Verantwortung und Weltbild – Verschiedene Sichtweisen

Verantwortung vermochte Gerd Otto also offenbar zeitlebens nicht in vollem Umfang zu übernehmen.[1] Natürlich war er persönlich während der NS-Zeit noch viel zu jung und zudem seitens des Elternhauses und seines unmittelbaren Lebensumfeldes viel zu stark manipuliert, um später persönlich für seine damalige Weltsicht einstehen zu können. Bei Kriegsende, so hob er hervor, sei er 15 Jahre alt gewesen. „Wie viel Schuld trifft mich nun“, fragte er unter der Kapitelüberschrift „Schuld oder Mitschuld?“ weiter. „Nach heutiger Rechtsordnung wäre ich erst mit 18 Jahren voll und ganz verantwortlich gemacht worden. Warum gelten für meine Generation andere Maßstäbe?“ Aber wieder fehlt jeder Blick „auf die andere Seite“, gegen die er ganz im Gegenteil erhebliche Vorwürfe erhob. Zwar räumte Gert Otto ein, das viele Deutsche „wirklich nicht unschuldig“ gewesen seien, kritisiert aber, dass „man uns alle kurzerhand nach dem Krieg gerne kollektiv als Buhmann an den Pranger gestellt“ habe. „So konnte jedes andere Volk von den eigenen Gräueltaten ablenken“, worin er – immerhin als evangelischer Pfarrer tätig – offenbar nichts anderes erblickte, als einen leicht zu durchschauenden „taktischen Zug“. „Während die Deutschen jedoch noch heute ihre Schuld reumütig anerkennen“, so stellte er „innerlich aufgewühlt“ fest, sei kein anderes Land bereit, „sich und sein Verhalten in dieser brutalen Zeit ebenfalls selbstkritisch zu sehen“. Auch „für uns Deutsche“ habe es damals „furchtbare Schrecken des Krieges“ gegeben, beklagte Gert Otto immer wieder, ohne Gedanken daran zu verschwenden, wer denn für diesen Krieg verantwortlich zeichnete. Statt sich aber darauf zu besinnen, klagte er weiter: Weil niemand das Leiden der deutschen Bevölkerung habe anerkennen wollen, habe diese es kurzerhand „weitgehend zu verdrängen versucht“. „Unsere Erfahrungen und Gefühle wurden einfach ignoriert. Wir mussten uns vielmehr ständig rechtfertigen. Also schwiegen wir zu diesem Thema lieber.“ Aber selbst das habe man ihm und seinen Altersgenossen „oft zum Vorwurf gemacht“ und ihnen vorgehalten „dass wir die nachfolgende Generation dumm und unwissend lassen wollten“.[2]

Statt zwar nicht für seine, aber doch für die Generation der Eltern eine klare Verantwortung für das Geschehene zu akzeptieren, machte Gert Otto – wie bereits skizziert – sehr schnell ein altes Feindbild als neues – oder wie er es formulierte: „ein neues unliebsames politisches Leitbild“ – aus: das politische System in der Sowjetischen Besatzungszone. Der von kommunistischer Seite damals permanent erhobene Vorwurf, „in der Zeit des Dritten Reiches Befürworter der faschistischen Ideologie gewesen zu sein“ und das damit zugleich „aufgeladene Schuldgefühl“ habe ihn stark „deprimiert“ – „noch zumal ich Sohn eines SS-Offiziers war“. Es waren die Taten der sowjetischen Besatzungsmacht und der von ihr verkörperte „Bolschewismus“, die in den Augen Gert Ottos die eigentliche Bedrohung darstellten[3] und ihm den „Weg zu Gott“ wiesen, nicht etwa die Erlebnisse während der NS-Zeit oder die Tätigkeit und Taten des Vaters in den Konzentrationslagern.

Die innere Auseinandersetzung damit bestimmte einen erheblichen Teil seines späteren Lebens und beeinflusste auch die innerfamiliären Diskussionen. Sein Vater, so meint Gert Ottos Sohn Eike, habe sich mit seiner Jugend, den alten Idealen und der Funktion seines Vaters stets sehr schwer getan. „Er war bis zuletzt und insbesondere im hohen Alter zerrissen zwischen den Werten und Vorbildern aus der Nazi-Zeit, die ihm als Jugendlicher eingeflößt wurden, dann seinem Glauben und der aufopfernden Tätigkeit als Diakon und schließlich heutigen politischen Ereignissen, wobei er dazu neigte, diese mit früher zu vergleichen.“[4] Zugleich glaubt Eike Otto, dass sein Vater keineswegs unter etwaigen eigenen Fehlern während der NS-Zeit gelitten habe. Er sei wohl zu jung gewesen, „um solche überhaupt begehen zu können“. „Er litt vielmehr - wie in dieser Generation ja allgemein üblich – darunter, dass anerzogene Ideale und Feindbilder plötzlich ins Wanken gerieten. Während sich Uniformen, Ordnung und ‚deutsche Qualitäten‘ plötzlich als Fassade für verbrecherisches Handeln entpuppten, erlebte er US Soldaten, die für ihn völlig unsoldatisch kaugummikauend und Schokolade verteilend lässig auf ihren Jeeps saßen und diese seltsame ‚Urwaldmusik‘ hörten.“ – Auf diesen Aspekt wird später noch bei der Erwägung der Frage zurückzukommen sein, nach welchen Kriterien Gert Otto in den 1970er Jahren seine Auswahl aus einer mit großer Wahrscheinlichkeit weitaus höheren Menge an Schallplatten aus der NS-Zeit traf.

Einen weiteren wesentlich Grund für dessen etwaige spätere „innere Zerrissenheit“ und „das eigentliche Problem“ seines Vaters sieht Sohn Eike darin, dass er die Konzentrationslager mit ihren „ganzen Schrecken“ sicherlich zumindest am Rande „hautnah“ erlebt, sie zugleich aber auch „aus einer surrealen Distanz heraus“ wahrgenommen habe. „Dann noch die Rolle des eigenen Vaters, da verwundert es kaum, dass er das nie richtig verarbeiten konnte und stattdessen versuchte, die Schuld anderer zu thematisieren.“ Hierzu habe sich ihm dann eine andere Projektionsfläche angeboten: „Was ihn m.E. eher traumatisierte waren seine Erlebnisse in der aufkommenden DDR. Dort war er der nicht mehr der Sohn eines SS-Mannes mit schicker Uniform, schwarzem Ledermantel, eigener Limousine und Chauffeur – so seine Worte -, sondern entsprechend stigmatisiert. Und er lehnte sich zum ersten Mal gegen Obrigkeiten auf, widersprach, wohl auch weil er dazu aufgrund seiner jugendlichen Reife nun dazu in der Lage war, und bekam natürlich Probleme. Dort nahm er m.E. die Rolle des Schuldigen an, obwohl er keine Schuld auf sich geladen hatte oder hätte laden können, und ging damit auch Gefahren ein. Damit geriet er auch in die Rolle desjenigen, der den Geist der Vergangenheit verteidigt bzw. wurde in diese Rolle möglicherweise auch gedrängt, die er zeitlebens dann nie mehr richtig loswurde.“[5]

Fußnoten

[1] Vielleicht muss man in diesem Punkt zwischen nach außen geäußerter Meinung und innerem Empfinden differenzieren. Eike Otto jedenfalls teilte mit, er habe mit seinem Vater zwei Mal das KZ Sachsenhausen besucht und dort seine „Betroffenheit“ erlebt. (Schriftliche Mittelung Eike Otto, 2.1.2018)

[2] Otto, Schürze, S. 61. Dort, S. 62, auch das Folgende.

[3] Vgl. in dieser Hinsicht etwa Otto, Schürze, S. 73

[4] Schriftliche Mitteilung von Eike Otto vom 13.10.2017

[5] Schriftliche Mitteilung von Eike Otto vom 18.10.2017