Weitere Entwicklung
Mit der endgültigen Benennung als NSDAP-AO im Februar 1934 war auch die Aufnahme von deren Leiter Ernst Wilhelm Bohle in den Stab des Stellvertreters des Führers verbunden. Zugleich wurde ihm der Rang eines Gauleiters zugestanden. Ein gutes Jahr später wurde die von Bohle geführte Organisation dann schließlich mit der Anordnung 66/35 vom 15. April 1935 von einer Abteilung der Reichsleitung zum selbständigen Gau aufgewertet und damit den innerdeutschen Gauen der NSDAP gleichgestellt. Wie in diesen konnten auch im „Gau Auslands-Organisation“ nur Reichsdeutsche Mitglieder werden.
Dessen Sitz blieb zunächst noch in Hamburg, bis die NSDAP-AO im März 1935 nach Berlin umsiedelte, wo sie bis 1938 in der Tiergartenstr. 4a, danach in der Westfälischen Str. 1 am Fehrbelliner Platz residierte.[1] Mit der Aufwertung der Organisation wuchs auch die Zahl der in ihr Beschäftigten. Sie stieg von lediglich 20 im August 1933 und 112 im März 1934 über 170 im März 1935 auf schließlich 800 Anfang 1938 an. In dieser Zahl waren allerdings auch ehrenamtliche Mitarbeiter und das technische Personal enthalten. Innerhalb weniger Jahre gelang es Bohle, aus einer kleinen Abteilung der Reichsleitung der NSDAP einen Gau mit einem bürokratischen Apparat aufzubauen, der sich hinsichtlich seiner Größe durchaus mit manchen Ministerien messen konnte.[2]
Die Gesamtzahl der NSDAP-Mitglieder im Ausland blieb hingegen, auch wenn sie sich gegenüber 1933 fast verzehnfachte, mit etwa 29.000 im Juni 1937 eher gering. Nur etwa 5 Prozent aller im Ausland wohnenden „Reichsdeutschen“ trat der Partei bei.[3] Im Dezember 1938 waren dann rund 51.000 „Parteigenossen“ in über 580 Ortsgruppen in 82 Ländern organisiert, die jährlich etwa 750.000 RM an Beiträgen in die NSDAP-Kasse einzahlten.[4]
Unter den Länderämtern der NSDAP-AO stand 1937 das Amt VII (Lateinamerika) mit 7.602 Parteigenossen an der Spitze.[5] War die Ausbreitung des Nationalsozialismus auch in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Wesentlichen auf die Hauptstädte und wenige andere städtische Zentren beschränkt geblieben, so begannen seit Anfang 1933 die jeweiligen Landesvertrauensmänner mit dem Ausbau ihrer Organisationen. Drei Jahre später existierte in allen genannten Staaten ein landesweites, flächendeckendes Netz von Parteistellen: Allein Brasilien verzeichnete 53 Ortsgruppen und Stützpunkte, Argentinien 39, Mexiko acht. In Chile, wo NS-Sympathisanten bereits vor 1933 eine gute Infrastruktur aufgebaut hatten, wuchs die Zahl der Ortsgruppen und Stützpunkte dagegen nur unerheblich von 15 auf 18 an.[6]
Die Bedeutung der Arbeit der Auslandsorganisation darf allerdings nicht allein an der Zahl der Parteimitglieder, Stützpunkte und Ortsgruppen bemessen werden. Es gilt vielmehr die Gesamtzahl der in den jeweiligen Ländern wohnenden „Reichsdeutschen“ mit in den Blick zu nehmen, denn es war ja das Bestreben der deutschen Auslandspropaganda, gerade auch sie von Ideologie und Zielen des NS-Staates zu überzeugen. So blieben auch in Südamerika die Zahlen der NSDAP-Mitglieder im Verhältnis zur geschätzten Zahl der dort wohnenden „Reichsdeutschen“ nach den Statistiken der Jahre 1937 und 1939 eher gering.[7]
Reichsdeutsche Parteimitglieder
1937 1939 1937 1939
Argentinien 42.600 60.000 1.500 1.569
Brasilien 75.000 90.000 2.903 2.990
Chile 5.300 9.000 985 921
Mexiko 5.500 4.000 310 366
Insgesamt richtete sich die Arbeit der NSDAP-AO in Südamerika vor Kriegsbeginn also an rund 160.000 „Reichsdeutsche“.
Alles in allem, so fasst Jürgen Müller seine diesbezüglichen Untersuchungsergebnisse zusammen, habe sich die Auslandsorganisation der NSDAP zwischen 1933 und 1939 im Herrschaftsgefüge des Dritten Reiches etablieren können. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Hans Nieland sei es Ernst Wilhelm Bohle dabei gelungen, in der NSDAP den Anspruch der AO auf Betreuung und Ausrichtung der „Reichsdeutschen“ im Ausland durchsetzen. Aber trotz aller Erfolge sei der Organisation „nur eine mittlere Position in der Hierarchie des Dritten Reiches“ zuzugestehen.[8]
[1] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 33 und Koop, Kolonne, S. 16
[2] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 34
[3] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 47
[4] Vgl. Koop, Kolonne, S. 17
[5] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 47
[6] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 115
[7] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 126f.
[8] Müller, Nationalsozialismus, S. 66f.