Überwachung (1942-1943): „Es wird vermutet, dass es sich bei dieser Pfarrjugend um eine Fortsetzung des verbotenen Katholischen Jungmännerverbandes handelt“
Die Steeler Pfarrjugend unternimmt in den Kriegsjahren trotz bestehender Verbote weiterhin gemeinsame Wanderungen und Fahrten zum Altenberger Dom und nach Marienthal bei Wesel. Es dauert nicht lange, bis Karl-Heinz und andere Teilnehmer der Unternehmungen deswegen von der Geheimen Staatspolizei vorgeladen werden.
In deren Akten, die heute im Landesarchiv NRW in Düsseldorf aufbewahrt werden, heißt es: „Die vorerwähnte Gruppe wurde von einer älteren männlichen Person in Zivilbekleidung, vermutlich von einem kath. Geistlichen, geführt. Da der Dom zu Altenberg kein Wallfahrtsort ist, besteht der Verdacht, dass Gruppen Jugendlicher unter Führung eines Geistlichen nur zu dem Zwecke den Altenberger Dom besuchen, um ihre Fahrten ins Bergische Land zu tarnen. Ferner besteht der Grund zur Annahme, dass Gruppen Jugendlicher aus dem dortigen Stapo-Bereich sich im Sinne des verbotenen KJMV betätigen."
Als Hauptbeschuldigter wird Karl-Heinz ausgemacht, dem vorgeworfen wird, am 27. September 1942 „versch. Jugendliche der kath. Pfarrjugend St. Laurentius in Essen-Steele zur Teilnahme an der Fahrt nach Altenberg zwecks Besichtigung des dortigen Doms" eingeladen zu haben. Bei der „älteren männlichen Person" handelt es sich um den ehemaligen DPSG-Pfadfinder Wilhelm Büse, der ebenfalls zum „Kreis" der Steeler Pfarrjugend zählt.
Im Ermittlungsbericht wird versucht, die Unternehmung durch eine möglichst genaue Rekonstruktion als verbotene Fahrt zu enttarnen: „Die Fahrt dorthin führte zunächst mit der Eisenbahn nach Köln und anschließend weiter mit der Straßenbahn nach Bergisch-Gladbach. Von dort aus wurde die Reise nach Altenberg zu Fuß fortgesetzt, weil eine Fahrtmöglichkeit nicht bestand. Nach der Ankunft in Altenberg nahmen die Fahrtteilnehmer zunächst an einem Gottesdienst im Dom teil. Im Anschluss daran haben sie einen in der Nähe des Doms gelegenen Wald aufgesucht und dort die mitgenommenen Butterbrote verzehrt. In der Mittagszeit erfolgte die Dombesichtigung. Anschließend hielten sich die Fahrtteilnehmer noch einige Zeit im Ort Altenberg auf und gingen dann zu Fuß nach Burscheid, von wo sie gegen 19.30 Uhr mit der Eisenbahn über Vohwinkel nach Essen-Steele zurückfuhren."
Anlässlich des Dombesuchs, so führt eine der Teilnehmerin bei ihrer Vernehmung durch die Gestapo aus, habe die Gruppe Lieder- und Gebettexte von Karl-Heinz Kranz erhalten, die er „vor Antritt der Fahrt gefertigt und vervielfältigte und jedem Teilnehmer vor Betreten des Doms in Altenberg" ausgehändigt habe. Diese Texte habe der Kastellan dann bei ihr und ihrer Freundin entdeckt, während Karl-Heinz bei ihm die Eintrittskarten für die Dombesichtigung gelöst habe, und um Einsichtnahme gebeten. „Er sagte dann, das würde er an die Geheime Staatspolizei in Düsseldorf weitergeben." Abschließend beeilt sich die Teilnehmerin noch hinzuzufügen, dass „wir keine Musikinstrumente bei uns führten und auch auf dem Wege von Altenberg nach Burscheid nicht gesungen haben" - ein deutliches Zeichen dafür, dass jeder Anschein einer illegalen Fahrt, zu der Musikinstrumente und Singen als charakteristische Merkmale gehörten, zerstreut werden soll.
Trotzdem vermutet die Gestapo, dass „es sich bei dieser Pfarrjugend um eine Fortsetzung des verbotenen Katholischen Jungmännerverbandes handelt". Daraufhin leitet die Essener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein, das jedoch am 17. September 1943 eingestellt wird, da das Material für eine Anklage nicht ausreicht.
