Der Weg zum Diakon

Der weitere Lebensweg von Gert Otto soll hier nur in aller Kürze skizziert werden, um verstehen zu können, wie er letztlich nach Istanbul kam und dort den Fund machte, der ja den Anstoß für dieses Projekt gab und daher den eigentlichen Mittelpunkt des Interesses darstellt.

Auf der Suche nach einem künftigen Beruf bemühte sich der 16-Jährige um eine Lehrstelle, die er schließlich als Autoschlosser in einem Betrieb fand, dessen Leiter seinen Vater „in persönlicher Erinnerung hatte“.[1] 1948 bestand er seine Gesellenprüfung und legte kurz darauf die Führerscheinprüfungen für sämtliche gängigen Fahrzeugtypen ab, um anschließend als Fahrer zur Wismut-AG zu wechseln, die unter russischer Leitung stand. Auch hier machte er nach eigener Darstellung wiederum äußerst negative Erfahrungen mit – häufig betrunkenen - sowjetischen Soldaten, die ihn in einer lebensbedrohlichen Situation ein „Stoßgebet für ein neues Leben“ zum Himmel richten ließen: „Gott, wenn es dich wirklich gibt und du mir hier heraus hilfst, beginne ich ein neues Leben. Es soll dir gehören!“[2] Damit, so Gert Otto in seiner Autobiografie, seien seine Tage im Monteuranzug gezählt gewesen und er sei – wie viele weitere Angehörige seiner Generation – „durch die schrecklichen Erfahrungen im Krieg und in der Nachkriegszeit“ zum Glauben gekommen und „in die Nachfolge Christi getreten“. So wie Martin Niemöller seinen Lebenserinnerungen den Titel „Vom U-Boot zur Kanzel“ gegeben habe, so könne er sein Leben mit der Schlagzeile „Vom Braunhemd zur Blauen Schürze“ der Diakone überschreiben.

Gert Otto widmete sich in seiner Freizeit nunmehr dem Bibelstudium und machte sich nach eigenem Bekunden „auf die Suche nach einer neuen Identität“.[3] Als ihm ein Pfarrer dann eines Tages den Rat gab, Diakon[4] zu werden, war die Entscheidung gefallen, obwohl insbesondere seine zwischenzeitlich zu den Zeugen Jehovas übergetretene Mutter diesen Entschluss ablehnte und ihn daher als „verlorenen Sohn“ sah. In der Evangelischen Stiftung in Neinstedt, einem Sozialwerk, sammelte Gert Otto anschließend mit anderen jungen Männern erste Erfahrungen im Umgang mit als schwer erziehbar geltenden Kindern und Jugendlichen. Hierbei, so seine spätere Darstellung, seien ihm als völligem Laien auf diesem Gebiet seine Erfahrungen aus der NS-Zeit sehr hilfreich gewesen. „Es lief alles so ab, wie es früher in einer Jugendgruppe des Jungvolks auch hätte ablaufen können.“ Daher sei ihm die „Erziehung“, die er aus seiner Jungvolkzeit gekannt habe, eine „gewisse Hilfe“ gewesen. „Wenn auch einige Ziele der Erziehung von damals heute nicht mehr akzeptabel sind, so sind doch viele Methoden – gerade in Bezug auf verhaltensauffällige Jugendliche – durchaus anwendbar.“[5] – Auch hier drängen sich mögliche Gründe für seine persönliche Auswahl aus dem Konvolut der später in Istanbul aufgefundenen Schallplatten geradezu auf.

Nach dem Sammeln erster Erfahrungen wechselte Gert Otto auf Rat der Stiftungsleitung über die Grenze in den Westen[6] und war dort zunächst für zwei Jahre im Ruhrbergbau tätig, wo er zeitweise mit seinem nach wie vor unter falscher Identität lebenden Vater zusammenarbeitete. Ob es mit ihm darüber hinaus Kontakte oder sogar einen Austausch über alte Ideale gegeben hat, wird in der Autobiografie leider nicht mitgeteilt. Nach dem Intermezzo im Bergbau trat Gert Otto um 1953/54 als Diakonenschüler in die Duisburger Diakonenanstalt ein, wo er zunächst zwei Jahre lang als Fahrer tätig war.[7]

Als er dann endlich als Schüler aufgenommen und in der Alten- und Krankenpflege eingesetzt wurde, sah er sich erneut mit den (rassen-) ideologischen Maximen konfrontiert, die man den Jugendlichen und damit auch ihm während der Zeit des Nationalsozialismus in Permanenz vermittelt hatte. „Zu meinen praktischen Schwierigkeiten bei der Anstaltsarbeit“, so erinnerte sich Gert Otto später, seien „die uns im 3. Reich vermittelte Ideologie vom ‚unwerten Leben‘“ hinzugekommen. „Von Kindes- (sprich Jungvolk-) beinen an lehrten uns einige nationalsozialistische Erzieher folgenden schlüssigen Vergleich mit der Tierwelt: ‚Das kranke, nicht lebensfähige Tier wird aus dem Nest gestoßen.‘ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wurde die Euthanasie begründet. Deshalb verunsicherte es viele von uns Diakonenschülern, wenn wir Kinder und Erwachsene in ihrer körperlichen und geistigen Behinderung hilflos leiden sahen. Niemand konnte ihnen das Leid nehmen und uns erklären, warum Gott es zuließ, dass diese Menschen leiden mussten. Manchmal war es möglich, medikamentös das Leiden zu erleichtern, aber mehr war meist nicht drin.“[8]

Leiden und Pflegebedürftigkeit kollidierten hart mit den „Idealen“ der NS-Zeit. „Friss Vogel, oder stirb!“, habe es damals geheißen oder „gelobt sei, was hart macht“, was keinerlei Spielraum für Mitleid oder Hilfe gelassen habe. „Um Hilfe zu bitten galt in vielen Fällen als Zeichen der Schwäche. Wie oft hatte ich in schweren Situationen meiner Jugend die Worte Adolf Hitlers zu hören bekommen: ‚Der deutsche Junge der Zukunft muss schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.‘ Das waren durchaus nicht nur leere Sprüche, das war auch im Zusammensein mit anderen Jungen in aller Härte erlebbar. Gesund, kräftig und jung sahen die Vorbilder unserer Jugend aus. Tapfer waren sie und Helden manchmal, hoch mit Orden und Leistungsabzeichen dekoriert. In den Wochenschauen, Kriegsfilmen, Zeitschriften und Büchern konnten wir sie in ihren schneidigen Uniformen bewundern und sie uns zum Vorbild machen.“ – Immer wieder stieß Gert Otto im Rahmen seiner neuen Berufung und Tätigkeit auf ihm vor 1945 vermittelte „Werte“ und sah sich gezwungen, über ihm als Kind und Jugendlichem vermittelte rassistische „Leitbilder“ zu reflektieren, um sich überhaupt in seinen gänzlich neuen und anderen Alltag als angehender Diakon behaupten zu können. Sein Vater, so bemerkt Eike Otto hierzu, habe gerade über diesen Punkt häufig gesprochen. Er habe im Rahmen seiner neuen Arbeit realisiert, „wie absurd die Nazi Ideologie war und welche Seele auch Schwerstbehinderte haben, die sich noch nicht einmal durch Mimik, geschweige denn Sprache, auszudrücken vermögen“.[9]

Das stellte ihn immer wieder vor schwere Entscheidungen und bestimmte schließlich auch die „entscheidendste Stunde“ seines Lebens, die kam, als er für sich entscheiden musste, ob er den oft mehrfach schwerstbehinderten Menschen, die er als Diakon zu betreuen hatte, wirklich ein „Bruder“ sein könne. „Nur wenn ich den hier lebenden Menschen ein Bruder sein konnte, hatte ich ein Recht, hier zu bleiben um Diakon zu werden! Meine Gedanken irrten hin und her. Wie konnte ich dem Menschenkind ein Bruder sein, wenn ich mich so vor ihm ekelte? Wie sollte ich dem ein Bruder sein können, dessen Nähe mir im wahrsten Sinne des Wortes zuwider war? Wie konnte ich Bruder heißen, ohne die Bruderliebe zu empfinden, von welcher das Neue Testament sprach?“[10] Das alles kollidierte frontal mit allem, was Gert Otto als Kind und Jugendlicher erlebt und erlernt hatte. „Kritisch fragte ich mich, ob ich in meinem bisherigen Leben schon einmal Bruder und Nächstenliebe empfunden und solche an andere weitergegeben hatte.“ Dabei dachte er an seine Kindheit und sah auch seinen Vater „in seiner erst schwarzen und später feldgrauen SS-Uniform“ vor sich. „Manchmal waren die anderen SS-Männer bei uns zu Gast. Dann hingen ihre Koppel mit den Pistolentaschen oder ihre Offiziersdolche an unserer Garderobe. Obenauf lagen die Schirmmützen mit dem Totenkopf am Mützenband. Diese frühen Bilder vermischten sich mit dem, was ich nach dem Krieg über die Zeit, in welcher ich herangewachsen war, gehört, gelesen und an Filmen über Konzentrationslager gesehen hatte: Man hatte nicht nur politische Feinde abgeholt und vergast, sondern auch Kranke und Behinderte. Sie waren aus ihren Familien und auch aus den damaligen Anstalten abgeholt worden. Sie gehörten damals nicht zu dem ‚gesunden Volkskörper‘, waren angeblich mit ihrer Behinderung nicht lebensfähig und darum nicht lebenswert.“ Auch wenn er persönlich von solchen Aktionen „nie etwas gehört“ habe, heißt es in der Autobiografie weiter, hätten ältere Mitarbeiter der Anstalt ihm solche Taten der SS bestätigt. „Eben solche Männer, die ich kannte und wie ich sie beim schlechtesten Willen nicht in eine negative Erinnerung bringen konnte.“ Nach langem Ringen steht für Gert Otto fest, wie er in solchen Fällen des Krankenmordes handeln würde: „Nein! Ich würde mich schützend vor sie stellen, wenn jemand kommen und sie abholen würde!“

Damit war die grundlegende Entscheidung gefallen. Der Weg zum Diakon war endgültig frei.

Fußnoten

[1] Otto, Schürze, S. 50

[2] Otto, Schürze, S. 73. Das Folgende ebenda, S. 76.

[3] Otto, Schürze, S. 132f.

[4] „‚Was ist ein Diakon?‘, fragte ich. ‚Eine Art männliche Diakonisse, der Kranke und Behinderte pflegt und sich um heimatlose und schwererziehbare Kinder bemüht‘, antwortete Pfarrer Vetter.“ (Otto, Schürze, S. 135)

[5] Otto, Schürze, S. 142f.

[6] Vgl. Otto, Schürze, S. 150

[7] Vgl. Otto, Schürze, S. 155ff.

[8] Otto, Schürze, S. 178. Das folgende Zitat ebenda, S. 180.

[9] Schriftliche Mitteilung Eike Otto, 2.1.2018

[10] Otto, Schürze, S. 188. Die folgenden Zitate ebenda, S. 189f..