Aufgaben
Die Kernaufgabe der NSDAP-AO bestand in erster Linie darin, die Führung und die umfassende Kontrolle der nach internen Schätzungen nahezu 30 Millionen Auslandsdeutschen zu sichern.[1] Um ins Blickfeld der Organisation zu geraten, war es daher keinesfalls notwendig, Mitglied der Partei oder einer ihrer Gliederungen oder angeschlossenen Verbände zu sein. Auch im Ausland hatte der neue und umfangreiche Festkalender des NS-Regimes Gültigkeit. Es wurden in hoher Taktzahl Sammlungen, Gedenkfeiern oder ähnliches abgehalten. „Winterhilfswerk, Eintopfsonntag, Plakettenverkauf, soziale Frauenarbeit, Volkswohlfahrt sind auch draußen vertraute Begriffe“, hieß es. Regelmäßig zum 30. Januar, 20. April, 1. Mai oder 9. November trafen sich weltweit NSDAP-Mitglieder, Sympathisanten und Mitläufer in Sälen, die mit sämtlichen Insignien des nationalsozialistischen Staates reich dekoriert waren. Hier wurde den örtlichen Parteiführern gehuldigt, die ihrerseits – mehr oder weniger bejubelte - Lobreden auf den „Führer“ und den „Wiederaufbau“ Deutschlands hielten. Abschließend wurde mit „Heil Hitler!“ salutiert und nach dem Deutschlandlied das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen – wie in jeder Stadt und in jedem Dorf in Deutschland auch. Wenn auch die Teilnahme an derlei Veranstaltungen freiwillig war, so war es doch das erklärte Ziel der AO, das gesamte politische, soziale und wirtschaftliche Leben der Auslandsdeutschen mit Ideologie und Formen des Nationalsozialismus zu durchdringen.[2]
Daher richteten sich die Aufmerksamkeit und damit auch die Aufgaben der NSDAP-AO und ihrer Einheiten vor Ort in besonderem Maße auf die propagandistische Vermittlung von Ideologie, wozu in erster Linie gedruckte Medien dienten. Vom mit der Schreibmaschine getippten und vervielfältigten Mitteilungsblatt bis zum gedruckten Magazin auf bestem Papier mit umfangreichem Fototeil reichte dabei die Palette. Es gab den einfach gestalteten Rundbrief des Landeskreises Angola ebenso wie den in Santiago de Chile erscheinenden „Westküsten-Beobachter“, den „Ostasiatischen Beobachter“ in Shanghai oder den aufwändigen „Italien-Beobachter“. 1939 existierten rund 40 solcher Zeitungen und Zeitschriften. Mit Nachrichten und Fotos aus Deutschland versorgt wurden sie vom NS-Dienst für auslandsdeutsche Blätter, der in dieser Hinsicht offenbar eine ähnliche Funktion einnahm wie die „Zentralstelle für Deutsche Kulturfunksendungen im Ausland“ für den Sektor Lokalrundfunk und Schallplattenversorgung. Ziel aller Bemühungen war es, neben der permanenten Einschwörung auf die NS-Ideologie den Lesern das Gefühl zu vermitteln, einer starken und unbesiegbaren Gemeinschaft anzugehören, weshalb entsprechender Pathos als besonders wirksames Instrument angesehen und eingesetzt wurde.[3]
Neben der – nicht zuletzt ideologischen – „Gleichschaltung“ des Auslandsdeutschtums stellte die Werbung für die Politik und Ziele des nationalsozialistischen Staates den wichtigsten Aufgabenbereich der AO dar. Hierbei ging es nicht nur um die Information und Beeinflussung der jeweiligen deutschen Community vor Ort, sondern auch um eine möglichst enge Zusammenarbeit mit den Medien der Gastländer, die von den Landesgruppen der NSDAP oftmals mit Informationsmaterial versorgt wurden, das diese aus verschiedenen Quellen zusammenstellten. Besonders aktiv war in der Frühphase auch in dieser Hinsicht wiederum die chilenische Landesgruppe unter ihrem Leiter Willi Köhn, der 1933 von Chile aus in den Ländern der gesamten südamerikanischen Pazifikküste Propaganda betrieb, um der als unzureichend empfundenen Aufklärung einheimischer Medien über das Dritte Reich entgegenzuwirken. Ein Radiosender stellte der Partei (spätestens ab Mai 1933) einmal pro Woche Sendezeit zur Verfügung, um deutsche Kulturpropaganda zu betreiben. Um die Station mit geeigneten Sendeinhalten zu versorgen, regte Köhn dann letztlich die Einrichtung der „Zentralstelle“ an.[4]
Insgesamt lassen sich die Aufgaben der Auslandsorganisation der NSDAP so zusammenfassen: Es ging um nicht weniger, als die Kontrolle des gesamten Auslandsdeutschtums. Hinzu kamen - mit Schwerpunkt auf Fragen des Auslandsdeutschtums - die Berichterstattung über politische und wirtschaftliche Entwicklungen im Ausland und eine massive Werbung für den Nationalsozialismus. Nach den Anweisungen der Reichsleitung der NSDAP sollte AO-Gauleiter Bohle aus seiner Abteilung einen Apparat machen, „mit dem der Führer im Ausland rechnen kann“.[5]
Hohe Mitgliedszahlen und das einwandfreie Funktionieren des Parteiapparates im Ausland waren für Bohle aber keineswegs Selbstzweck, sondern Voraussetzung für das eigentliche Ziel der AO, das die Reichsleitung ihm vorgegeben hatte. Er sollte für die „Gleichschaltung aller deutschen Vereine im Auslande“ sorgen und so eine Einigung des gesamten Auslandsdeutschtums unter nationalsozialistischer Führung gewährleisten. „Je mehr Volksgenossen im Ausland im Geiste nationalsozialistischer Disziplin zur Partei gehören, desto schneller werden wir unser Ziel erreichen, ein wahrhaft nationalsozialistisches Auslandsdeutschtum zu schaffen“.[6]
[1] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 49
[2] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 37f.
[3] Vgl. Koop, Kolonne, S. 222. Am Beispiel Südamerikas und der Person Willi Köhns lässt sich die Bedeutung ablesen, die den Auslandskommissaren der AO hierbei zukommen konnte. So wurden etwa in Argentinien zahlreiche Veröffentlichungen in „systematischer Zusammenarbeit mit dem Auslandskommissar der NSDAP für die südamerikanischen Staaten, Pg. Köhn“ produziert und verteilt. Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 269. Auf die Rolle Köhns beim Aufbau von Schallplattenarchiven wird in dem Kapitel zurückzukommen sein, in dem die Arbeit der „Zentralstelle für Deutsche Kulturfunksendungen im Ausland“ näher beleuchtet wird.
[4] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 259 und 262
[5] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 40
[6] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 48