Der Beginn

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts intensivierten sich – nicht zuletzt durch den Bau der Bagdadbahn – die deutsch-türkischen Handelskontakte, womit auch eine stärkere technische und politische Einflussnahme von Deutschen im Osmanischen Reich und hierbei insbesondere in Istanbul einherging.[1] Die Voraussetzungen waren günstig: Istanbul verfügte über den wichtigsten Seehafen des Reiches und war dessen größte Handelsstadt. Zugleich ermunterten zu dieser Zeit nach europäischem Vorbild durchgeführte Reformen westliche Geschäftsleute, sich im Osmanischen Reich zu engagieren oder gar niederzulassen. Deutsche Kaufleute bauten Kommissionsgeschäfte mit europäischen Waren auf und siedelten ihre Warenlager in Stambul an, während sie mit ihren Familien im nördlich davon gelegenen Pera (heute: Beyoğlu) am Goldenen Horn wohnten.[2]

Mit den neuen Einwohnern kam auch eine auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Infrastruktur: Bereits im April 1846 konnte der „Evangelische deutsche Wohltätigkeitsverein“ das erste „Deutsche Krankenhaus“ in Galata eröffnen, womit der erste institutionelle Pfeiler der neuen, zunächst eindeutig protestantisch dominierten „Wohngemeinschaft“ am Bosporus verankert war. Dabei konkurrierten innerhalb des Vereins zwei Parteien, nämlich die preußisch-evangelische und die großdeutschnationale. Ab 1848 versuchte der Historiker Andreas David Mordtmann als Vereinsvorsitzender die Wogen zu glätten. Zugleich setzte er sich besonders für die Übernahme der Krankenpflege durch Diakonissen aus Kaiserswerth ein, wodurch er eine lange Tradition gründete, in deren Folge in den 1960er Jahren auch Gert Otto den Weg nach Istanbul fand. Insgesamt aber blieben die Verhältnisse der deutschen Community spannungsgeladen, was dazu führte, das alsbald zwei deutsche Krankenhäuser um ihre Landsleute rivalisierten: das evangelische „Preußische Krankenhaus“ unter Leitung der Diakonissen und das katholisch geführte „Deutsche Krankenhaus“ der „Barmherzigen Schwestern“. Außerdem gab es bis zur Vereinigung im Jahr 1872 eine protestantische und eine katholische Schule.[3]

Hatte die sogenannte „Deutsche Kolonie“ in Istanbul 1864 etwa 1.500 bis 1.800 Personen gezählt[4], erfuhr sie nach der Fertigstellung der Bahnverbindung „Berlin-Konstantinopel“ Ende der 1880er Jahre und der damit einhergehenden Intensivierung der deutsch-türkischen Beziehungen einen erheblichen Anstieg.[5] Das Deutsche Reich festigte in der Folge - vor allem zu Lasten Englands - seinen wirtschaftlichen und militärischen Einfluss im Osmanischen Reich erheblich. Der deutsche Export stieg von 1889 bis 1913 um das 145fache, der Import türkischer Waren im gleichen Zeitraum um das 32fache. Die mit der Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen einhergehende verstärkte Präsenz deutscher Staatsvertreter innerhalb der „Kolonie“ und deren Institutionen erleichterten auch die Identifizierung der hier wohnenden Deutschen mit ihrer „fernen Heimat“, deren Geschicke genau verfolgt wurden. Deutsche Offiziere und Beamte, die für die osmanische Regierung arbeiteten, organisierten sich in dezidiert „deutschen“ Vereinen und Vereinigungen. Außerdem wurden die Beziehungen der Istanbuler Deutschen zum Deutschen Reich auch durch Personen gefördert, die sich ausdrücklich eine „Erstarkung des Auslandsdeutschtums“ zur Aufgabe gemacht hatten.[6]

All diese Entwicklungen und Einstellungen hatten zur Folge, dass die Angehörigen der stark deutsch-national ausgerichteten deutschen Gemeinschaft in Istanbul in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg enger zusammenrückten, allerdings nicht schutzsuchend, sondern – so Anne Dietrich – „in elitärer Überheblichkeit“. Deutschsein sei nunmehr mit Begriffen wie Einigkeit, Stärke, Erfolg und politischem Ehrgeiz konnotiert gewesen.[7] Der Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 markierte dann den Höhepunkt der deutsch-türkischen Beziehungen, was seinen deutlichsten Ausdruck in der sogenannten „deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft“ fand.[8] Aber auch die Infrastruktur innerhalb der Kolonie war stetig ausgebaut worden. So existierte beispielsweise neben der „Deutschen Schule“ in Pera, die Vorschule, Handelsschule und Lyzeum umfasste, zusätzlich eine deutsche Grundschule in Haidarpasa auf der asiatischen Seite Istanbuls sowie eine weitere deutsche Grundschule in Yedikule, damals eine Vorstadt im europäischen Teil.[9]

Fußnoten

[1] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 67

[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 76

[3] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 84ff.

[4] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 91

[5] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 122

[6] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 132

[7] Dietrich, Deutschsein, S. 139

[8] Dietrich, Deutschsein, S. 137

[9] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 142