Politik: „Du darfst dich von denen nicht beeinflussen lassen!“

Liesels Eltern wählen – wie die meisten Katholiken – bis 1933 die katholische Zentrumspartei: „Das war kein politisches Bekenntnis, das war einfach die einzige katholische Partei!“ Wirkliches Interesse an Politik hätten ihre Eltern hingegen nicht gehabt. Mutter Elisabeth habe allerdings sehr wohl gespürt, dass Hitlers Politik Unheil über alle bringen würde.

Die unmittelbare Zeit vor der NS-Machtübernahme ist durch oftmals brutale Straßenkämpfe und Saalschlachten geprägt, von denen natürlich auch die Heranwachsenden etwas mitbekommen. So erinnert sich Liesel Schäfer-Strausfeld zeitlebens lebhaft an große Schlägereien zwischen SA-Männern und ihren Gegner auf der Venloer Straße im Jahr 1932.

Nach dem 30. Januar 1933 habe ihr Vater mit den allseits bekannten Argumenten das neue Regime zunächst begrüßt: „Die Arbeitslosen werden weniger, es geht aufwärts!“, worauf die Mutter umgehend geantwortet habe: „Du wirst dich noch wundern!“ So habe sie auch dem mit großem Aufwand propagierten Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan wegen ihres ausgeprägten Misstrauens in Adolf Hitler nicht getraut: „Der hält keinen einzigen Vertrag!“ In der Familie sei über solche Dinge auch vor den Kindern recht offen gesprochen worden, doch sei dabei jedem klar gewesen, dass man nach Außen nichts Kritisches gegen das NS-Regime habe äußern dürfen. Eines aber ist Liesel Schäfer-Strausfeld besonders wichtig zu betonen: „Es war in unserer Familie kein Nazi“, und das damals alles andere als selbstverständlich gewesen. „Das hab ich in anderen Familien fürchterlich erlebt!“

Bald dringt die NS-Ideologie auch in den kindlichen und jugendlichen Alltag ein. Einmal, nach einem Disput mit einer jüdischen Mitschülerin, merkt sogar Liesel, dass sie auf dem besten weg ist, die NS-Perspektive auf jüdische Menschen zu übernehmen. Sie erschrickt und sagt zu sich selbst: „Du darfst dich von denen nicht beeinflussen lassen!“ Diese Mitschülerin „war auf einmal weg, und keiner hat gefragt: Wo ist sie geblieben?“ An das Gefühl von Scham, das sie damals empfunden hat, wird sie ihr gesamtes weiteres Leben erinnern.

Liesel hat noch weitere Kontakte zu jüdischen Menschen. So ist der Chef einer ihrer Schwestern Jude, der sein Geschäft bald aufgeben muss. Weil der neue Inhaber weiterhin gegen den alten Geschäftsinhaber, den ihre Schwester sehr gemocht habe, gehetzt habe, so erzählt Liesel Schäfer-Strausfeld, sei diese in einen schweren Loyalitätskonflikt geraten, der sie sogar ein Stück weit krank gemacht habe. Und außerdem, so fügt sie hinzu, sei seitens der NS-Propaganda auch in ihrem persönlichen Umfeld immer wieder gegen gegen Juden gehetzt worden.

An das Novemberpogrom des Jahres 1938 hat sie hingegen keine konkreten Erinnerungen. „Eine Synagoge gab es bei uns nicht, die war in der Körnerstraße nahe der Venloer Straße.“ Aber natürlich seien die Ereignisse Tagesgespräch gewesen und viele Nachbarn hätten darüber berichtet.

Trotz ihrer skeptischen Haltung und streng katholischen Orientierung folgt auch Liesel dem Trend der Zeit und tritt in den Jungmädelbund ein. Ihre Gruppe wird von einem Nachbarmädchen geleitet. Allerdings wird Liesel dort nie selbst aktiv, ohne dass das negative Auswirkungen für sie gehabt hätte.

Durch Informationen des Vaters ist Familie Strausfeld auch in Ansätzen über die Verbrechen des NS-Regimes orientiert. So weiß sie von den Konzentrationslagern. Wie schlimm es dort aber tatsächlich zugeht, ahnt Liesel natürlich nicht: „Aber, ehrlich gesagt, wer hätte sich das denn ausgedacht!?“