Pfarrjugend: „Wir wollen unsern Bischof sehen!“
Nach den Verboten ihrer früheren Verbände finden die katholischen Jugendlichen ihre neue geistliche Heimat zumeist in ihren Pfarrgemeinden. Für Franz-Josef stellt diese neue Orientierung kein grundlegendes Problem dar, war er doch bereits zuvor schon als Messdiener in der Pfarre St. Maria im Kapitol aktiv gewesen.
In der Pfarrei kommt es nun jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen „Alt und Jung“, die sich in der Hauptsache um die Ausgestaltung des kirchlichen Lebens drehen, wobei die jüngere Generation die reform der alten Formen der Liturgie anstrebt. So werden von ihnen etwa Laienspiele in der Krypta def Kirche aufgeführt oder sogenannte „Michaelsfeiern“ abgehalten – das alles zudem verbunden mit einem kämpferischen Impetus, der vom Großteil der älteren Gemeindemitgliedern abgelehnt wird.
Einen hohen Stellenwert hat für Franz-Josef der freiwillige Religionsunterricht, der in den Pfarreien anstelle des entsprechenden, zwischenzeitlich abgeschafften schulischen Unterrichts erteilt wird. Diese freiwilligen nachmittäglichen Stunden besucht er zusammen mit anderen ehemaligen ND-ern. Besonders motiviert wird er dabei weiterhin durch die Anwesenheit von Kaplan Angenendt. Besonders imponiert ihm, dass sich der Geistliche mit den Kirchenoberen anlegt und daneben dann einen „hervorragenden Religionsunterricht“ gestaltet.
Allerdings sehen sich die informellen treffen in der Pfarrei immer auch Gefahren ausgesetzt. Erst später erfahren die Jungen, dass sich ein Gestapo-Spitzel, der in Köln angeblich Medizin studieren soll, in ihren konspirativen Kreis um Angenendt eingeschlichen hat. Wie das möglich war, und von wem er eingeschleust wurde, bleibt ebenso unbekannt, wie Franz-Josef Blum zeitlebens nicht in Erfahrung bringen konnte, warum dieser Spitzel die Gruppe damals nicht verraten hat. Das wäre, da ist er sich sicher, durchaus möglich gewesen, weil die Inhalte des von Angenendt erteilten Religionsunterrichts gegen die NS-Ideologie gerichtet waren. „Vielleicht waren wir zu harmlos?“ Dabei habe man über das Verhältnis von Staat und Kirche diskutiert und sich dabei über sehr brisante Themen ausgetauscht. Ein Grund für das Schweigen des Spitzels könne es auch gewesen sein, dass sich zwischen ihm und den Jungen im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt habe.
Es kommt vor allem aber deshalb nicht zu einer Eskalation, weil die offenbar misstrauisch gewordenen Jungen eines Tages beobachten, wie der V-Mann in ein großes schwarzes Auto einsteigt, wie sie damals vor allem von Gestapo und Sicherheitsdienst benutzt werden. Auch diese Beobachtung bleibt aber folgenlos, und der Spitzel wird nicht zur Rede gestellt. Die Angelegenheit erledigt sich schließlich dadurch, dass er bald darauf nicht mehr zu den Gruppentreffen erscheint.
Im Rahmen des freiwilligen Religionsunterrichts und anderer Treffen diskutieren die Jugendlichen auch über ethische und religionsphilosophische Fragen. Der noch aus etwa zehn ehemaligen ND-ern engere Kreis beschäftigt sich allerdings auch mit aktuellen und hochbrisanten Themen. So werden beispielsweise die geheim verbreiteten Briefe mit den Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen, in denen er unter anderem deutliche Stellung gegen die „Euthanasie“ bezieht.
Mittlerweile gibt es in St. Maria im Kapitol ein weiteres wöchentliches, bald über die Kölner Stadtgrenzen hinaus bekanntes Ereignis: Nach Kriegsbeginn hat Kaplan Angenendt hier das regelmäßig am Samstagabend stattfindende Beten der Deutschen Komplet eingeführt. Diese Veranstaltungen bekommen schnell eine ungeheure symbolische, aber auch praktische Bedeutung für den Zusammenhalt der jungen Kölner Katholik*innen. Insbesondere nehmen daran auch stets jene Soldaten teil, die auf Heimurlaub in der Stadt weilen und so ihre Freundeskreise treffen und sich mit ihnen austauschen können.
Es gibt einige Begebenheiten, denen für den Zusammenhalt der katholischen Jugendgruppen und für die Andeutung von deren Gegnerschaft zum NS-Regime von großer Bedeutung sind. Hierzu zählt in besonderem Maße die Weihe des neuen Kölner Erzbischofs Frings im Juni 1942. Obwohl der Termin nicht offiziell bekanntgegeben werden darf, versammeln sich die jungen Katholik*innen in großer Zahl vor dem bischöflichen Palais und rufen enthusiastisch „Wir wollen unseren Bischof sehen!“ Das Geschehen entbehrt vor allem auch deshalb nicht einer gewissen Brisanz, als noch einige Jahre zuvor an fast gleicher Stelle von einer großen Ansammlung von Kölner*innen anlässlich eines Hitler-Besuchs skandiert wurde: „Wir wollen unseren Führer sehen!“
Franz-Josef Blum kann sich auch noch gut darauf entsinnen, dass er mit weiteren Gruppenmitgliedern 1941 von Kaplan Angenendt gebeten worden sei, das Kreuz aus dem von der Hitlerjugend beschlagnahmten „Haus Altenberg“ nach Köln zu bringen. Daher hätten sie sich mit der Bahn und zu Fuß aufgemacht, um das Kreuz in Altenberg abzuholen. Sie hätten es - verpackt und an vier Ecken fassend - zu Fuß nach Köln gebracht, wo es dann in der Krypta von St. Maria im Kapitol aufgehängt worden und trotz der zerstörerischen Bombenangriffe auf diese Kirche unbeschädigt geblieben sei. Nicht zuletzt deshalb erlangt dieses Kreuz einen hohen symbolischen Wert für alle gläubigen Katholiken im Rheinland. Nach dem Krieg wird es in feierlicher Prozession nach Altenberg zurückgeführt.
