NS-Erziehung
Gert Otto wurde – wie schon an der erwähnten Mutprobe ablesbar - offenbar ganz im Sinne der Zeit erzogen. Er trug bereits in sehr jungen Jahren eine „Kindergartenuniform“, die sich aus den Bestandteilen einer Jungvolkuniform zusammensetzte. Die Bedeutung der Uniformierung war für seine Sozialisation ohnehin derartig groß, dass er ihr in seiner Autobiografie einen eigenen „Exkurs“ mit dem Titel „Die Zeit der Nationalsozialisten und die Uniform“ widmete. Deren Stellenwert, so urteilte Gert Otto rückblickend, sei nicht zuletzt deshalb so maßgeblich gewesen, weil man daran „den Rang eines Gegenüber“ habe erkennen können, „ohne überhaupt ein Wort mit ihm gewechselt zu haben“. Nicht Kommunikation und Inhalte waren also die zentralen Kriterien des gesellschaftlichen Miteinanders, sondern äußere Insignien, die die (Macht-) Position jedes einzelnen klar festlegten und signalisierten. „Uniformen gehörten zum gewohnten Bild meiner Kindheit. Ich habe meinen Vater und die anderen Männer unserer Verwandten und Bekannten und die Freunde unserer Familie nur in Uniform gesehen. Ein Uniformträger hatte sich ordentlich und anständig zu benehmen. Der Dienstrangniedrigere grüßte vor allem in der Öffentlichkeit den im Dienstrang höher Stehenden in militärischer Haltung, auch wenn er diese Person nicht persönlich kannte. Begegneten meinem Vater Häftlingsgruppen, so rief der Vorarbeiter der Häftlinge: ‚Mützen ab!‘ und die Häftlinge gingen mit gezogener Mütze und entsprechender Blickrichtung an ihm vorüber.“[1]
Immer wieder scheint in Gert Ottos autobiografischen Erinnerungen die Wirkungsmacht des damals Erfahrenen und Gelernten auf. Es dominierte trotz seiner späteren, vorrangig dienenden Tätigkeit als Diakon und evangelischer Pfarrer sein Denken in wesentlichen Punkten offenbar bis zum Tode. So äußerte er noch 2015, dass die „vielfach gerügte“ frühere Fernsehmoderatorin Eva Herman Recht habe, „wenn sie sagte, dass in der Zeit des Dritten Reiches die deutsche Frau und Mutter geachtet“ worden sei.[2] Auch andere NS-„Erziehungs“-Ideale scheinen für Gert Otto rückblickend vorwiegend positive Züge getragen zu haben: „Ein deutscher Junge war keine ‚Memme‘ und weinte nicht“, sondern sei ganz im Sinne von Hitlers Forderung „zäh wie Leder, flink wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl“ gewesen. Viele bedrohliche Situationen in seinem Leben, vor allem seine kurzfristige Gefangennahmen durch „Russen, Polen und Amerikaner“, so behauptete Otto, habe er „nur aushalten können, weil ich von Kindesbeinen an hart erzogen wurde“. Sein Selbstbild fiel hinsichtlich der NS-Zeit jedenfalls vorwiegend positiv aus, was unter anderem in seiner rückblickenden Beurteilung der Bedeutung der Jungvolk-Uniform zum Ausdruck kommt: „Diese Kleidung vermittelte uns Kindern ein gewisses Ehrgefühl und machte uns stolz, denn wir waren uniformiert, wie auch die meisten Erwachsenen.“
In der Rückschau betonte Gert Otto allerdings durchaus auch die damalige Dominanz der NS-Ideologie, „die sich uns schleichend bemächtigte, deren Verwerflichkeit in das kindliche Bewusstsein aber kaum eindrang“. „Wir huldigten dem Führerkult, ohne zu wissen, was das ist. Wir waren der uniformierten Staatsmacht hörig, ohne sie zu begreifen.“ Da sich zur geistigen Beeinflussung später noch eine von ihm so empfundene permanente körperliche Bedrohung durch alliierte Bombenangriffe gesellte, transformierte sich die von Gert Otto allem Anschein nach eher positiv beurteilte NS-Zeit während des Krieges und in der Nachkriegszeit dann zunehmend zur einer „Zeit vieler gebrochener kindlicher Seelen“.[3] – Wie noch zu zeigen sein wird, sah er hierfür aber neben den Schrecken des Krieges insbesondere die sowjetische Besatzungsmacht und damit den – nicht nur - während der NS-Zeit als lebensbedrohliche Gefahr propagierten „Bolschewismus“ in der Verantwortung, während weder die Gräuel des NS-Regimes noch die direkte Beteiligung des Vaters[4] daran mit einem Wort Erwähnung fanden.
[1] Otto, Schürze, S. 25. Das Folgende auf S. 26.
[2] Damit bezog sich Gert Otto auf Äußerungen Hermans zur NS-Familienpolitik. Sie hatte 2006 in ihrem Buch „Das Eva-Prinzip“ (2006) den Feminismus für die Entstehung eines in ihrer Sicht falschen Frauenbildes verantwortlich gemacht und daraus die Ursache für die niedrige deutsche Geburtenrate abgeleitet, durch die ein Aussterben der Deutschen drohe. Am 6. September 2007 äußerte Hermans, man müsse das „Bild der Mutter“ in Deutschland wieder wertschätzen lernen, „das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft“ worden sei. Wenn sie die Jahre zwischen 1933 und 1945 auch als „grausame Zeit“ und Hitler als „völlig durchgeknallten, hochgefährlichen Politiker“ bezeichnete, „der das deutsche Volk ins Verderben geführt“ habe, brachte sie zugleich ihre Meinung zum Ausdruck, „damals“ sei allerdings „auch das, was gut war“, nämlich „Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt“ „abgeschafft“ worden. „Es durfte nichts mehr stehen bleiben.“ Diese Äußerung führte zu Hermans Entlassung durch den NDR. Seitdem ist sie weiterhin als Autorin tätig, versucht nach wie vor, ihre Position zu verteidigen und neigt – nicht nur in dieser Hinsicht - zu verschwörungstheoretischen Erklärungen.
[3] Otto, Schürze, S. 32
[4] Laut schriftlicher Mitteilung von Eike Otto vom 18.10.2017 habe sein Großvater Johannes wohl eher „den klassischen ‚Schreibtischtäter‘ verkörpert“.