Ausklang

Es soll abschließend nicht verschwiegen werden, dass die hier präsentierte Darstellung der Lebensgeschichte von Gert Otto innerfamiliär sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Das ist durchaus überraschend, denn letztlich beruht fast alles, was hier ausgeführt wurde, auf dessen – inhaltlich sicherlich nicht unproblematischen - eigener Autobiografie, die jederzeit von jedem Interessierten in diesem Kontext eingesehen werden kann, um sich so ein eigenes Urteil zu bilden. Dort ist dann auch ein Großteil jener Abbildungen zu sehen, deren Nutzung im hiesigen Kontext mit der Stimmenmehrheit der geschwisterlichen Erbengemeinschaft aus nur schwer nachvollziehbaren Gründen untersagt wurde.

Gert Ottos Sohn Eike war es, der das Projekt durch seine Anfrage an das NS-Dokumentationszentrum, ob es Interesse an der Übernahme der Schallplatten aus dem Nachlass seines Vaters habe, nicht nur überhaupt erst anstieß, sondern es in der Folge mit Rat, Tat und Informationen intensiv unterstützte. Nach den langen und teilweise sehr kontroversen Diskussionen unter den Geschwistern fragte Eike Otto an, ob ihm eventuell die Gelegenheit zu einem persönlichen Abschlussstatement eingeräumt werden könne, das ihm „sehr am Herzen“ liege, „da es meiner Überzeugung entspricht“. Dem soll hiermit gern nachgekommen werden:

„Die ideologische Indoktrination des NS Zeit in der Kindheit und die chaotischen Gegebenheiten in den letzten Kriegstagen haben meinen Vater tief geprägt, und er hat dies zeitlebens nie vollständig verarbeiten können. Dabei war er zu keinem Zeitpunkt Täter, sondern wurde als Sohn eines aktiven und überzeugten SS-Mannes vielmehr zum Opfer für etwas, was er persönlich zwar nicht zu verantworten hatte, wofür er aber später stark angefeindet wurde. Die damit zusammenhängenden Umstände gepaart mit der völlig ausbleibenden Vergangenheitsbewältigung seines Vaters mögen dazu geführt haben, dass mein Vater später auch für sich eine Opferrolle adaptierte und dabei versuchte, die Verbrechen der Nazizeit immer auch in den Kontext der – angeblichen oder tatsächlichen – Vergehen anderer Nationen zu stellen. Dies war seine spezifische Art der Vergangenheitsbewältigung, die dann auch – und sicherlich nicht immer glücklich formuliert - in seiner Biographie „Die Blaue Schürze“ zum Ausdruck kam. Dennoch schaffte er es, sein Leben in eine andere Richtung zu lenken, die maßgeblich von christlichen Grundwerten und dem Dienst am Mitmenschen geprägt war. Hierauf war er stolz, und das erfüllte ihn. Und genau so sehe ich in Anbetracht seiner Vergangenheit meinen Vater heute, relativ kurze Zeit nach seinem Tod, nämlich mit großem Respekt vor dieser Lebensleistung.“[1]

Fußnoten

[1] Schriftliche Mitteilung Eike Otto, 4.1.2018