geb. in Brühl 1924
Als Günther am 4. September 1945 nach Brühl zurückkehrt, findet er in der elterlichen Wohnung zunächst fremde Menschen vor, erfährt jedoch schnell, dass seine Eltern vorübergehend bei der Großmutter untergekommen sind. Das anschließende Wiedersehen mit seinem Vater beschreibt Günther Roos rückblickend als „bewegend“. Beide feiern diesen Moment zunächst in einer nahegelegenen Kneipe mit einem Bier. Als die Mutter abends vom „Hamstern“ nach Hause zurückkehrt, kann sich Günther an einem in seinen entwöhnten Augen „feudalen Abendessen“ erfreuen und sich erstmalig seit Kriegsende wieder satt essen.
Den ersten Tag in Freiheit erlebt er dann als „Menschwerdung“. Er sucht alle wichtigen Ämter der Stadt auf, geht baden und lässt sich die Haare schneiden. Als zentrale Frage steht aber im Raum: „Nun bin ich Mensch, das Leben kann beginnen. Aber wie?“
Es fällt Günther sehr schwer, sich als Zivilist in das Leben der Nachkriegsgesellschaft einzufinden. Brühl kommt ihm „eintönig und monoton“ vor. Außerdem bestimmt die Langzeitwirkung von NS-Propaganda und jahrelanger Indoktrination weiterhin seine Sicht auf viele Dinge, was beispielsweise in seiner Beurteilung der von ihm als „Siegerjustiz“ abqualifizierten „Nürnberger Prozesse“ zum Ausdruck kommt: „Viel Tamtam wird ja dort gemacht. Aber ich kann nicht alles so vorbehaltlos glauben. Zwar habe ich mehrere Zusammenhänge erkannt und sehe sie jetzt anders als damals, aber ich kann meine Gesinnung nicht wie ein Hemd wechseln. Und was man dort verurteilt, dass der Stärkere den Schwächeren überfällt, um bessere Lebensbedingungen zu haben, ja, ist das denn nicht einfaches Naturgesetz?"“ Innerhalb der Familie, der Schule oder in der Brühler Gesellschaft werden die zurückliegenden Jahre hingegen überhaupt nicht diskutiert.
Günthers rückwärtsgewandte Analysen gehen einher mit einer weiter andauernden Idealisierung des Soldatentums. So besucht er immer wieder frühere Kriegsschauplätze und erinnert sich wehmütig „an eine schöne, bessere Zeit“: „Soldat, das war mein Beruf, und ich glaube kaum, dass ich noch einmal so glücklich sein kann wie damals.“ Der Gefahr einer neuen kriegerischen Auseinandersetzung mit Russland im Rahmen des aufziehenden „Kalten Krieges“ gewinnt er daher eher positive Seiten ab, selbst wenn ihm klar ist, dass er als „deutscher Offizier“ ausschließlich für Deutschland zur Waffe greifen würde, niemals hingegen „für England oder Amerika“.
Am 7. November 1945 kehrt Günther unfreiwillig ins altbekannte Brühler Gymnasium zurück, um im Rahmen eines „Sonderlehrgangs“ sein Abitur nachzuholen. Es fällt schwer, sich in die Regelmäßigkeit von Unterricht und Hausaufgaben einzufinden und er fühlt sich „todunglücklich“. Die Fixpunkte seines Denkens liegen daher weiterhin in der Vergangenheit: „Und heute? Ein Schüler, ein Zivilist. Und unser stolzes Groß-Deutschland ein Trümmerhaufen. Der Nationalsozialismus, meine Welt, ein Nichts, eine Schande.“ Diese Sicht ändert sich auch im Laufe des Jahres 1946 nur wenig. „Ich bin aber Nazi und kann nicht an ewigen Frieden glauben. Ich glaube an die Rassentheorie und an das Recht des Stärkeren“, heißt es in seinem Tagebuch in erschreckender Deutlichkeit.
Dennoch bemüht sich Günther sein Abitur abzulegen, um anschließend das angestrebte Architekturstudium beginnen zu können. Diese Hoffnung erlebt jedoch am 21. März, dem Tag der Abiturprüfung, einen herben Dämpfer, als der „tief erschütterte“ Abiturient erfährt, dass aufgrund neuer alliierter Bestimmungen ein Studium für ehemalige Hitlerjugend-Dienstgrade vom „Scharführer“ aufwärts künftig untersagt ist.
Das größte Problem stellt in diesen Tagen allerdings die zunehmend desaströse Versorgungslage dar: „Die Verpflegung ist saumäßig. Wie sind tatsächlich am Hungern. Kein Mensch kann mit diesen knappen Zuteilungen auskommen.“ Natürlich sieht Günther diese Versorgungsengpässe nicht als Folge von NS-Regime und des von ihm ausgelösten Krieges, sondern schiebt – wie mit ihm viele Deutsche - die Verantwortlichkeit hierfür den Siegermächten zu.
zuletzt bearbeitet am: 12.09.2016