Ausbildung und Kriegsende

Die im Elternhaus, in Kindergarten, Schule und Jungvolk vermittelten „Werte“ Ordnung, Disziplin und Gehorsam bestimmten auch Gert Ottos Entscheidung hinsichtlich seiner Berufswahl entscheidend mit. Eigentlich, so erinnerte er sich, habe er Bildhauer werden wollen. Als er dann aber 1943 auf dem Oranienburger Arbeitsamt vorstellig wurde, disqualifizierte die zuständige Mitarbeiterin diesen Wunsch als „Träumerei“: „Ein deutscher Junge müsse einen ordentlichen Beruf erlernen und später Soldat werden.“ Weil sein Vater diese Ansicht geteilt und für seinen Sohn eine militärische Laufbahn favorisiert habe, habe er sich gefügt und gehorcht, „denn Gehorsam war eine der höchsten Disziplinen jener Zeit“. So begann Gert Otto eine sich streng an den Vorgaben der NS-Ideologie orientierende Lehre zum Metallflugzeugbauer im ortsansässigen Heinkel-Flugzeugwerk, womit zugleich die Ausbildung zum Testpiloten der Luftwaffe verknüpft war. „Dies war der Traum eines jeden Lehrlings.“

Weil der Jahrgang 1929 Ende 1944/Anfang 1945 noch als „letztes Aufgebot“ zu Kriegsdiensten eingezogen werden sollte, wurde die Facharbeiterprüfung der Metallflugzeugbauer-Lehrlinge vorgezogen und Gert Otto nach erfolgreichem Abschluss zur vormilitärischen Ausbildung in Berlin-Hoppegarten beordert.[1] Ehe es aber tatsächlich zur Einberufung kam, wurde Oranienburg am 15. März 1945 von einem schweren Luftangriff getroffen und in Teilen zerstört. Als Gert Otto unmittelbar nach dem Angriff nach Hause eilte, fand er das in der SS-Wohnsiedlung stehende Elternhaus brennend vor. KZ-Insassen waren dabei, das Wenige aus den Fenstern zu werfen, was noch zu retten war. „Das Bild meines Vaters und andere Dinge warfen sie wieder in die Flammen zurück“, erinnerte sich der damals Fünfzehnjährige später an diese Szene. Am Tag nach dem Angriff wurde der verbliebene Privatbesitz auf einen LKW geladen, der sich als Teil eines Konvois auf den Weg nach Dachau machte, wo im dortigen KZ der nächste Einsatz auf Vater Johannes Otto wartete. In Murnau am Staffelsee endete für Gert Otto wenige Tage später mit dem Einmarsch der US-Armee schließlich die Kriegszeit.

Seine rückblickende Reflexion über diese Zeit fiel – wohl recht zeittypisch – eher einseitig aus. „Viele der furchtbaren Erlebnisse des Krieges, das Grauen, die Hilflosigkeit des Ausgeliefertseins und die unendliche Not in jener Zeit“, so resümierte Gert Otto, hätten sich „tief in sein Unterbewusstsein“ eingegraben, „als wären sie verschüttet wie die Opfer in den Luftschutzkellern und Bunkern jener Zeit“. Das war und blieb bis zum Schluss seine Sichtweise, in der etwa die Opfer des Angriffs auf Dresden sehr viel Platz einnahmen, während die ungezählten Opfer in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, an deren Behandlung und Ermordung sein Vater ja einen erheblichen Teil Verantwortung trug, mit keinem Wort Erwähnung fanden. Wenn er nach Fernsehberichten in hohem Alter oftmals keinen Schlaf finden konnte, so waren das nach eigenem Bekunden Folgen der Erfahrungen des Bombenkrieges und der Flucht von Oranienburg nach Bayern, nicht etwa der Verbrechen, die im Namen des NS-Regimes auch wohl auch von seinem Vater Johannes begangen worden waren.[2] Bis zum Schluss sah sich Gert Otto augenscheinlich eher unter den unschuldig Leidenden. Man habe damals geschwiegen, weil „auch wir – genau wie die anderen Nationen der damaligen Zeit – Todesängste ausgestanden haben“. „Und so sagten wir nichts.“ Offenbar tat er sich selbst durchaus auch leid: „Unter diesem Schweigen haben ganze Generationen, die den Krieg, die Flucht oder auch die Gefangenschaft in schrecklicher Erinnerung haben, sehr gelitten. Mittlerweile ist mir bewusst geworden: Durch das Verdrängen, die Vorwürfe und das Unverständnis unserer Kinder leide nicht nur ich, sondern eine ganze Generation meiner Altersgenossen unter einem Kriegs-Trauma.“[3] - Auch hier: Kein Wort über die ungezählten Opfer des NS-Terrors!

Fußnoten

[1] Das Folgende nach Otto, Schürze, S. 34ff.

[2] Hierüber wurde später familienintern offenbar kaum besprochen. Eike Otto bemerkt zu diesem Komplex, dass es keinerlei belastbare Dokumente für konkrete Taten seines Großvaters gebe. Gert Otto habe lediglich erzählt, sein Vater sei für die Bereitstellung von Häftlingen für die in Oranienburg angesiedelten Heinkel-Werke verantwortlich gewesen und habe stets betont, „dass er getan hätte, was er tun konnte, und, wenn er diese Tätigkeit verweigert hätte, er an die Front abkommandiert worden wäre“. Angesichts der frühen und dauerhaften Mitgliedschaft in der SS, der Bekleidung eines Offiziersrangs und der Kenntnisse über die Taten der SS dürfte es sich hierbei wohl eher um eine Schutzbehauptung von Johannes Otto gehandelt haben. Er betonte zudem, er habe auch viel für den seit 1937 im KZ Sachsenhausen inhaftierten Theologen und Repräsentanten der Bekennenden Kirche Martin Niemöller getan und dabei selbst „Kopf und Kragen riskiert“. Schriftliche Mitteilung von Eike Otto, 2.1.2018. Wie erwähnt, brachte auch eine Anfrage an die KZ Gedenkstätten Sachsenhausen und Dachau in dieser Hinsicht nähere Erkenntnisse.

[3] Otto, Schütze, S. 46