbereitet. Um 5 Uhr wurde das Lager geweckt und alles stand um 7.15 Uhr abmarschbereit, sogar die Wirtschaftsleiterin mit den Küchenmädels.

Wir marschierten über Heubronn, am Haldenhof vorbei immer weiter nach Westen über Landstraßen und Gebirgspfade bis wir um 8.30 Uhr Sirnitz erreichten. Nach kurzer Rast, auf der wir unser zweites Frühstück verzehrten, ging der Marsch weiter über Schweighof (10.15 Uhr) mit seinen großen Forellenzuchtanlagen nach Badenweiler, das wir um 11 Uhr erreichten. Die Disziplin und die Lieder der Lagermannschaft machten auf die genesenden Soldaten und auf die Kurgäste des schönen und sauberen Kurstädtchens einen guten Eindruck. Wir besichtigten den sehr gut gepflegten Kurpark, in dem man sich unter orientalischen Bäumen und Bananenstauden wie auf Sizilien vorkam, die Überreste des alten Römerbades und die 1000 Jahre alte Burgruine mit der Aussicht auf einen Teil des schönen Schwarzwaldes und der Oberrheinebene. Von hier aus gingen wir in das Gasthaus zur Sonne und aßen dort, reichlich für jeden, zu Mittag. Im Anschluß daran war von 14-16 Uhr Freizeit, wo es noch viel Interessantes zu sehen gab. Dann traten wir den Rückweg durch die Hitze an und waren um 21.30 Uhr im Lager.

Als wir eines Tages gegen Mittag von einem Ausmarsch nach Neuenweg zurückkamen, hatte ein Schäfer seine ca. 400 Schafe in die zum Lager gehörige Scheune eingestellt, um sie in den nächsten Tagen zu scheren. Hier halfen auch Pimpfe aus dem Lager mit, und nach vier Tagen verließ die Herde uns wieder. Jedoch dann brauchten mehrere Jungen über zwei Tage, um den Schafmist aus der Scheune und deren Vorplatz zu entfernen.

Wenn ein Ausmarsch bevorstand und als größerer lange angekündigt war, hatte ein jeder für die Ordnung und Sauberkeit seiner Uniform zu sorgen. Eine Uniform hatte jeder. Wenn er sich anfangs auch durch Tauschen oder Leihen aushalf, so bekam jeder das Fehlende im zweiten Monat schon vom Gebiet Baden (21) nach Antrag zugeschickt. Ebenfalls die beiden HJ-Führer erhielten so eine vollzählige Winteruniform. Dieses gehörte nun zum Inventar und mußte mit Lagerschluß im Lager bleiben.

Am 15.6.43 wollten wir dem Bürgermeister von Neuenweg eine kleine Freude bereiten, indem wir ihm ein Geburtstagsständchen brachten. Als Dank für die 4 Lieder und die Gratulation konnte jeder Lagerteilnehmer ein Glas Most (Waldbeer-Kirsch-Wein) trinken. Der Lagerleiter war nach Zapfenstreich mit seinen beiden HJ-Führern zu Wein und Kuchen eingeladen. Es war ein prima Abend.

Auf den zweiten Mai 43 fiel der Morgenausmarsch auf den Holderkopf, auf dem wir den Gemeindehirten Ernst Voigt, der die Neuenwegener Herde hierhingetrieben hatte, trafen. Auf diesem Ausmarsch versuchten wir, die schwedischen Stellungen zu rekonstruieren, was uns auch zum großen Teile gelang. In der brennendsten Mittagshitze gingen wir denselben Weg, den wir gekommen waren, an der Sternenschanze vorbei wieder zurück.

Nun rückt allmählich die Stunde zum Abendessen - 18.30 Uhr - heran. Es gibt nun Käsewurst-, Käse- oder Wurstbrot - es war möglich und kam vor, daß in allen drei Arten Würmer und Maden wimmelten - mit Tee. Da waren uns schon die Pellkartoffeln mit Quark (Makei) oder mit Butter lieber. Aber auch dieser Abschnitt des Tagewerkes geht vorüber, und in den folgenden 1 1/2 Stunden werden die verschiedensten Dienste durchgeführt. In der Lese- und Erzählstunde können Jungen aus Büchern vorlesen oder andere den Inhalt von Büchern oder eigene oder erfundene Erlebnisse erzählen (Reeperbahn). In der beliebten Singstunde werden teils lustige, teils feierliche oder auch Marsch- und Soldatenlieder gesungen, die einer auf dem Akkordeon oder auf dem Klavier begleitet. Im Laufe der Lagerzeit lernten wir 98 Lieder. In dieser Sammlung waren Lieder vom Deutschlandlied bis zum "En Neppes brennt et" vertreten. Oft führten wir diese Singstunde auch als öffentlichen Dorfsingabend vor dem Lager durch. So konnten wir unsere Lieder bei allen Anlässen und Gelegenheiten gut gebrauchen und dienten uns als Entspannung und Freude.

Der Lagerleiter nahm seine so geliebte Waldschule im KLV-Lager Brückenberg/Schlesien, das er vor dem Lager St. Goar/Rhein führte, zum Vorbild, als er einen Schulunterricht im Blutacker durchführte. Auf der Berghöhe unterrichtete er die Jungen unter freiem Himmel, was mehr Interesse und Aufmerksamkeit zur Folge hatte. Im Anschluß an den Unterricht machte er dann noch eine Turn- und Sportstunde mit lustigen Spielen, wie Bockspringen und "Jakob, wo bist du?"

Am 21.6.43 bekam auch das Lager Ferien, und wenn auch in diese Zeit der Haupt-Gemeinschafts- u.Arbeitseinsatz fiel, so mußten die Jungen doch mehr mit Ausmärschen beschäftigt werden. Außerdem trat in dieser Zeit bei schlechtem Wetter das Basteln in Tätigkeit, und es konnten ungefähr 40 Tiere ausgesägt werden. Jetzt gab es auch schon mal Freizeit und wenn ein Pimpf mal nicht rausgehen wollte, konnte er ein Buch aus der umfangreichen Lagerbibliothek lesen.

Zum Jahrestag der Erschießung Albert Leo Schlageters durch die Franzosen am 27.5.23 sollten die KLV-Lager Südbadens eine Gedenkfeier in Schönau abhalten. Dazu trafen sich 4 Lager um 2 Uhr in Schönau. Wir marschierten zum Grabe und hielten eine kurze Feier ab, in der Lieder gesungen und Gedichte und eine Rede vorgetragen wurden. Von da aus besuchten wir Schlageters Elternhaus und sangen dort, unter der Leitung des Lmf. Wehr "Nur der Freiheit gehört unser Leben...!" Dann stiegen wir hinauf zum Sockel des Denkmals, das Schlageters zu Ehren errichtet werden sollte. Mit einem Marsch durch Schönau nach Rabenfels endete die Gedenkfeier.

Dort hatten die Pimpfe nach kurzer Kaffeepause Freizeit und Kameraden und Freunde von verschiedenen Lagern, jedoch gleicher Heimat, konnten sich nach vier Monaten wiedersehen und sprechen. Der "Bullen"-Rückmarsch endete in Neuenweg um 9 Uhr.

Im Juni-Juli machte die Lagermannschaft die Übungen für das DJ-Leistungsabzeichen, die ja schon in vielen Sportstunden geprobt und geübt wurden. Die Bedingungen im Laufen, Springen und Werfen und der Lebenslauf des Führers bestanden, außer zwei Mann, alle Pimpfe im Lager.

Ebenfalls der Lagermannschaftsführer und der Unterführer erfüllten in derselben Zeit die Bedingungen für das HJ-Leistungsabzeichen in Silber.

Am 30.5.43 machten wir einen Tagesausmarsch zur Kälbelescheuer. Um 9 Uhr schob das ganze Lager samt Küchenpersonal auf die Kälbelescheuer. In zwei "Wägele" schleppte der Bagagezug das Essen - Kartoffelsalat, Zöpfe, Brote und KLV-Bonbons (Himbeeren) - und die Musikinstrumente - zwei Akkordeons und zwei Ziehharmonikas - hinter sich her. Während unseres Aufenthaltes auf der Kälbelescheuer aßen, sangen und musizierten wir, spielten Spiele, und jeder verbrachte die Freizeit auf seine verschiedene Weise. Erst um 1/2 9 Uhr abends kamen wir ins Lager zurück.

Bei Lagerschluß hatte unser Lager 5874 Arbeitsstunden aufzuweisen (Jeder Lagerteilnehmer = 122,37 Stdn. pro 1/2 Jahr). An dieser hohen Summe sind folgende Arbeiten beteiligt: Eis hacken, Schneeschaufeln, Sand und Müll fahren, Kartoffeln setzen, Hof reinigen, Holz für den ganzen Winter holen und hacken, Heilkräuter sammeln, die Heuernte und die Waldbeerernte. In ca. drei Wochen sammelten wir mindestens 15 Zentner (Trockengew.) Heilkräuter. Täglich brachten wir in Körben und Karren das Arnika vom Zinken und einmal Ulmenspierstaude von der Mühle ins Lager und trockneten sie in Stube X und auf der Scheune. Die getrockneten Kräuter brachte der Bürgermeister mit seinem Auto in die Schule von Schönau.

Um 20 Uhr rückt dann so langsam der Dienstschluß heran. Wieder tritt das Lager zur abendlichen Flaggenparade vor dem Mast an - nach dem Liede die Meldung des Uf. an den Lmf., - "Stillgestanden, - die Augen links - - -, holt nieder Flagge! - - - Augen geradeaus, - rührt euch - - -!" Nun wieder ein Lied und das Lager rückt ein. Es muß alles auf die Stuben verschwinden, und es geht wieder stubenweise zum Waschen. Jedoch lange Zeit lief im Waschraum gar kein Wasser. Da mußte die Mannschaft in Schwimmhosen und Turnschuhen mit Seife und Handtuch im Appellraume antreten. Nach einem Zehn-Minuten-Dauerlauf auf Bürchau zu gelangten wir an eine Stelle, an der der Bach durch eine Wiese lief. Dort war die schönste Gelegenheit zum Waschen und hier machte es viel mehr Spaß als im Waschraum. Der Rückweg ins Lager wurde wieder im Dauerlauf mit zicke-zacke-zicke-zacke-heu-heu-heu zurückgelegt.

Abends um 20.30 Uhr war wiederum Stubendurchsicht durch Lmf. und Uf. In den zwölf Stuben waren drei, vier oder auch fünf Pimpfe untergebracht. Jeder hatte seinen Spind und ein Nachtschränkchen. Der Stubenälteste meldete seine Stube zum Zapfenstreich bereit. Es war alles sauber gekehrt, Staub gewischt, Spindfächer in Ordnung und das "Packchen" gebaut. Doch gelegentlich konnte es auch zu einer Stubenschleiferei kommen.

Das Ziel vieler Ausmärsche war der Nonnenmattweiher, ein unergründlicher, tiefer Bergsee, in dem eine 500 qm große Insel schwimmt und in dem tausenderlei Getier wimmelt und aus dem die berühmten Froschschenkel stammten, die wir verzehrten.

Der erste Ausmarsch zum Nonnenmattweiher führte uns über Heubronn ohne Karte und durch tiefen Schnee. Als wir schon lange im Berg-, Wald- und Eisgewirr herumgeirrt waren, sahen wir ihn plötzlich und unerwartet durch die Bäume schimmern, der mit einer dicken Eisschicht im Tale vor uns lag.

Im heißen Sommer benutzten wir den See als Schwimmbad. Ein Stück des "Strandes", das wir vorher genau untersuchten, wurde durch Stöcke, die mit Steinen beschwert waren, notdürftig abgegrenzt und als "Schwimmbad" erklärt. Als Sprungbretter dienten ein Felsen und die Schleuse. In der größten Hitze lohnte sich der Weg hierher, denn ein kühles Bad war dann die schönste Erfrischung. Der Nonnenmattweiher brachte uns so manche Freude, trotz der Larven, Würmer, Kaulquappen, Frösche und Blutegel.

In der Zeit der Heuernte war natürlich auch das KLV-Lager mit dabei. Da die Bauern mit dem letzten Lager schlechte Erfahrungen gemacht haben, mußten sich die Pimpfe ihnen nun regelrecht aufdrängen, doch schon am zweiten Tage war keiner mehr im Lager, denn die Bauern sahen ihre Leistungen, und jeder wollte nun eine willkommene Hilfe haben. Und das Lager hatte einen guten Anteil am Erfolg der Heuernte. Die Jungen taten gerne die ihnen ungewohnten Arbeiten und lernten voll Eifer mähen, heuen, auf- und abladen, wenden und streuen, alles Arbeiten, die in der Gebirgsgegend des kl. Wiesetals schwierig sind. Nach diesem 4-wöchentlichen Einsatz wurde das Lager beliebt und geachtet.

Jeden zweiten Sonntagvormittag war Gewichtskontrolle, bei der das Gewicht eines jeden aufnotiert wurde. Die Jungen nahmen in der ersten Hälfte kollosal zu; doch die zweite Hälfte brachte wegen der Heuernte und des schlechten Essens das Gegenteil.

Am Tag des Reichsjugendsportwettkampfes machte auch das Lager diese Übungen, die von 29 Pimpfen bestanden wurden, und die so das Sportabzeichen überreicht bekamen.

Säckingen.

Die letzte Lagerfahrt zog herauf. Es war der Ausmarsch nach Säckingen, zu dem eigentlich keiner so recht Lust hatte. Trotzdem marschierten wir am 30.7.43 um 5.45 Uhr ab und fuhren mit dem Bummelzug von Wembach nach Zell, von da mit der Reichsbahn nach Hasel, nachdem wir in Schopfheim umgestiegen sind. Dieses Hasel liegt sofort hinter dem 4-km-langen Großherzog-Friedrich-Tunnel und hat eine sehr schöne Tropfsteinhöhle, die 360 m lange Erdmannshöhle. Diese besichtigten wir mit einer Führerin und wurden in ihre Geheimnisse eingewiesen. Hier war ein Bach zu sehen, der 10 min weiter ans Tageslicht kam. Gefärbtes Wasser zeigt uns jedoch, daß der Bach unterirdisch soviel Biegungen macht, daß er erst nach 6 Stunden ins Freie tritt. Es gab hier weiße Schlangen, Mäuse, Spinnen und weiße Fliegen.

Im Anschluß an die Besichtigung tranken wir unseren Kaffee und fuhren dann weiter über Wehr nach Säckingen. Hier besichtigten wir das Standbild des berühmten Trompeters von Säckingen. Nach dem Mittagessen hatte das Lager, da der Gesang und der Einmarsch in das Städtchen so gut klappte, eine Stunde Freizeit, die die Jungen z.T. am Rhein, z.T. in den Geschäften verbrachten. Dann marschierten wir am Bergsee vorbei nach Brennet. Wir bestiegen den Zug und von hier benutzten wir denselben Weg wie am Morgen und erreichten um 22 Uhr Neuenweg.

Die Fahrt zum Feldberg.

Die lang angekündigte Zwei-Tagesfahrt zum Feldberg sollte steigen; darum die eifrigen Vorbereitungen im Lager. Ein Appell wurde nach dem anderen abgehalten, bis endlich alles sauber und abmarschbereit war. Am Montag, dem 19. Juli 1943, wurde schon um 4.30 Uhr geweckt. Heute ging Betten-Bauen, Waschen und Stubendienst schneller als sonst, und nach dem Kaffeetrinken konnten wir schon um 5.30 Uhr abmarschieren. Jeder Pimpf hatte eine Decke aufgerollt umgeschnallt. Die Verpflegung wurde in Tornistern und Marmeladeeimern mitgenommen, welche dann abwechselnd getragen wurden. Über Böllen ging der Marsch mit frischem Lied nach Wembach. Von hier fuhren wir, 49 Pimpfe, Lagerleiter und Frau, 2 Küchenmädel und 2 Führer mit dem Bummelzug durch das schöne Wiesetal nach Todtnau. Nach kurzem Marsch fanden wir ein geeignetes Gasthaus (Waldeck), in dem wir unser zweites Frühstück einnahmen. Durch waldiges Bergland gingen wir dann, nur über schmale Zickzackwege, zum Todtnauer Wasserfall. Der Stübenbach fällt hier 92 mtr. ab. Als wir oben in Todtnauberg ankamen, stand die Sonne auf ihrem Höhepunkt und ließ uns den Schweiß herabtriefen. In ihren brennenden Strahlen marschierten wir über Bergerhöhe auf einem sandigen Wege unter großen Mühen weiter, bis wir endlich gegen 12.30 Uhr die Todtnauer Hütte am oberen Feldberghang erreichten. Hier aßen wir unser Mittagessen (4 Schnitten Brot mit 1/2 Flasche Bier). Nach zweistündiger Freizeit bestiegen wir den Rest des Feldberges, dessen Spitze 1493 mtr. hoch liegt. Hier oben stehen eine Wetterwarte, ein Gasthaus und ein Aussichtsturm, von dem man nach allen Richtungen gute Sicht hat. Wir hielten uns nur kurze Zeit auf dem Feldbergkopf, der in einer Hochebene liegt, auf.

Schon um 17.30 Uhr traten wir den Rückweg an und erreichten gegen 19 Uhr ein Gasthaus auf Stübenvasen - 1388 m.ü.M. -. Hier konnten wir zu Abend essen. - Da das Wetter zu unbeständig wurde, konnten wir den Plan, im Freien zu übernachten, nicht ausführen, obwohl die Zelte aus Wolldecken schon aufgeschlagen waren. Daher schliefen der Lagerleiter und die 3 Frauen im Saal des Gasthauses auf Holzbänken, die beiden HJ-Führer auf einem Heuhaufen neben einem Schweinestall, in dem zwei Schweine schliefen und die Jungen auf dem Boden einer Baracke, auf dem in den anderen Nächten ein Bernhardinerhund liegt.

Doch auch diese Nacht ging vorbei, und am nächsten Morgen traten wir nach siebenstündigem Schlaf den Heimweg an (5 Uhr). In der kühlen, frischen Morgenluft machten wir eine fabelhafte Höhenwanderung über den Münsterweg bis Wiedener Eck, wo wir dann unser Frühstück einnahmen. Danach passierten wir noch Multen, Böllener Eck und die Stuhlsebene des Belchen und marschierten mit dem Schwarzwaldlied:

"O Heimat, ich muß wandern,
Von Täler über Höh'n.
Von einem Ort zum andern,
Das schöne Land zu seh'n.
Vom Feldberg bis zum Belchen,
Vom Rhein zum Neckarstrand.
Mein liebes, frohes Ländle,
Wie schön bist Du, Du Schwarzwaldland."

(H. Fahlbusch, 30.12.1943)

Während der Lagerzeit wurden 31 Pimpfe zum Hordenführer bezw. zum Oberhordenführer ernannt oder zum Oberhordenführer befördert. Der erste Termin war der 21.6.43 und der zweite der 9.11.43 im Heimatbann. Hier konnten alle guten und zackigen Lagerteilnehmer, wie Stubenälteste, Tischälteste und UvD's belohnt werden.

Eine Ferienbeschäftigung war auch das Waldbeerensammeln. Hierfür hatten wir viele Stunden verwandt. Wir zogen zum Sammeln, jeder mit einer Konservenbüchse oder einem großen Becher "bewaffnet", zum Zinken oder zum Holderkopf. Es wurde dann um die Wette gesucht und gepflückt. So brachten wir neben den unheimlichen Mengen, die an Ort und Stelle in den Magen wanderten, im ganzen noch 30 Marmeladeeimer voll ins Lager zurück.

Um 21 Uhr wurde Zapfenstreich gepfiffen. Dann mußte jedes Stubenlicht gelöscht sein und jedes Gespräch verstummen - - - - - bis zum neuen Tage!