Familiengründung, Umzüge und Seemanns-Mission in Istanbul

Während einer weiteren Phase seiner Ausbildung lernte Gert Otto seine spätere Frau Dietmar Rauch kennen, die als Erzieherin arbeitete, als Pfadfinderin aber auch eine evangelische Mädchengruppe leitete.[1] Die Beziehung war für ihn umso wichtiger, als er seine eigene Familie „verloren“ hatte. Der Vater war wegen ausbleibender finanzieller Unterstützung enttäuscht und verärgert, die Mutter hatte ihn als Zeugin Jehovas aus religiösen Gründen verstoßen. Nach bestandenem Diakonen-Examen heiratete das Paar am 2. Mai 1958 in Trier und zog nach Wetzlar, wo Gert Otto in der evangelischen Jugendarbeit tätig wurde. Im Mai 1960 wurde Sohn Eike, im Januar 1964 Tochter Sigrun geboren. Zwischenzeitlich war die Familie ins ausgeprägt katholische Hochsauerland umgezogen, wo Gert Otto für die synodale Jugendarbeit verantwortlich zeichnete. Ende Mai1965 folgte mit Almut das dritte und letzte Kind – nun allerdings bereits in Istanbul.

Hierhin hatte es Familie Otto durch den freundschaftlichen Kontakt zu Walter Bott verschlagen, der dort als Seemannsdiakon tätig war und mit dem man gerne den Urlaub verbrachte.[2] 1965 schlug Bott seinen Freund als Nachfolger auf dem Istanbuler Posten vor, auf den der dann tatsächlich berufen wurde. Familie Otto verließ das Sauerland daraufhin Richtung Türkei, wo Gert Otto als Beamter des Deutschen Generalkonsulats tätig wurde. Ihre Wohnung bezog sie im Gebäude des Deutschen Klubs, der „Teutonia“, in dem auch ein Raum für die Seemannsmission zur Verfügung stand. Die durfte es damals in der Türkei allerdings offiziell gar nicht geben, weshalb die Vermietung offiziell an den „Seemannsbetreuer des Deutschen Generalkonsulats“ erfolgte. Für Interessierte war die Einrichtung lediglich an einem neutralen Schildchen „Bitte klingeln“ erkennbar.

Nicht nur die Seemannsmission war zu jener Zeit im Gebäude der „Teutonia“ untergebracht, sondern mit dem Kindergarten und der deutschen Schule Einrichtungen, die auch von den Otto-Kindern besucht wurden. Ihr Vater wurde von der Deutschen Kolonie in Istanbul bald zum Präsidenten der Deutschen Botschaftsschule gewählt. Weil die Verhältnisse im Gebäude sehr beengt gewesen seien, so berichtet Gert Otto, habe er – unterstützt durch zwei „Bosporus-Germanen“ auf dem Gelände der „Teutonia“ unter dem offiziellen Titel „Deutsche Botschaftsschule Ankara – Zweigstelle Istanbul“ – die diplomatische Hauptvertretung selbst befand sich ja in der Hauptstadt Ankara – ein neues Schulgebäude errichtet.

Bis 1973 blieb er als Seemannsdiakon in Istanbul tätig und übernahm dort auch – wie etwa im Schulbereich - verschiedene ehrenamtliche Funktionen. Als die Familie sich schon auf die Rückkehr nach Deutschland vorbereitete, erreichte Gert Otto die Bitte, übergangsweise beim Aufbau einer Seemannsmission in Gabun behilflich zu sein. Für neun Monate war er daher noch in Afrika tätig, während Frau und Kinder in Istanbul blieben. Außerdem absolvierte er eine theologische Ausbildung, die es ihm ermöglichte, als „Predigerpastor“ tätig zu werden und künftig auch eigenständig eine Gemeinde zu übernehmen.

Im März 1974 kehrten die Ottos dann endgültig nach Deutschland zurück. Erste Station war Halver, wo sich Gert Otto auf eine Stelle als Diakon und Jugendsekretär mit Predigtauftrag beworben und nach einer Probepredigt den Zuschlag erhalten hatte. Nach einigen Jahren in Halver wechselte er 1977 als Pfarrer in die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Zurstraße in Hagen - zunächst als Diakon, nach bestandener Prüfung und Ordinierung ab Mai 1978 dann als Pfarrer.[3] Bis 1983 zeichnete er zusätzlich auch für die Kirchengemeinde in Breckerfeld verantwortlich. Zugleich war Gert Otto auch Ansprechpartner für die Menschen in der Teilanstalt Bethel-Homborn sowie für Nichtsesshafte, die im Heimathof Zurstraße lebten. 1994 trat er in den Ruhestand, kümmerte sich aber danach engagiert um Flüchtlinge und setzte sich dabei insbesondere auch für den Dialog zwischen Christentum und Islam ein, bis er am 17. April 2017 im Alter von 87 Jahren in Hagen starb. [4]

Fußnoten

[1] Vgl. auch zum Folgenden Otto, Schürze, S. 203ff.

[2] Vgl. auch zum Folgenden Otto, Schürze, S. 235ff.

[3] Eike Otto weist daraufhin, dass sich auch das Verhältnis seines Vaters zu Uniformen, die seine Kindheit und Jugend ja massiv geprägt hatten, grundlegend gewandelt habe. So habe er in seiner Tätigkeit als Pfarrer immer wieder Unbehagen empfunden, wenn Uniformen eine Rolle gespielt hätten, etwa anlässlich des Volkstrauertags, an dem die Feuerwehr uniformiert zur Kirche anrückte, was Gert Otto stets als „unpassend“ empfunden hätte. (Schriftliche Mitteilung Eike Otto, 2.1.2018)

[4] Vgl. Westfalenpost (Ausgabe Hagen), 21.4.2017