Die Auswahl der Platten

Im Rahmen von Umbauarbeiten, die Gert Otto während seines Aufenthalts im Istanbuler Gebäude der „Teutonia“ durchführte oder durchführen ließ, stieß er offenbar auf einen bis dahin versteckten oder zumindest gut verborgenen Bestand an Schallplatten, Filmen und Büchern, die während der NS-Zeit aus Deutschland in die Türkei verschickt worden waren, um die Arbeit der dort tätigen Auslandorganisation der NSDAP zu unterstützen. Sohn Eike erinnert sich, dass die Materialien – wohl seit 1944 völlig unberührt - in einem Verschlag auf jener Etage des „Teutonia“-Gebäudes gelagert hätten, auf der das Seemannheim eingerichtet worden sei. Der habe sich entweder unter der – nebenstehend abgebildeten – Treppe oder dem kleinen Raum dahinter befunden. Über alle damit in Zusammenhang stehenden Fakten liegen aber keinerlei gesicherte zeitgenössische Erkenntnisse oder gar Schriftstücke vor. Auch die konkrete Fundsituation wurde nicht beschrieben. Ebenso liegt im Dunkeln, ob die Dinge, die er aussuchte, Gert Otto offiziell übereignet wurden – und falls ja, von wem? - oder ob er sie eigenmächtig an sich nahm, um sie vor der Vernichtung zu retten.

Für die erste Annahme spricht der damalige Umgang der „Teutonia“ mit ihrer umfangreichen Bibliothek. Deren größter Teil wurde 1964 in die „Deutsche Bibliothek“ überführt, ein weiterer Teil in die Bibliothek des Deutschen Archäologischen Instituts. Vom verbliebenen Rest wurden 1966, also kurz nachdem Gert Otto nach Istanbul gekommen war, rund 400 über das Auswärtige Amt an Institutionen der Bundesrepublik vermittelt, während vom verbleibenden Rest manches Buch privaten Interessenten überlassen wurde. In den 70er Jahren verschwanden dann schrittweise alle noch verbliebenen, brauchbaren Bücher aus den Beständen der Teutonia-Bibliothek, „der Rest verstaubte und verkam mit dem ebenso maroden Gebäude“.[1] Ob mit dem Schallplattenarchiv ähnlich umgegangen wurde, muss beim derzeitigen Kenntnisstand offenbleiben. Immerhin aber verfügt der Verein „Teutonia“ noch heute über eine Sammlung von rund 2.820 Büchern und 1.230 Schellackplatten.[2]

Wie immer Gert Otto auch in den Besitz der Schallplatten, Bücher und Filme gekommen sein mag, die er 1974 dann mit nach Deutschland nahm, kann als sicher gelten, dass er aus der Masse des gesamten damals offenbar weitgehend unbeachtet in Istanbul lagernden Materials eine gezielte Auswahl getroffen hat. Sohn Eike kann sich daran erinnern, dass es in der „Teutonia“ einen „großen Schrank und ein Regal sowie eine Truhe“ voller Schallplatten gegeben habe, „die alle dablieben“. Sein Vater habe sich dahingehend geäußert, dass er nur eine Auswahl an Platten mitnehmen wollte.[3] Die dann ausgesuchten Stücke waren ihm aber offenbar so wichtig, dass er sie sorgsam verpackte und unter erheblichen Mühen und Kosten nicht nur mitnahm, sondern mit ihnen danach auch noch in Deutschland mehrfach umzog und sie bis zu seinem Tod aufbewahrte.

Das mag zumindest in Teilen darin begründet liegen, dass sich Gert Otto hinsichtlich der Inhalte der von ihm ausgewählten Stücke mit den („Erziehungs“-) Maximen seiner Kindheit und Jugendzeit konfrontiert sah, von denen er sich – wie gezeigt zumindest in Teilbereichen – zeitlebens nie gänzlich lösen konnte. Unter den Schellackplatten dominieren eindeutig jene Aufnahmen, die das zum Inhalt haben, was dem NS-Regime als „Erziehung“ galt. Ähnlich schätzt auch Sohn Eike Otto die Auswahlkriterien seines Vaters ein. Er habe offenbar das ausgewählt, was „wohl genau den Stoff seiner Jugend“ dargestellt habe, „mit dem er indoktriniert“ worden sei. Durch die Inhalte der Schallplatten, so glaubt er, habe Gert Otto wohl versucht, diese Erfahrungen für sich sozusagen zu „konservieren“. „Vielleicht nicht so sehr, weil er diese Gesinnung teilte, sondern weil er sie verinnerlicht hatte und sich deswegen davon nicht freimachen konnte.“[4] Später präzisierte er: „Ich glaube, mein Vater teilte nicht deren Gesinnung, sondern gewisse Bilder, die er mit seiner Jugendzeit (…) verband. Das war Abenteuer, Geschicklichkeit, Zusammenhalt in Gruppen, sich bewähren müssen, die Natur erforschen und kennenlernen. Natürlich alles das, was ein Soldat auch braucht. Aber es kam ja nicht mehr dazu, dass mein Vater Soldat wurde. Insofern fehlt ihm auch der Erfahrungsteil, wohin diese Jugendspiele führten. Er machte eben nicht diese entromantisierende Erfahrung, die andere in den Schützengräben oder im Stalingrader Winter machen mussten.“[5]

Fußnoten

[1] So die Teutonia-interne Darstellung bei Radt, Geschichte, S. 105.

[2] Vgl. http://www.teutonia-istanbul.com/archiv/ [3.11.2017]

[3] Schriftliche Mitteilung von Eike Otto vom 18.10.2017

[4] Schriftliche Mitteilung von Eike Otto vom 18.10.2017

[5] Schriftliche Mitteilung Eike Otto, 2.1.2018