geborene Schottländer
geb. in Köln 1917
Mit den nichtjüdischen Nachbarn in der Straße hatten wir immer einen sehr guten Kontakt. Wir Kinder spielten zusammen, und dadurch lernten sich die Mütter kennen; die Väter weniger, weil sie ja tagsüber nicht da waren. Es war immer ein sehr, sehr guter Kontakt. Ich habe auch während meiner Kindheit in unserer Nachbarschaft i n der Dasselstraße nie irgendetwas gemerkt von Antisemitismus. Wir waren zum Beispiel mit dem christlichen Hauseigentümer sehr gut befreundet. Wir wurden als Kinder Weihnachten immer hinunter in ihre Wohnung gerufen, um Weihnachten mit ihnen zu feiern - allerdings nur wir Kinder, meine Eltern nicht. Und eines Tages kündigte uns dieser gleiche Hausinhaber, weil wir Juden waren. Er war plötzlich, von heute auf morgen, gegen Juden. Das war vor 1933. Das begann ja auch schon alles vor ’33. Diese Familie war nachher sehr nationalsozialistisch, auch die Kinder. Und vorher haben wir uns wunderbar mit ihr verstanden. Das änderte sich ganz plötzlich.
In der Dasselstraße wohnten noch andere jüdische Familien, zum Beispiel der Lehrer Reinhardt, die Familie Simons, ein orthodoxer Rabbiner - ja, in der Dasselstraße wohnten einige. Aber wir hatten zu den jüdischen Nachbarn an und für sich nicht mehr Kontakt als zu den nichtjüdischen. Insgesamt blieb das nähere Umfeld unserer Familie eigentlich der größere Familienkreis selbst.
Zur Familie gehörte zum Beispiel der Bruder meiner Mutter, Albert Capell. Er war Fotograf und hatte in der Mittelstraße ein Atelier. Das Haus steht heute noch, Mittelstraße/Ecke Friesenwall. Heute ist dort ein Textilgeschäft. Er hatte sein Atelier, wie das damals so war, wegen des notwendigen Lichtes unter dem Dach. Mein Onkel war ein sehr bekannter Fotograf und hatte außerdem ein Antiquitätengeschäft auf dem Ring. Er verkehrte im Künstlermilieu und war selbst künstlerisch sehr begabt. Er spielte oft als Statist am Theater mit und war auch mit der Schauspielerin Friedl Münzer befreundet. Ihm ging es gut; er fuhr jedes Jahr nach St. Moritz zum Schlittschuhlaufen, und als mein Großvater nicht mehr lebte, nahm er meine Großmutter im Sommer mit an die See nach Holland oder Belgien. Er war nicht verheiratet und hatte eine christliche Freundin. Er emigrierte dann gleich 1933 nach Amsterdam und eröffnete dort wieder ein Atelier. Ich habe ihn noch 1937 besucht. Später kam er ins Lager, und wir haben nichts mehr von ihm gehört.
Die jüngere Schwester meiner Mutter, Helene, war mit einem Christen verheiratet, Hermann Lützeler, der Konzertmeister im Gürzenichorchester war. Sie hatten keine Kinder, und als ihr Mann starb, blieb sie als Witwe allein zurück.
Außer diesen Geschwistern meiner Mutter hatten wir noch die weitere Verwandtschaft mütterlicherseits in Deutz und Mülheim: Vettern und Cousinen meiner Mutter mit ihren Familien.
zuletzt bearbeitet am: 31.10.2022