„Vor Ort“
Neben dem Bestreben der zentralen Steuerung und einheitlichen Ausrichtung der NSDAP-Mitglieder in aller Welt[1] musste dieses Ziel insbesondere die eigentliche Arbeit „vor Ort” wesentlich prägen. Deren Erfolg war zunächst einmal abhängig von einer schnellen und völligen „Gleichschaltung“ und (Zwangs-) Vereinigung der im Ausland existierenden deutschen Kolonien unter nationalsozialistischer Führung.[2] Verbunden war damit gleichzeitig die harte Bekämpfung jedweder Gegner des neuen NS-Regimes, womit im Kern Konflikte zwischen den Vertretern der NSDAP im Ausland und den jeweiligen deutschen Gemeinschaften vor Ort bereits vorprogrammiert waren. Als Präzedenzfall hierfür können jene Vorgänge gelten, die sich im März 1934 im bulgarischen Sofia abspielten. Im Rahmen einer Generalversammlung aller dort aktiven deutschen Vereine gelang der Ortsgruppe der NSDAP in Zusammenarbeit mit der deutschen Gesandtschaft die Durchsetzung eine Vereinbarung, wonach der jeweilige Ortsgruppenleiter mit unbeschränkten Vollmachten auch die Leitung der Dachorganisation der deutschen Kolonie übernahm. Diese Regelung verbreitete die NSDAP-AO als weltweit „mustergültig für die übrigen deutschen Kolonien im Ausland“.
Unterstützung in ihrer Auffassung, dass „in den deutschen Kolonien im Ausland die Ortsgruppe der NSDAP selbstverständlich den Kern bildet und dass bei allen Zusammenschlüssen die Priorität der Partei ebenso wie im Inland gewahrt bleiben muss“, erfuhr die Auslandsorganisation dabei vom Auswärtigen Amt. Eine „Vereinheitlichung des Vereinslebens der deutschen Kolonien im Ausland“, so ließ dieses verlauten, sei in jedem Fall zu begrüßen. In vielen Städten gelang es den deutschen Diplomaten tatsächlich, die Gründung von lokalen Dachverbänden zu unterstützen und einzuleiten, in denen sämtliche dort vertretenen deutschen Vereine unter der Führung des jeweiligen NSDAP-Ortsgruppenleiters zusammengefasst, sprich „gleichgeschaltet“ wurden. Nach derzeitigem Kenntnisstand, so das Ergebnis der Untersuchung von Jürgen Müller, seien diese sich in einigen Fällen „Kolonieausschüsse“ nennenden Gremien jedoch weitgehend unbedeutend geblieben.
Zentrum des gesellschaftlichen Lebens blieben weiterhin die einzelnen Vereine, die aber parallel zur Bildung von Dachorganisationen und mit Unterstützung der ortsansässigen deutschen Diplomaten von den Vertretern der NSDAP ebenfalls dem Gleichschaltungsprozess unterzogen wurden. Aber trotz all dieser gemeinsamen Anstrengungen von Vertretern des Auswärtigen Amtes und der NSDAP, so Jürgen Müller, sei die von der Auslandsorganisation angestrebten Ziele nicht in Gänze erreicht worden. „Weder ließen sich alle deutschen Vereine gleichschalten noch stimmten die führenden Persönlichkeiten im Ausland immer der Bildung eines Kolonieausschusses zu. Konflikte waren an der Tagesordnung.“
Von einer Gleichschaltung des Auslandsdeutschtums könne daher, so die Schlussfolgerung der AO-Führung selbst, leider nicht die Rede sein. Die Voraussetzungen hierfür seien vollkommen verschieden von jenen im Reichsgebiet und würden eine ganz besondere, den spezifischen Verhältnissen des Landes ebenso wie dem jeweils besonderen Fall angepasste Behandlung erfordern. Dieser Einschätzung gehorchend verzichtete man in der Folgezeit auf eine zentrale, in Deutschland festgelegte Regelung der Organisationsform der deutschen Kolonien und passte Strategie und Taktik den tatsächlichen, überaus heterogenen Bedingungen an. Wie das beispielsweise in Istanbul geschah, wird hier in einem eigenen Kapitel dargestellt.
Soviel jedenfalls dürfte klar sein: In ihrem jeweiligen Einzugsbereich versuchten die Amtsträger der ausländischen NSDAP-Dependancen – mit sehr unterschiedlichen Erfolgen - die Mitglieder der deutschen Kolonien um sich zu scharen, um sie mittels Veranstaltungen und Medien für die Ideen des NS-Regimes zu gewinnen. Hierbei waren sie stets auch auf materielle Unterstützung aus Deutschland – zumeist aus Mitteln des Propagandaministeriums – angewiesen. Scheinbar wurde dabei seitens der Auslandsorganisation für die jeweilige Ortsgruppen- und Stützpunktarbeit audiovisuellen Medien eine erhebliche Bedeutung beigemessen: „Die Schallplattenarchive sind für die Schulungsarbeit der Partei und bei festlichen Anlässen, besonders bei abseits liegenden Überseegruppen, unentbehrlich geworden. Sie dienen auch in vielen Ländern der Veranstaltung von ‚Deutschen Stunden‘ durch die jeweiligen Ortssender und tragen dazu bei, die Bevölkerung des Gastlandes mit deutschen kulturellen Leistungen bekanntzumachen.“[3]
[1] Vgl. Müller, Nationalsozialismus, S. 108
[2] Das Folgende nach Müller, Nationalsozialismus, S. 50ff.
[3] Zitiert nach Koop, Kolonne, S. 225