Schulzeit und Ausbildung: „Meine Mutter nimmt kein Geld von diesem Staat!“

Die Volksschule, in die Liesel 1930 eingeschult wird, ist überfüllt, weil mit Familie Schäfer auch zahlreiche weitere kinderreiche Familien in das Neubaugebiet in Neuehrenfeld gezogen sind. Es muss eine provisorische „Barackenschule“ errichtet werden, die Liesel im 1. und 2. Schuljahr besucht. „Ich bin gern in die Schule gegangen!“ Die Räume werden mit einem großen Kohleofen geheizt und die Kinder müssen aufpassen, sich an den glühenden Öfen, die mitten im Klassenraum stehen, nicht zu verbrennen. 1932 zieht die gesamte Schulgemeinde dann in einen Neubau der Schule an der Baadenberger Straße um.

Der Unterricht empfindet Liesel als „lebensnah“: Der Förster kommt mit Tieren, den Schülerinnen wird bei Ausflügen die Natur nahegebracht. Auch der Turnunterricht mit seinen Tänzen gefällt ihr gut. Von der nach 1933 massiv in den Schulalltag eindringen NS-Ideologie nehmen Liesel und ihre Mitschülerin in ihrer Mädchenschule wenig wahr. Ihre Brüder, die in der benachbarten Jungenschule unterrichtet werden, berichten dagegen von einem Lehrer - eigentlich wohl ein guter Pädagoge – der nach der NS-Machtübernahme in der SA-Uniform „zackig“ zum Unterricht erscheint – wahrscheinlich aus Karrieregründen.

Ab 1934 besucht Liesel die Mittelschule für Mädchen in Köln-Nippes, die auch bereits drei ihrer Schwestern besucht haben. Sie steht daher dort zunächst ein wenig in deren Schatten, obwohl auch sie selbst eine gute Schülerin ist. Nach weiteren drei Jahren wechselt sie zur Mädchenschule in der Gravenreuthstraße. Grund ist ein Lehrerwechsel in Nippes: „Der Schulleiter war ein SA-Mann, bei dem hatten wir Mathematik und lernten nur was über Blut und Boden!“ 1939 endet die Schulzeit für Liesel mit der Mittleren Reife ab.

Aufgrund ihrer zahlreichen Geschwister und der daraus resultierenden Belastung für ihre Eltern wird es Liesel gestattet, das nach der Schule anstehende „Pflichtjahr“ zu Hause abzuleisten. Danach beginnt sie ihre Ausbildung als Kinder- und Säuglingsschwester am Krankenhaus „Lindenburg“. Speziell für ihren Berufswunsch gibt es in Köln zwar auch die Ausbildungsschule für Fürsorgerinnen, die seitens der NS-Volkswohlfahrt betrieben wird, aber diese Einrichtung, die natürlich den Vorgaben der NS-Rassenideologie folgt, will Liesel keinesfalls besuchen: „Das kam für uns alle nicht in Frage!“ So wird sie eine der wenigen „blauen „ Schwestern unter zahlreichen „braunen“ Ausbildungskolleginnen.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit durchläuft Liesel verschiedene Stationen, auf denen sie zunehmend wie eine vollwertige Krankenschwester eingesetzt wird, was bedeutet, dass sie Bereitschaftsdienste und Nachtwachen hat. Hier bekommt sie auch die Auswirkungen des beginnen Luftkrieges zu spüren, weil sie immer häufiger dabei helfen muss, bei Angriffen die Kinder in den Luftschutzkeller zu tragen. Auch Ärzte gibt es immer weniger, weil viele von ihnen zur Wehrmacht einberufen werden. Das führt unter anderem dazu, dass in immer mehr Fällen erfahrene Schwestern die Diagnostik durchführen müssen. Außerdem ist zu beobachten, dass auch immer mehr Zwangsarbeiterinnen als Reinigungskräfte in der Klinik arbeiten, sie allerdings, so Liesel Schäfer-Strausfeld rückblickend, dort gut behandelt worden seien.

Weil sie ihr Staatsexamen mit der Note „sehr gut“ abschließt, eröffnet sich für Liesel die Möglichkeit, zur Weiterbildung auf die Schule für Fürsorgerinnen in Düsseldorf zu wechseln. Diese Zusatzausbildung ist jedoch kostenpflichtig. Weil die Leiterin der Düsseldorfer Schule wie selbstverständlich annimmt, dass die neue Schülerin, da sie aus einem kinderreichen Haushalt kommt, staatliche Unterstützung beantragen kann, wird sie mit der Aussage verblüfft: „Wir nehmen kein Geld von diesem Staat!“

Der Hintergrund dieser strikten Haltung hat nicht zuletzt damit zu tun, dass man einer von Liesels Schwestern aufgrund einer psychischen Erkrankung die Erlaubnis zur Eheschließung verweigert hat, woraufhin Mutter Selma beschließt, von einem Regime, das als eine erste seiner Amtshandlungen ein Gesetze wie das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlässt, künftig keinerlei Unterstützung mehr annehmen wird. Man findet einen anderen Weg: Auf Vorschlag der Leiterin wird Liesel schulintern aus dem „Fonds für begabte Aspirantinnen“ unterstützt.