„Wir kamen in den Westen, und wohin, das wusste kein Mensch.“ - Ankunft im Westen

Das nächste Ziel ist Uelzen in Niedersachsen, wo die Flüchtlinge für eine weitere Nacht in einem großen Saal unterkommen. Noch immer wissen sie nicht, wohin ihre Reise geht. „Wir kamen in den Westen, und wohin, das wusste kein Mensch. Wir wurden irgendwo hingebracht.“

Zuvor erleben die Bandemer-Kinder aber noch eine schöne Episode, die ihnen zeitlebens in Erinnerung bleiben wird. An diesem Wochenende wird in Uelzen Schützenfest gefeiert, was Erna Bandemer für eine besondere Überraschung nutzt. Sie leiht sich in der provisorischen Unterkunft eine kleine Schüssel und holt darin vom Kirmesplatz eine große Portion Eis. „Das werde ich nie vergessen. So hat danach nie wieder ein Eis geschmeckt“, erinnert sich Hannelore Beulen. „Und wir bekamen auch eine Apfelsine. So hat auch keine Apfelsine mehr geschmeckt.“

Die nächste und letzte Etappe der Zugfahrt endet in Grevenbroich. „Und da stand wieder ein Lastwagen, wo wir mit mehreren Familien raufkamen. Und dieser Lastwagen brachte uns nach Garzweiler.“

 

Hier werden die Ankömmlinge in der geräumten alten Schule untergebracht. Familie Bandemer bezieht mit vielen anderen Vertriebenen einen großen, mit Strohsäcken ausgelegten Klassenraum. „Da durfte sich jeder einen Strohsack aussuchen“, erinnert sich Hannelore Beulen an den Beginn des mehrwöchigen Schulaufenthalts zurück. Dabei hat man Glück im Unterbringungsunglück, denn die unfreiwillig auf engem Raum untergebrachten Familien verstehen sich gut. „Ich habe nie ein böses Wort gehört“, eine angesichts der Enge ohne jede Privatsphäre erstaunliche Feststellung.

Natürlich ist jeder darauf bedacht, „irgendwo unterzukommen“, weshalb sowohl seitens der Gemeindeverwaltung als auch in Privatinitiative nach einer freien Unterkunft gesucht wird. So wird Familie Bandemer vom Jackerather Ortsvorsteher zur Wohnungsbesichtigung bei einem großen Bauern abgeholt. Die Besichtigung hat für Erich Bandemer eher abenteuerlichen Charakter: „Da wurde er geführt über eine Hühnerleiter nach oben, über Ställe, wo Knechte und Mägde mal gelebt haben. Da sollte er mit uns einziehen.“ Das lehnt er mit klaren Worten ab. „Das könnte er seiner Familie nicht zumuten.“ Die heruntergekommenen Räume seien nicht nur eine „furchtbare Zumutung“ gewesen, sondern der Zugang zu ihnen zudem lebensgefährlich.

An den kurzen Besuch in Jackerath hat Hannelore Beulen bis heute eine weitere sehr unangenehme Erinnerung. Während Vater und Mutter sich die unzumutbare Unterkunft anschauen, wartet sie mit Schwester und Bruder in der Küche des Bauern. „Dort wurde gewurstet, gegessen, gebraten. Die saßen da am Tisch und aßen, und wir hatten Hunger und hatten nichts. Und die haben uns nichts angeboten!“ Das, so betont sie noch heute, habe sie lange nicht verkraften können.

Nach der missglückten Besichtigung führt der Weg zurück in den engen Garzweiler Klassenraum. „Und so ging das weiter.“ Zwischenzeitlich angebotene Wohnungen sind entweder ebenfalls unzumutbar oder aber die Begleitumstände so problematisch, dass auf einen Bezug verzichtet werden muss. Offenbar bildet sich unter den Flüchtlingen schnell ein Kommunikationsnetzwerk aus, das auch über Einstellung und Verhalten etwaiger Gastgeber informiert. „Bei dem, ist dann gesagt worden, sind die Leute, die da gewohnt haben, ausgezogen, weil ihnen der Eigentümer einen Eimer Wasser unter die Tür geschüttet hat, um sie rauszuekeln. Da ging mein Vater auch nicht rein.“ –Offenbar mussten Einheimische nur unfreundlich genug auftreten, um unerwünschte Mitbewohner von ihrem Haus fernzuhalten. „Wir waren ja Eindringlinge.“