Nachkriegszeit

Ehe näher auf diese, angesichts der konkreten Familiengeschichte durchaus befremdliche Sichtweise eingegangen werden kann, gilt es zunächst noch die erste Nachkriegsphase mit in die Betrachtung einzubeziehen.[1] Es sei, so schilderte es Gert Otto, die unmittelbare Nachkriegszeit gewesen, in der Gott begonnen habe, ihn „in seine Schule zu nehmen“. Diese Phase sei für ihn und seine Familie „sehr schlimm“ gewesen, urteilte er rückblickend, „denn die ehemaligen SS-Leute und ihre Angehörigen erhielten keine Lebensmittelkarten, keine finanzielle Unterstützung und hatten auch keinen Anspruch auf eine Wohnung“. Vater Johannes – so zumindest die in dieser Hinsicht recht bruchstückhafte Familienüberlieferung – tauchte nach Kriegsende zunächst unter dem falschen Namen „Joachim Schreiber“ ab und arbeitete im Bergbau in Dortmund-Mengede. Nachdem nach seiner Enttarnung der Versuch misslungen war, ihn wegen seiner Taten doch noch gerichtlich zu belangen[2], wurde er mit seiner Frau in Simmern im Hunsrück. Während Letztgenannte den Zeugen Jehovas beitrat, bleiben Einstellung und Handeln von Johannes Otto auch in diesem Punkt im Dunkeln. So ist innerfamiliär nicht bekannt, ob er diesen Schritt ebenfalls unternahm oder ob er überhaupt gläubig war bzw. wurde.[3]

Zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit: Weil sie die Zustände in Bayern als unzumutbar empfindet, beschließt Familie Otto „eines Tages“ die „Flucht“ über die Zonengrenze nach Börnichen in Sachsen, wo die Großmutter lebte und die Aussicht auf Unterkunft bot. Aber auch hier machte man negative Erfahrungen. Der Bruder seiner Mutter - „ein ehemaliger Kommunist“, der ebenfalls im Haus der Großmutter lebte, sei, so berichtet Gert Otto, zum Ortsbürgermeister ernannt worden. „Nach wenigen Tagen gebot er meiner Mutter, den Ort zu verlassen und anderswo Unterkunft zu suchen. Er könne als Parteigenosse und Bürgermeister des Ortes keine Nazifamilie – also Kriegsverbrechern – Unterschlupf gewähren.“ So zieht Mutter Otto mit Gerts beiden jüngeren Schwestern zu einer ihrer Cousinen nach Micheln bei Glauchau, während er selbst bei seiner Großmutter bleiben kann, zu der er sich ja ohnehin stärker hingezogen fühlte als zu seiner Mutter. Hier habe er nun aber, so seine rückblickende Sicht auf die damalige Lage, zusehen müssen, „wie ich allein über die Runden kam“.

Der Sechzehnjährige suchte nach Verdienstmöglichkeiten, zugleich aber auch nach seinem abgetauchten Vater, von dem er damals nicht wusste, ob er überhaupt noch lebte. Hierzu wechselte er „bei Nacht und Nebel“ häufig über die Zonengrenze, wurde mehrfach festgenommen und kurzzeitig „eingesperrt“. „Am schlimmsten war es mir immer dann ergangen, wenn mich die Russen an der Zonengrenze gefangen hatten. Dann habe ich am eigenen Leib erfahren und sehen müssen, wie sie mit den Männern umgingen, die sie für entlaufene deutsche Kriegsgefangene oder gar für SS-Leute hielten.“

In der unmittelbar folgenden Zeit musste Gert Otto gemäß eigener Sichtweise zahlreiche negative Erfahrungen machen, die er stets ursächlich auf die sowjetischen Besatzer zurückführte und die er nach seiner Überzeugung letztlich nur wegen „der schützenden Hand Gottes“ überlebte. Dabei hatte er zuvor so gut wie keine Beziehung zur Religion gehabt. In seiner Kindheit und Jugend habe er „nie wirklich eine Kirche von innen gesehen“, berichtete er. Eine Art Erweckungserlebnis wiederfuhr ihm dann bei einer der zahlreichen Grenzüberschreitungen, bei der nicht nur er selbst, sondern auch seine Mutter und Schwestern sowie zwei verwundete ehemalige Wehrmachtssoldaten von der sowjetischen Patrouille festgenommen und in den Umkleidekabinen eines nahegelegenen Schwimmbades eingesperrt wurden. Als die Frauen nachts um Hilfe geschrien hätten, habe er versucht, mit den beiden anderen Männern die Tür aufzubrechen und zu helfen. „Irgendwann kam ein junger russischer Soldat, holte uns heraus und trieb uns, mit seiner Maschinenpistole auf uns einschlagend, an den Rand des mit dünnem Eis bedeckten Schwimmbeckens.“ Gert Otto „schickte ein Stoßgebet zum Himmel, auf dass ich aus dieser Hölle lebend rauskommen werde“, und war ob des für ihn glücklichen Ausgangs lebenslang davon überzeugt, dass in diesem Moment sein „Gebet das erste Mal erhört“ worden sei. „Wegen dieser und ähnlicher Ereignisse spreche ich heute von meinem aufgewühlten Herzen, das auf der Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens war.“

Es ist für Gert Otto eine Phase ausgeprägter Orientierungslosigkeit. „Vieles von dem, was mir als Kind und Jugendlicher einst Weg und Ziel bedeutete, galt nicht mehr.“ Seine bis zum Kriegsende geltenden Ideale seien „als schändlich und abartig“ abqualifiziert worden. Während anderen ihr christlicher Glaube geblieben sei, habe er als zuvor vom Nationalsozialismus überzeugter Jungvolk-Angehöriger keinerlei Halt mehr gehabt. Wenn er schon keinen festen Leitlinien mehr folgen konnte, so baute er schnell dauerhaft wirkende Feindbilder auf. „In der erbarmungslosen Hand der Befreier“ überschrieb Gert Otto bezeichnender Weise eines der die Nachkriegszeit behandelnden Kapitel seiner Autobiografie. Von denen fühlte er sich ganz offensichtlich ungerecht behandelt, nicht zuletzt aufgrund des Vorwurfs, Kind einer „Nazifamilie“ und eines „Kriegsverbrechers“ zu sein. „Vorher waren wir noch stolz, und nun mussten wir uns schämen, Deutsche zu sein“, umriss er seine damalige Gefühlslage, die sich aber zugleich auch weiterhin dadurch auszeichnete, dass er nicht in der Lage war, die eigene und insbesondere die Verstrickung seiner Eltern in das NS-Regime kritisch zu reflektieren. Mit den „Vorbildern und Helden der neuen Zeit“ in der sowjetisch besetzten Zone wie Lenin oder Stalin vermochte Gert Otto ebenso wenig anzufangen wie mit den „sogenannten ‚Befreiern aus der Naziherrschaft‘“. Er sei „verunsichert“ gewesen, umriss er seine damalige Verfassung. Einerseits plagten ihn nach eigenem Bekenntnis „unendlich viele Schuldgefühle“, andererseits sah er sich als „Deutscher“ aber auch missverstanden und falsch verstanden. „Jeder Versuch, nur einen Satz über die schrecklichen Erlebnisse, Gefühle und Leiden aus deutscher Sicht zu beschreiben, wurde mit der Bemerkung quittiert, ein unverbesserlicher Nazi zu sein.“ Gert Otto sah sich unter solchen Umständen offenbar zeitlebens als Opfer, denn noch 2015 beklagte er, es tue ihm „weh“, „auch heute noch auf so wenig Einfühlungsvermögen und Verständnis zu stoßen“. Auch nach 70 Jahren blendete er die tatsächlichen Opfer des NS-Regimes weiterhin aus seinen diesbezüglichen Erwägungen aus und erweckte so den Eindruck, sich nie ganz von seiner eigenen Vergangenheit und jener der Familie gelöst oder gar distanziert zu haben.[4]

Stattdessen sah er die Verantwortlichkeit für frühere Geschehnisse deutlich bei anderen und scheute nicht vor dem mittlerweile leider hinlänglich bekannten Vorwurf der bewussten Manipulation der deutschen Öffentlichkeit durch die Alliierten zurück. „Da die Geschichtsschreibung nach dem Krieg den gesetzlichen Auflagen der Siegermächte unterlag, wurde selbstverständlich deren Verhalten und das unserer Nachbarvölker immer positiv beurteilt.“ Oder: „Deshalb entspricht die jüngste Geschichtsschreibung den Vorstellungen der jeweiligen Siegermächte der vier Besatzungszonen Deutschlands und der politisch engagierten, links gerichteten deutschen Studentengeneration der Jahre um 1968.“[5] – Wohlgemerkt: Hierbei handelt es sich nicht um die Meinung eines rechtsgerichteten Populisten der jüngsten Vergangenheit, sondern um die Worte eines evangelischen Pfarrers!

Fußnoten

[1] Das Folgende nach Otto, Schütze, S. 47-58

[2] Laut Eike Otto gab es wohl lediglich eine Zeugengegenüberstellung, bei der Johannes Otto aber nicht identifiziert werden konnte, weshalb gegen ihn auch kein Gerichtsverfahren eröffnet wurde. Schriftliche Mitteilung von Eike Otto, 2.1.2018

[3] Vgl. Otto Schürze, S. 153f. und schriftliche Mitteilungen von Eike Otto vom 18. und 13.10.2017 sowie 2.1.2018. Eine mehrfach an die Gemeindeverwaltung Simmern gestellte Anfrage blieb leider unbeantwortet.

[4] In Gesprächen mit seinem Sohn Eike betonte Gert Otto seine „Verpflichtung, ‚ die andere Seite‘ anzuprangern, weil die Berichterstattung seiner Auffassung nach immer nur einseitig gegen Deutschland gerichtet gewesen sei“. (Schriftliche Mittelung Eike Otto, 2.1.2018)

[5] Otto, Schürze, S. 128 und 130. Es wird an dieser Stelle auf Einzelnachweise zu Gert Ottos Beharrungsvermögen hinsichtlich alter „Werte“ verzichtet, die seine Autobiografie – vielleicht sogar unbeabsichtigt - wie ein roter Faden durchziehen. Sätze wie „Für die Deutschen war nach dem Krieg das Leiden noch lange nicht vorbei“, gerinnen bei ihm zu einem Topos, der seine Sicht der Dinge bestimmte. Die kritische Berichterstattung über die NS-Zeit erschien ihm zumeist „einseitig, verzerrt und ungenau“. Aber gerade seine Sicht der Dinge, das soll hier nochmals betont werden, blieb eine ausgesprochen einseitige. Er schrieb, dass im ehemaligen KZ Sachsenhausen nach 1945 mehr als 3.000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren inhaftiert worden seien, von denen rund ein Drittel im Lager umgekommen sei. Das dürfte weitgehend zutreffen, denn ab August 1945 nutzte der sowjetische Geheimdienst NKWD Sachsenhausen als eins von insgesamt zehn „Speziallagern“ in der sowjetisch besetzten Zone, in denen deutsche Zivilisten gefangen gehalten wurden. Bis zu seiner Auflösung im März 1950 wurden dort mehr als 60.000 Personen inhaftiert, von denen mindestens 12.000 an den katastrophalen Haftbedingungen, an Krankheit, Hunger, psychischer und physischer Entkräftung starben.( Vgl. http://www.stiftung-bg.de/gums/de/index.htm (19.10.2017)) Das alles rückte Gert Otto mit detailliertem Zahlenmaterial in die Mitte seiner Argumentation, ohne auch nur an einer Stelle seiner 438 Seiten starken Autobiografie an jene zehntausenden Menschen zu erinnern, die zwischen 1937 und 1945 unter – zumindest indirekten - Mitwirkung seines Vaters im dortigen KZ ums Leben gekommen waren.