geb. in Köln 1919
Ernst und seine Brüder besuchen die katholische Volksschule am Gotenring in Deutz und später das Städtische Realgymnasium in der Schaurtestraße. Auch das sei zunächst kein Problem gewesen, sagt Ernst Simons, weder für ihn und die Brüder noch für ihre katholischen Mitschüler. „Es war uns klar: Wir sind Juden, und das sind Christen.“
Ernst, im August 1919 geboren, wird bereits mit fünfeinhalb Jahren eingeschult und erlebt in der Einrichtung am Gotenring „eine angenehme Zeit“ ohne besondere Vorkommnisse. Die Lehrer gehen pragmatisch mit den unterschiedlichen religiösen Ausrichtungen ihrer Schülerinnen und Schüler um. „Während des katholischen Religionsunterrichts hat der Lehrer mich rausgeschickt, weil ich jüdisch war, und hat gesagt: Hier hast Du fünf Pfennig. Geh mir mal ein Teilchen holen“, erinnert sich Ernst Simons.
Im Frühjahr 1929 wechselt der Neunjährige auf das Städtische Realgymnasium in Köln-Deutz, das schon die Brüder besuchen. Auch dort sind die Söhne von Rabbi Simons zunächst wohlgelitten. Nach der Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 allerdings verändert sich nach und nach die Stimmung an der Schule. Anfangs hätten andersdenkende Lehrer ihren Widerstand gegen das Hitler-Regime noch offen zeigen können, sagt Ernst Simons. „Als es Gesetz wurde, dass sie die Schüler mit ‚Heil Hitler‘ begrüßen müssen, sagte unser Lateinlehrer: ‚Was sagt man heute? Drei Liter oder was?‘“
Andere Lehrkräfte, vor allem diejenigen, die auf eine baldige Beförderung hoffen, bekennen sich – ob aus Überzeugung oder aus Pragmatismus – schon bald offen zum Nationalsozialismus. „Besonders schlimm waren die Turnlehrer. Sie waren keine Beamten, wollten aber verbeamtet zu werden.“ Überzeugte Katholiken, die bis 1933 die Deutsche Zentrumspartei gewählt hatten, „wurden plötzlich Nazis“.
Auch im privaten Umfeld verändert sich die Stimmung. Die beste Freundin einer seiner Schwestern, „die bis dahin jeden Tag bei uns geklingelt hatte“, zieht sich komplett zurück. „Ich möchte nicht sagen, dass es Antisemitismus war. Es war Angst.“ Das sei vielleicht ein Fehler der Deutschen, sagt Ernst Simons. „Dieses unbedingte Gehorchen.“
Einige Klarsichtige unter den jüdischen Schülern ahnen frühzeitig, welche Gefahr ihnen durch die Nationalsozialisten droht. „Wir sind alle Kanonenfutter“, raunt ein Mitschüler Ernst während eines Fahnenappells auf dem Schulhof zu. „Das geht nicht gut.“ Ernst ist dennoch nicht ernsthaft beunruhigt über die politische Entwicklung in Deutschland. „Wir sind in der Überzeugung erzogen worden: Wir sind Juden, und Gott wird uns helfen.“
In der Klasse scheiden sich die Geister an der tagespolitischen Realität. „Von 35 Schülern waren vier, fünf Gegner, fünf, sechs überzeugte Nazis, und der Rest war völlig desinteressiert.“ Ab und zu registriert Ernst unter seinen Mitschülern sogar „einen kleinen Widerstand“ gegen das Hitler-Regime. Als ein Schüler vom Lehrer gefragt wird, warum er nicht in der Hitler-Jugend ist, obwohl der Führer das wünsche, antwortet der Junge: „Herr Studienrat, wir haben nur einen Führer, und das ist der Herrgott.“
1935 wird Paul Börger zum Schulleiter berufen, ein überzeugter Nationalsozialist und seit zwei Jahren Mitglied der NSDAP. Damit gibt es an der Schule endgültig keinen Platz mehr für politisch Andersdenkende. Paul Börger hält seine Ansprachen „in voller Uniform. Und alle schrien: ‚Unser Führer! Sieg!‘“ Den jüdischen Schülern gegenüber habe er sich jedoch stets fair verhalten, betont Ernst Simons. „Er hat keine bösartigen Dinge gemacht“, und habe lediglich die geltenden Gesetze umgesetzt. „Er hat immer nach zwei Seiten gespielt.“
Für Ernst bedeutet Paul Börgers Amtsantritt das vorzeitige Ende seiner Schulzeit. Vor der Versetzung in die Obersekunde, in die elfte Klasse also, bestellt der Schulleiter den 16-Jährigen in sein Büro. „Er sagte: Lieber, guter Simons, wir können Dich nicht länger halten. Du musst die Schule verlassen. Er gab mir einen Brief mit, dass ich in der Lage gewesen wäre, das Abitur zu machen, wenn nicht das und das gewesen wäre.“ Am 29. März 1935 erhält Ernst sein Abschlusszeugnis.
Sein zwei Jahre älterer Bruder Kurt darf noch bis zu seinem Abitur im März 1936 an der Schule bleiben. Kurt Simons ist der letzte jüdische Schüler, der in der Schaurtestraße die Reifeprüfung ablegt. Ein halbes Jahr später emigriert er nach Belgien, um dort zu studieren.
zuletzt bearbeitet am: 07.07.2022