Organisation
Unmittelbar nach seiner Ernennung zum AO-Leiter begann Ernst-Wilhelm Bohle, die zu diesem Zeitpunkt wenig funktionsfähige Organisation systematisch zu erneuern und auszubauen. Im Mai 1934 gliederte sie sich unter anderem in das Außenhandelsamt, das Inspektionsamt, das Hafendienstamt, das Rechtsamt, die Abteilung Presse und Propaganda sowie acht Länderdezernate.[1] Letztere verstanden sich als „Nervenzentren“, in denen die Mitteilungen aus dem Ausland eintrafen und geprüft wurden, ehe man sie an die Sachämter weiterleitete. Daher kam ihnen sowohl eine ordnende als auch eine überwachsende Funktion zu.[2]
Neben den Länderdezernaten kam im hier im Mittelpunkt stehenden Kontext dem Kulturamt und seinen verschiedenen Hauptstellen eine besondere Bedeutung zu. Es sollte dafür Sorge tragen, „die Volksgenossen im Ausland an den vielseitigen Äußerungen des deutschen Kulturlebens teilhaben zu lassen“ und zugleich der Bevölkerung im Reichsgebiet „die Bestrebungen schöpferischer Kräfte des Auslandsdeutschtums“ nahe zu bringen. Weil Deutsche im Ausland stets auch das Reich repräsentierten, sollte das Kulturamt als koordinierende und verantwortliche Stelle für diese „anregende und steuernde Tätigkeit“ verantwortlich zeichnen und dafür sorgen, dass Schrifttum, Musik, Theater und bildende Kunst auch im Ausland den Maximen der NS-Ideologie folgten. Zur Verbreitung des deutschen Schrifttums stand es den ausländischen Ortsgruppen bei der Zusammenstellung ihrer Büchereien „beratend und fördernd“ zur Seite: „Auch in dem entlegensten Winkel der Erde sollen unseren Volksgenossen die politischen und schöngeistigen Werke des neuen Deutschlands zur Verfügung stehen.“ Das Kulturamt organisierte daher Lesungen oder auch kammermusikalische Darbietungen.[3]
Unterstützt wurde es hierin von der „Hauptstelle Funk“, der aufgrund des komplizierten und entsprechend langsamen Postverkehrs in vielen Ländern eine nicht unerhebliche Bedeutung zukam. Einerseits produzierte sie Programme, die über Kurzwelle weltweit ausgestrahlt wurden.[4] Zum anderen verschickte sie in alle Teile der Welt Sprech- und Musikplatten und versorgte die Landes- und Ortsgruppen zugleich mit Rundfunkgeräten und Plattenspielern.
Die größte Organisationsform einer NSDAP-Gliederung in anderen Staaten, die Landesgruppe, hatte an ihrer Spitze jeweils einen Landesgruppenführer, der einen zentralen Landesverwaltungskörper befehligte. Die Unterorganisationen einer Landesgruppe waren – vergleichbar mit der Struktur der NSDAP im Reichsgebiet - Kreisgruppen, Ortsgruppen, Stützpunkte und Zellen. Jede dieser Organisationsebenen verfügte über einen eigenen (überschaubaren) Amtswalterapparat. Außerdem waren der jeweiligen Landesgruppenleitung folgende Organisationen unterstellt: SA, SS, Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps, Hitlerjugend (einschließlich Jungvolk, BDM und Jungmädel), NS-Deutscher Studentenbund, NS-Frauenschaft sowie NS-Dozentenbund. Diese Organisationen waren ihrerseits in vielen Staaten wiederum in übergeordneten Landesgruppen zusammengefasst.[5]
Die für die konkrete Arbeit „vor Ort“ hauptverantwortlichen Ortsgruppen der NSDAP im Ausland umfassten mindestens 25, die kleineren Stützpunkte mehr als fünf Parteimitglieder. Große Ortsgruppen konnten auch noch in Blöcke von maximal zehn Parteimitgliedern unterteilt werden. Die Aufgabe der NSDAP-AO bestand dann in der weltanschaulichen Schulung und einer einheitlichen Ausrichtung aller in diesen Einheiten organisierten Parteigenossinnen und Parteigenossen auf die von NS-Seite definierten Belange von deutschem Volk und deutscher Nation. Es sei in diesem Zusammenhang nochmals daran erinnert, dass ausschließlich „Reichsdeutsche“ mit deutschem Pass Mitglied der AO werden konnten, während Deutschstämmigen, den so genannten „Volksdeutschen“, die die Nationalität des jeweiligen Landes besaßen, in dem sie lebten, der Eintritt in die NSDAP verwehrt war und blieb.[6]
Um die Auslandsarbeit der NSDAP möglichst einheitlich und effektiv zu gestalten, war stete Aufsicht und Kontrolle erforderlich. AO-Führer Bohle machte hierzu systematisch von einer Einrichtung Gebrauch, die vor seiner Amtszeit nur sporadisch eingesetzt worden war: den Auslandskommissaren, die ihm direkt unterstellt waren. In diese Funktion berief er möglichst Parteigenossen, die sich zuvor bereits als Führungspersönlichkeiten und Organisatoren im Ausland bewährt hatten und von deren Eignung und Grundsatztreue er sich selbst hatte überzeugen können. Die Auslandskommissare galten als Sonderbeauftragte des Gauleiters und waren mit weitreichenden Vollmachten - einer „carte blanche“, wie Willi Köhn es nannte - ausgestattet. Ihr Einsatz wurde nur solange als notwendig erachtet, bis sich die einzelnen Landesgruppen konsolidiert hatten, weshalb dieses Amt im November 1935 schließlich abgeschafft wurde.[7]
Eine herausragende Figur war in dieser Hinsicht sicherlich Willi Köhn[8], der Landesgruppenleiter in Chile, der die Funktion des Auslandskommissars für den gesamten südamerikanischen Raum und bald noch weitere Aufgaben übernahm und hierbei häufig als eine Art „Feuerwehrmann“ der NSDAP-AO unterwegs war. Nachdem er die problematische Lage der Landesgruppen in Argentinien und Brasilien erfolgreich geordnet hatte[9], reiste Köhn im September 1933 nach Deutschland, wo er Gespräche mit AO-Gauleiter Bohle und mit Rudolf Heß führte. Am 2. Februar 1934 wurde er schließlich – gemeinsam mit den anderen Auslandskommissaren - von Hitler persönlich empfangen. Außerdem nahm Köhn Kontakt mit Goebbels und dem RMVP auf, wo man nach geeigneten Persönlichkeiten suchte, die man neben den deutschen diplomatischen Vertretungen im Ausland als Beauftragte des Propagandaministeriums installieren konnte. Goebbels ernannte Köhn daher am 1. November 1933 zum Presseattaché für die südamerikanischen Staaten Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay mit Sitz in Buenos Aires - eine Tätigkeit, die mit fast 2.000 RM monatlich großzügig vergütet war.[10] Und selbst als das Amt der Auslandskommissare abgeschafft worden war, konnte Köhn - allerdings mit eingeschränkten Kompetenzen – als einziger weiterhin in dieser Funktion verbleiben, bis er 1936 in anderer Mission nach Spanien ging. Auch das zeigt seine wichtige Rolle beim Aufbau der NSDAP-AO vor Ort.[11]
[1] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 33
[2] Vgl. Koop, Kolonne, S. 19
[3] Koop, Kolonne, S. 20. Zum Folgenden vgl. ebenda, S. 21
[4] Mit Hilfe moderner Kurzwellensender betrieb die NSDAP-AO im Ausland intensive Propaganda. Schon bald nach der Machtübernahme ging der Deutsche Kurzwellensender der „Deutschen Reichsrundfunk-Gesellschaft“ in Betrieb. Im Januar 1934 wurden die Richtstrahler für Sendungen nach Afrika und Südamerika in Betrieb genommen, wenige Wochen später die für Ostasien. Damit war die Propaganda der Auslandsabteilung der NSDAP weltweit zu empfangen. Das Schwergewicht des täglich mehrstündigen Programms lag auf „kulturpropagandistischer Seite“. Der Kurzwellen-Dienst war so straff organisiert wie alles andere im NS-Staat: Die Orts- und Landesgruppen mussten Funkwarte ernennen, die alle Sendungen regelmäßig abhörten und Funkbücher unter anderem mit der Resonanz der Zuhörerschaft führten. Frühzeitig wurden die Orts- und Landesgruppen über aus Sicht der Partei besonders wichtige Sendungen informiert. Vgl. Koop, Kolonne, S. 224f.
[5] Vgl. https://de.wikipedia.org/ wiki/NSDAP/AO (17.11.2017)
[6] https://de.wikipedia.org/ wiki/NSDAP/AO (17.11.2017)
[7] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 41f.
[8] Willi Köhn wurde am 1. Juli 1900 in Friedland (Mecklenburg) geboren. Der Kaufmannssohn beendete seine Schullaufbahn 1917 mit der Obersekundarreife. Er nahm als Kriegsfreiwilliger bei den Seefliegern am Ersten Weltkrieg teil und gehörte 1919 dem Zeitfreiwilligen-Bataillon „Güstrow“ an. Von 1919 bis 1922 absolvierte Köhn eine kaufmännische Ausbildung im väterlichen Geschäft und bei der Karstadt AG. 1920 war er der Deutschvölkischen Freiheitspartei beigetreten und nahm am Kapp-Putsch teil. 1923 wurde er auf Adolf Hitler vereidigt und schloss sich nach dem Verbot der NSDAP 1924 der Brigade Ehrhardt an, wo er 1924/25 als Kompanieführer fungierte. 1928 reiste er nach Chile aus und arbeitete dort als Bankangestellter. 1930 trat er der NSDAP bei und wurde ein Jahr später Ortsgruppenleiter in Santiago de Chile, 1932 dann Landesgruppenleiter der NSDAP/AO und 1933 zudem Auslandskommissar der AO für Südamerika. Köhn übte die Funktionen des Auslandskommissars und Presseattachés bis Ende 1936 aus. In dieser Doppelfunktion stand er in der Hierarchie der Propagandisten des Dritten Reiches an führender Stelle. Von einem Deutschlandaufenthalt kehrte er nicht mehr zurück, sondern wurde, mit dem Rang eines Generalkonsuls versehen, nach Spanien entsandt, um dort als "Berater und inoffizieller Vertreter des Reiches" einen stärkeren "geistige[n] Einfluss" deutscherseits geltend zu machen. Seine Stellung als Auslandskommissar wurde daraufhin suspendiert und im März 1938 endgültig aufgehoben. 1936 trat Köhn in die SS ein und wurde 1938 zum SS-Oberführer, am 9. November 1941 zum SS-Brigadeführer ernannt. Nach dem Ende seiner Mission in Spanien übernahm Köhn von Mitte bis Ende 1939 die bis dahin von F. X. Hasenöhrl geleitete Abteilung Ausland des Propagandaministeriums. Da er nicht, wie von Goebbels in Aussicht gestellt, zum Ministerialdirektor ernannt wurde, ging er als „rechte Hand“ des Ministers Ohnesorge ins Postministerium, wo er als Vertrauensmann der SS das SS-Sicherungs-Bataillon Deutsche Reichspost (Waffen-SS) koordinierte, das die Einrichtungen des Ministeriums in „besonderen Gefahrenfallen“ zu schützen hatte. Ab dem 9. November 1944 gehörte er zum Stab des Reichsführers SS. Nach Kriegsende kehrte Köhn nach Chile zurück, wo er am 1. Februar 1962 starb. (Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 113ff., 128 und 270 sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_K%C3%B6hn)
[9] Vgl. dazu Müller, Nationalsozialismus, S. 99, 108 und 110
[10] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 112f.
[11] Vgl. dazu auch Müller, Nationalsozialismus, S. 112, der die „entscheidender Bedeutung“ Köhns für die Entwicklung der Parteigruppierungen in Argentinien, Brasilien und Chile betont. „Er wurde mit der Lösung von Problemen beauftragt, auf seinen Vorschlag hin ernannte oder entließ die AO die obersten Funktionsträger.“