Stationen der Ausbildung: „Weitermachen und irgendwie durchkommen!“

Das Thema „Erbgesundheit“ spielt in Liesels weiterer Ausbildung aber natürlich weiterhin eine nicht unerhebliche Rolle. So muss sie im Rahmen ihrer Düsseldorfer Ausbildung zur Fürsorgerin Liesel ein Praktikum im Kölner Gesundheitsamt absolvieren, wo sie prompt in der Abteilung eingesetzt wird, die für die Ausstellung von „Eheunbedenklichkeitsbescheinigungen“ zuständig zeichnet, also genau jene Stelle, die ihrer Schwester zuvor ein solches Papier verweigert hat.

Hier wird sie nun Zeugin der Perfektion, die bei der Abwicklung eines verbrecherischen Verwaltungsapparates entwickelt wird. Sie traut sich aber nicht, Fragen zu stellen: „Ich konnte mich immer nur wundern, dass das immer weiterlief! Und da war natürlich auch ein Großteil Angst dabei - existenzbedingte Angst!“ Diese Angst spürt Liesel auch bei den übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und erfährt so, dass das eine der Grundbedingungen dafür ist, dass der „Apparat läuft“.

Zum Ende ihrer Ausbildung absolviert Liesel 1943 noch ein weiteres Praktikum bei der „Betriebsfürsorgerin“ der Kölner Firma Mauser, einem „kriegswichtigen Betrieb“. Im Rahmen ihrer Tätigkeit besucht sie zahlreiche Arbeiterfamilien und nimmt an ärztlichen Sprechstunden teil. Die Belegschaft setzt sich zu dieser Zeit bereits in erheblicher Zahl aus Frauen zusammen, weil die meisten Männer an der Front stehen. Nach dem verheerenden „Peter und Paul-Angriff“ auf Köln am 29. Juni 1943 wird Liesel gemeinsam mit den Fabrikarbeiterinnen und den ebenfalls zahlreichen osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen dienstverpflichtet, um für die Obdachlosen und Ausgebombten „Gemeinschaftsverpflegung“ zu kochen. Bei dieser Gelegenheit erlebt sie im Übrigen auch zum ersten Mal übergriffige Männer, eine Erfahrung, die sich danach leider häufiger wiederholt. Auch als sie verpflichtet wird, bei einer Feier höherer SA-Führer in Marienburg zu bedienen, muss sie vergleichbare Erfahrungen machen. Sie ekelt sich, verlässt das Gelage in der Nacht und läuft zu Fuß nach Ehrenfeld. „Was für ein Wahnsinn! Das ist schon lange her, aber man vergisst das nicht!“

Ansonsten schätzt Liesel Schäfer-Strausfeld die kriegsbedingte Stimmung bei Mauser ähnlich jener ein, wie sie sie für die gesamte Kölner Bevölkerung ausmacht: „Weitermachen, der nächste Tag, Witze machen. Und irgendwie durchkommen!“ Es sei nicht politisch diskutiert worden, da jede und jeder das Gefühl in sich getragen habe, vorsichtig sein zu müssen.

 

Ein weiteres Praktikum führt Liesel für längere Zeit in das Bonner Jugendamt, wo sie unter anderem für die Jugendgerichtshilfe zuständig zeichnet. Ihre Aufgabe ist es, Familien von straffällig gewordenen Jugendlichen zu besuchen, um die Hintergründe für deren Auffälligkeiten zu beleuchten. Dabei macht sieinteressante, in ihren Augen positive Erfahrungen, denn selbst vor Gericht trifft sie immer auch wieder in ihren Augen „aufrechte Menschen“, die nicht einfach willfährig nach den Maßstäben der NS-Ideologie urteilen: „Der Jugendrichter Klostermann war so einer mit Rückgrat!“

Ihr Examen legt Liesel am geschichtsträchtigen 20. Juli 1944 ab, dem Tag des Attentats auf Hitler. „Scheiße, dass es nicht geklappt hat!“, denkt sie. Die Diskussionen, die zeitgleich innerhalb ihrer katholischen Jugendgruppe in der Pfarre St. Barbara zum Thema „Tyrannenmord“ geführt werden, verlaufen indessen sehr kontrovers.