Flüchtlinge

Die großen Wanderbewegungen, die die ersten Nachkriegsjahre prägen, bleiben naturgemäß auch den stets gut beobachtenden Kindern nicht verborgen, zumal sie sich oftmals unmittelbar mit dem Weg- oder Zuzug ihnen unbekannter Menschen konfrontiert sehen. So erlebt Irmgard Coenen in den ersten Wochen nach der Besetzung Jüchens, wie zunächst einmal all jene, die in diesen unruhigen Tagen Unterkunft in der elterlichen Wohnung gefunden haben, schnell wieder ausziehen. „Wir lebten wieder allein im Haus“ – allerdings nicht lange.

Sehr bald zieht das Ehepaar Schwarz ein, das aus dem Sudetenland kommt, aber Jüchener Wurzeln hat. Ludwig Schwarz entstammt der gleichnamigen örtlichen Fabrikantenfamilie, ist Mitinhaber des Unternehmens Schwarz & Klein auf der Kölner Straße und hat nach 1938 ein eigenes Unternehmen im Sudetenland gegründet, das er bei Kriegsende offenbar fluchtartig verlassen muss. Weil auch das Elternhaus in Jüchen requiriert ist, muss er anderweitig unterkommen, was ihn und seine Familie mittels Zuweisung durch die Gemeindeverwaltung schließlich in Irmgard Coenens Elternhaus Am Markt 7 führt.

Bei diesem Zuzug, so ordnet Irmgard Coenen dieses Erlebnis ein, habe es sich um eine „Vorstufe“ von der späteren großen Welle von Flüchtlingen und Vertriebenen gehandelt. „Das waren schon Flüchtlinge, aber es waren Jüchener“, was natürlich ein großer Unterschied gewesen sei. Das Ehepaar Schwarz habe etwa ein Jahr in ihrem Elternhaus gewohnt, erzählt Irmgard Coenen weiter – „und man musste schon wieder zusammenrücken“, indem man das Schlafzimmer räumt und Küche sowie Bad teilt. Weil ihre Mutter zwischenzeitlich mit dem vierten Kind schwanger ist und die Familie damit bald auf sechs Personen anwachsen wird, empfindet man im Hause Krapohl die Enge als immer unangenehmer. „Also, wir fanden das nicht so superschön und waren froh, als die wieder weg waren.“

 

Zwischenzeitlich sind auch in Jüchen die Vertriebenen eingetroffen, wovon Familie Krapohl aufgrund der Schwarz-Einquartierung jedoch nicht betroffen ist. Aber natürlich wird das Phänomen „Flucht und Vertreibung“ zum Ortsgespräch. „Ostpreußen, Westpreußen, Pommern – all diese Namen wurden genannt.“ Irmgard und ihre Schwestern werden recht behutsam auf die neuen Mitbürger vorbereitet, denn ihr Vater, der zu Beginn des Krieges in Ostpreußen stationiert war, hat seinen Töchtern mit Begeisterung von der schönen Landschaft und dort gewonnenen Freunden erzählt. Vor allem aber macht er von Beginn an mit Blick auf die Neuankömmlinge deutlich: „Das sind Deutsche!“ Daher habe man in der Familie eine gewisse „Nähe zu den Vertriebenen“ entwickelt, fasst Irmgard Coenen die innerfamiliäre Stimmung jener Jahre zusammen. Das sei aber natürlich, so räumt sie ein, nicht zuletzt deshalb recht leicht gefallen, weil man sich, nachdem Familie Schwarz das Haus wieder verlassen habe, persönlich nicht habe einschränken müssen, denn es habe keine neuen Einweisungen mehr gegeben. „Die verteilten sich mehr auf die Bauerhöfe um Jüchen herum“, weil es dort Stallungen und Knechtstuben gibt, die für längere Zeit als provisorische Unterkünfte dienen können und müssen.

 

Aber auch im Ort selbst gibt es teils sehr lang genutzte Provisorien. So erzählt Hubert Knabben von den beiden Klassenräumen der alten Schule, die längere Zeit als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden. Besonders gut ist ihm die Unterbringung des an anderer Stelle näher vorgestellten Werner Schuh erinnerlich, der mit seiner Familie jahrelang im engen und einfachen Anbau des Hauses Meising habe leben müssen. „Ich weiß, dass dieser Anbau ein sehr baufälliges Gebäude war.“

 

Wenn es doch einmal Probleme und Konflikte gegeben habe, so erzählt Hubert Knabben weiter, hätten die sich zumeist daraus ergeben, dass sich Einheimische im Vergleich zu den Neuankömmlingen ungerecht behandelt gefühlt hätten. „Ja, hast Du schon gehört? Die sind wieder zum Bürgermeisteramt gegangen und haben schon wieder einen Schuh- oder Kleidungsbezugschein bekommen. Und guck Dir mal meine Schuhe an. Die sind auch nicht besser!“ Ihm persönlich seien solche Fälle von zumeist ungerechtfertigtem Sozialneid schon damals zuwider gewesen, weil sie sich stets der pauschalen Aburteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen bedient hätten.

 

Dass der Integrationsprozess unter Kindern und Jugendlichen augenscheinlich schneller und reibungsloser verlief, lässt sich auch daraus ableiten, dass weder Irmgard Coenen noch Hubert Knabben sich an größere Reibereien zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen in der Schule erinnern können. Ohnehin gesteht erstere der (evangelischen) Kirche und ihren Einrichtungen eine erheblich wichtigere Rolle bei der Integration der Flüchtlingskinder zu als der Volksschule. Insbesondere auf längere Sicht sei die Kirche der eindeutig wichtigere Ort für eine erfolgreiche Eingliederung gewesen.